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Politik: Soziales & Bildung

Zivilcourage gegen Rassismus, Diskriminierung und Mobbing

Wie wird man eine Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage?

Q-rage 2004
Q-rage 2004
Die meisten Menschen, die man fragt, sind selbstverständlich gegen Rassismus und gegen Diskriminierung, auch Mobbing lehnt fast jeder ab. Eigentlich dürfte es das alles also gar nicht geben. Trotzdem gibt es das, reichlich. Irgendjemand muss es doch sein, der das macht? Von den Nazis kennt man das, die stehen dazu, sie reden gar nicht drumherum, nennen es "Ausländerklatschen" oder noch schlimmer. Aber das alles geht auch ohne Fäuste und ohne Waffen, mit Worten, Mimik, Gesten und sozialer Ausgrenzung.

Fragt man einmal die, die sich als Opfer von Diskriminierung oder von Mobbing fühlen, kommt man der Sache schon näher: es fängt nämlich meist schon ganz klein und angeblich harmlos an. Sich herumzudrehen, wenn einer zur Tür reinkommt, das Zeigen der kalten Schulter, das Auslachen, wenn sich einer verspricht oder stottert oder beim Sport halt mal nicht so eine gute Figur macht, damit fängt es an. Es ist also nicht immer nur Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit das Thema, es geht nicht erst bei der Geschlechterdiskriminierung los oder mit der Kaffetasse, die mit Sekundenkleber auf dem Schreibtisch befestigt wurde. Ganz gezielt werden auch Lehrer gemobbt und die Filme dann auf Youtube hochgeladen. Mein kleiner Bruder hat vor einiger Zeit erzählt, dass nach Unterrichtsende an einer anderen Schule ein 12jähriger Schüler von drei älteren in einer Telefonzelle eingesperrt wurde (die haben die Tür von außen zugehalten, als er dort telefonierte, ließen ihn nicht mehr heraus). Einer von den dreien filmte das ganze mit seinem Handy, und stellte das nachmittags dann auch noch ins Internet. Von mindestens 100 anderen älteren(!) Schülern, die an dem Busbahnhof warteten, griff übrigens keiner ein, erst der Busfahrer verscheuchte die Bande. - So viel zum Thema Zivilcourage.

Die Erkenntnis tut vielleicht weh, aber es könnte auch ein heilsamer Schock sein: wir alle können das, wir alle sind in der Lage zu dissen und zu mobben, und manchmal tun wir es auch. Warum wir das mal da und mal dort tun, mal heftig und mal weniger schlimm, ist ethisch betrachtet eigentlich sekundär. Primär wäre es zu fragen: gibt es einen Schutz davor, eine Form der Kultiviertheit, die diese recht primitiven Strukturen verhindert oder wenigstens bremst?

Ja, das gibt es: ein Schutzmechanismus ist die soziale Kontrolle. Denn nicht jeder lernt konstruktives Verhalten zuhause, da ist es dann wichtig, dass destruktive Abweichungen öffentlich kontrolliert und korrigiert werden. Dies ist einer der Ansätze, die zu dem Projekt Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage geführt haben. In Wikipedia ist ganz gut beschrieben, wann und wo das entstanden ist (Belgien 1988, Niederlande 1992, Deutschland 1995) und wie das organisiert ist: "Um den Titel Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage zu bekommen, müssen Schulen drei Voraussetzungen erfüllen: Mindestens 70 Prozent aller Menschen, die in einer Schule lernen und arbeiten, müssen eine Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben, dass sie sich künftig gegen jede Form von Diskriminierung wenden. Sollte es zu Diskriminierungen kommen, verpflichten sich die Unterzeichner zu aktivem Einschreiten. Schließlich muss eine SOR-SMC-Schule mindestens einmal im Jahr einen Projekttag zum Thema durchführen. Außerdem muss die Schule, bevor sie den Titel verliehen bekommt, einen Paten finden, der ihre Schule unterstützt."

Das kann man natürlich auch kritisieren, denn 70% sind recht wenig, außerdem ist es unklar, was denn "aktives Einschreiten" sein soll, und die Unklarheit der Definition programmiert Konflikte. Was für den einen noch Auseinandersetzung ist, ist für den anderen schon Mobbing, was für manche Kritik an einer Weltanschauung ist, verstehen deren Anhänger vielleicht als Anti-Ismus, und das Wahrnehmen sowie das Thematisieren sozialisationsbedingter Unterschiede kann man auch als Ausländerfeindlichkeit interpretieren. Was fehlt, ist der allgemeinverbindliche Maßstab. Dazu kommt, dass die führenden Köpfe des Projekts selbst nicht ideologiefrei sind und ihnen auch vorgeworfenen wird, dass sie gegen Christen Vorurteile schüren würden, während sie den Islam dagegen unkritisch sehen würden. Diese Debatte kann man bei Wikipedia nachlesen, das würde hier zu weit führen.

Trotz aller Kritikpunkte, die ich selbst auch als problematisch ansehe, finde ich das Projekt dennoch gut. Warum? Eigentlich ist das ganz schnell gesagt: Darüber zu reden ist immer besser als etwas totzuschweigen. Wenn dadurch bestimmte Probleme von Integration und Akkulturation in den Köpfen wachgehalten werden, ist schon viel gewonnen. Menschen müssen begreifen, dass Diskriminierung kein Kavaliersdelikt und Mobbing kein Spaß ist.

