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Medien: Witziges & SkurrilesWer ist eigentlich Erwin Schneiderbauer? - Oder: das "Haberfeldtreiben"

Mobbing anno dazumal: Haberer
Das Haberfeldtreiben ist ein heute nicht mehr gebräuchliches Rügegericht im Bayerischen Oberland ... dem oft Reiche oder Angehörige der Obrigkeit zum Opfer fielen, zumeist aber Frauen, die unverheiratet schwanger geworden waren.
Dabei handelte es sich um ein nach mehr oder weniger festen Regeln ablaufendes Ritual, in dessen Verlauf den Beschuldigten in Versform ihre Verfehlungen vorgehalten wurden. (...) In der Regel versammelte man sich auf Wiesen oder Hügeln in Hörweite der betroffenen Dörfer. Die Inhalte der "Treiben" waren häufig sittlicher Natur (gemessen an den Moralvorstellungen des Volkes), eben so oft aber wurden auch soziale oder wirtschaftliche (Un-)Taten gerügt. (...)
Mit einer einzigen Ausnahme ist nicht bekannt, dass sich jemals eines der Treibopfer aus dem Haus gewagt hätte. Bei diesem einen Treiben war es ein mutiger Wirt, dem allerdings durch Gewehrschüsse schnell gedeutet wurde, er möge sich wieder in seine Stube zurückbegeben. Die Haberer waren also nicht auf Körperkontakt und Ausübung physischer Gewalt aus. (...)
Quelle. Wikipedia: Haberfeldtreiben
Der Wikipedia-Artikel hört sich harmlos an, ist es aber keineswegs. Denn das Spektakel birgt in sich die Ausschreitung. Es enthält den Keim der Grenzüberschreitung. Wenn Gewehrschüsse von einem Opfer nicht als Gewalt verstanden werden sollen, was ist ein Schuß aus einem Gewehr denn dann? - Man könnte jetzt feinsinnig differenziert über Gewalt philosophieren. Wo fängt Gewalt an? Wenn man sich so aufführt, daß sich das Opfer nicht aus dem Haus wagt? Wir reden heute von Stalking und Mobbing, das sind Formen psychischer Gewalt, so wie beim Haberfeldtreiben auch. Die Auswirkungen bei den Opfern können sich psychisch oder somatisch auswirken, übrigens auch als Suizid.
Fest steht also: Menschen wie Erwin Schneiderbauer sind strukturell psychische Gewalttäter, und sie spielen mit dem Feuer. Ihre braune Sprache, die unter- oder vorbewußt Anleihen nimmt bei anderen Bierzelt- oder Hofbräuhausrednern, die im Bayrischen großgeworden sind, verrät sie. Wie der Agrarstatistiker Georg Keckl vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Statistik zu Erwin Schneiderbauer meint: "Früher waren es die Hexen, bei den Nazis die jüdischen Landhändler und Börsenspekulanten. Heute die Raubtierkapitalisten. Schneiderbauer sollte sich besser damit befassen, wie Marktwirtschaft funktioniert." Quelle
Die bizarren Verschwörungstheorien eines Bauern
Von Michael Miersch 2. Januar 2010, 15:01 Uhr
Unzufriedene Landwirte scharen sich in Bayern um einen Agitator, der bizarre Theorien vertritt. Erwin Schneiderbauer ist davon überzeugt, dass geheime Mächte die Milchpreise manipulieren. Über allem stünden die Illuminaten und Deutschland sei "eine Scheindemokratie", glaubt der Milchbauer aus Niederbayern.
Quelle: Welt Online 02.01.2010
Es ist kein Wunder, daß sich geistig wie wirtschaftlich Zukurzgekommene und Verlierer aller möglicher gesellschaftlichen Entwicklungen immer wieder auf ganz bestimmte gemeinsame Nenner einigen können: auf braune Esoterik, auf völkisches Blut-und-Boden-Gewäsch, auf Fremdenfeindlichkeit und natürlich - seit Jahrtausenden "bewährt" - auf Antisemitismus. Wer eine Person des öffentlichen Lebens in Deutschland 70 Jahre nach dem Holocaust "Bauernjudas" nennt, wird sich jedenfalls den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen müssen. Obwohl dies natürlich in Bayern eigentlich zur gut-katholischen Tradition des Antijudaismus konstitutiv dazugehört, siehe Passionsspiele in Oberammergau.
Wer gesellschaftliche und politische Entwicklungen verschlafen hat oder ganz einfach die Marktwirtschaft nicht verstanden hat, der greift besonders gern zu Verschwörungstheorien. Denn schuld sind ja immer die anderen, nie man selbst. Intelligente Formen, mit Entwicklungen und Herausforderungen umzugehen, wären ja z.B. sinnvolle unternehmerische Entscheidungen, auch Fortbildung oder Neuorientierung. In den 80er Jahren vertrat einmal eine linke Politikerin in einem nördlichen Bundesland, das von der heftigen Strukturkrise geschüttelt war - Schiffsbau, Automobilbau und die Fischerei gingen ebenso in die Knie wie der Tourismus - öffentlich anläßlich einer Podiumsdiskussion die Auffassung, die Geschichte mit den steuerfreien "Butterfahrten" sei zwar ökologisch und politisch falsch, müsse aber wegen der Arbeitsplätze gefördert werden. Damals bekam sie von einem Mit-Diskutanten die Antwort, mit einem solchen Quatsch-Argument müsse man doch die Todesstrafe wieder einführen, auch das sichere Arbeitsplätze, z.B. für die Henker. - Den Unfug mit den "Butterfahrten" hat ja dann aber 15 Jahre später die EU beendet, heute kräht kein Hahn mehr danach. So wie auch bei der deutschen Steinkohle, einem der überflüssigsten Milliardengräber unserer Zeit. Die Aufgabe heißt nämlich Anpassung, das wußte doch schon Charles Darwin.
Einer, der lieber den leichteren Weg geht und dabei auch noch einen hervorragenden braunen Rattenfänger abgibt, ist also dieser Landwirt und Rinderzüchter Erwin Schneiderbauer. Er versteht es, die unterschiedlichsten Ideologien zu vereinigen, und so bekommt er Beifall von Globalisierungsgegnern wie von EU-Kritikern, von "attac" ebenso wie von Linken, Grünen, Braunen, Katholiken, Impfgegnern und Verschwörungsfuzzis jeglicher Art. Charisma hat der Mann, jedenfalls in Bayern; woanders versteht man ihn ja zum Glück gar nicht. Der wüste Demagoge aus dem bayrischen Kornöd (Landkreis Rottal-Inn) läßt es gerne krachen und nimmt - unter dem Gejohle seiner ebenso dümmlichen Zuhörerschaft - den Mund oft ziemlich voll. Mal sehen, wann er sich daran verschluckt.
- Offener Brief an Schneiderbauer auf agrarheute.com
- Richtigstellung des Bayrischen Bauern-Verbands
- Jagdszenen aus Niederbayern. Bühnenstück in 17 Bildern von Martin Sperr (1965)
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Kommentare
Man versteht, was der Mann inhaltlich alles von sich gibt, kein weiterer Kommentar nötig 
Gewalt ist niemals "harmlos", per definitionem nicht!
Ziemlich widerwärtig, dieses Haberfeldtreiben.
Zuviel TRIEB ganz einfach!




gut argumentiert