Eins von vielen guten Videos zum Thema (weitere gibt es unter www.schule-ohne-rassismus.org):

YouTube Video

Bild: Plakat der Kampagne von Q-rage, eigener scan, Q-rage 2004, Illustration: Peter O. Zierlein

1&1 DSL

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Schlüsselwörter: Zivilcourage | Q-rage | Radio Q-rage | SOR-SMC | Schule ohne Rassismus | Schule mit Courage | Diskriminierung | Mobbing

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Kommentare

Chaim
am 07.01.2010 21:51:14 (84.59.238.xxx) Link Kommentar melden
Dazu kommt, dass die führenden Köpfe des Projekts selbst nicht ideologiefrei sind
Ideologiefreiheit ist auch eine Ideologie. Wink
master of desaster
am 08.01.2010 15:09:09 (69.162.66.xxx) Link Kommentar melden
Genau das habe ich heftig mit meinem Ethiklehrer diskutiert (der ziemlich links ist, wie er von sich selber sagt und außerdem auch noch taz-Abonnent). Wir kamen da auf keinen gemeinsamen Nenner. Aber ich sehe das auch so (obwohl ich völlig areligiös bin), dass hier die Christen gedisst und in eine Ecke gestellt werden, der Islam dagegen etwas schöngeredet. Die Verweise zu dieser Diskussion habe ich ja im Artikel benannt. Trotz dieser Kritik finde ich das Projekt aus politischen Gründen gut.
OZ24
am 08.01.2010 17:36:53 (84.183.171.xxx) Link Kommentar melden
Sehr schöner Artikel!
I Mayer
am 08.01.2010 18:55:35 (93.207.39.xxx) Link Kommentar melden
Da sind Sie mir doch um einige Minuten zuvorgekommen, dieser Autor hat wirklich interessante Themen und einen guten Stil. Letzteres auch in den Kommentaren. Wirklich sehr vorbildlich, und dennoch wirkt er auf mich eher bescheiden.

Ein aufgehender Stern...?
Chaim
am 10.01.2010 21:45:33 (84.59.48.xxx) Link Kommentar melden
Trotz dieser Kritik finde ich das Projekt aus politischen Gründen gut.

D'accord! Smile
Emanuel Speh
am 31.01.2010 14:54:11 (84.19.169.xxx) Link Kommentar melden
ein Schutzmechanismus ist die soziale Kontrolle
Ein wichtiger Punkt, leider reicht das nicht in allen Fällen, z.B. dann nicht, wenn besonders viel kriminelle Energie eingesetzt wird und wenn die Umstehenden zuschauen.

Manchmal, wie neulich in Bayern, kann es einen ja sogar das Leben kosten, wenn man eingreift und nicht nur zuschaut.
Chaim
am 31.01.2010 22:06:55 (84.59.40.xxx) Link Kommentar melden
Zivilcourage zeigt sich da, wo Menschen gegen Haß, Gewalt, Dummheit oder auch Behördenwillkür oder einfältige Richter aufstehen, einfach Widerstand zeigen.... - und damit auch ganz leicht guten Erfolg haben.

Ratten zeigen zwar eine gewisse Form von primitiver Intelligenz, aber sie sind dem wahren Menschen immer unterlegen...

Smile
Zivilcourage
am 09.02.2010 03:04:49 (95.208.99.xxx) Link Kommentar melden
Mir geht es in diesem Kommentar um einen hier vorgestellten Prominenten Hape der sich sozial engagiert. Hape Kerkeling bleibt aber wohl (leider) die Ausnahme. Es wäre für mich eine echte Überraschng wenn mehr Prominente den Mt hätten sich für OPFER von Unrecht einzusetzen. Künstler Prominente und unabhängige Journalisten Buchautoren sollte mal mit einem kostenlosen Auftritt bei einem Benefizkonzert der unabhängigen Opferhilfe auftreten, oder... sogar mutig solidarisch PATE für ein soziales Projekt werden. Solche Veranstaltungen mit denen man die Öffentlichkeit sehr viel besser informieren kann können dann auch Presse Rundfunk und Fernsehen nicht einfach totschweigen. Songs gegen Armut, Songs gegen Unrecht, Songs gegen Gewalt sind ein weiterer Weg um der Zensur von Justiz Behörden und Lobbygruppen etwas entgegen zu setzen. Es ist natürlich nicht einfach zu prganisieren denn Finanazämter als Teil dieses Zensur Systems verweigern solchen Vereinen natürlich gleich die Gemeinnützigkeit und damit die Möglichkeit an Spenden heran zu kommen.
Chaim
am 09.02.2010 06:34:45 (88.68.98.xxx) Link Kommentar melden
Das ist natürlich Unfug:
Finanazämter als Teil dieses Zensur Systems verweigern solchen Vereinen natürlich gleich die Gemeinnützigkeit und damit die Möglichkeit an Spenden heran zu kommen.

Richtig ist vielmehr, daß Finanzämter nicht Zensur ausüben können, wie denn auch. Ich habe bereits bei der Gründung etlicher gemeinnütziger Vereine mitgewirkt, so schwer ist das nicht, die §§ zu berücksichtigen, die Finanzämter und Amtsgerichte helfen einem sogar dabei:

§ 52 der Abgabenordnung (AO)

§ 52 Gemeinnützige Zwecke
(1) Eine Körperschaft verfolgt gemeinnützige Zwecke, wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern. Eine Förderung der Allgemeinheit ist nicht gegeben, wenn der Kreis der Personen, dem die Förderung zugute kommt, fest abgeschlossen ist, zum Beispiel Zugehörigkeit zu einer Familie oder zur Belegschaft eines Unternehmens, oder infolge seiner Abgrenzung, insbesondere nach räumlichen oder beruflichen Merkmalen, dauernd nur klein sein kann. (...)

Kann man dann weiterlesen, dort steht alles drin...
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