Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Internet: Fundstücke

Foren im Internet - ein Tummelplatz für Streithansel und Stänkerer?

Sokrates für geistig Arme... oder: Wie man es macht, ist es verkehrt

M.C. ESCHER "Mirror"
M.C. ESCHER "Mirror"
"Liebling... - es ist nicht so, wie Du denkst!"

Dieser bei Männern, die etwas an ihrem Verhalten zu erklären haben, besonders häufig vorkommende Satz könnte als generelles Muster von Kommunikation im Internet dienen (falls man die Anrede wegläßt): "...es ist nicht so, wie Du denkst!". Sowohl im freundlichen Sinn, nämlich wenn ein Autor andere Menschen, also die Leser und Diskutanten, in dankenswerter Weise an seinem Wissen teilhaben läßt, als auch im eher aggressiv-kämpferischen Sinn. Jede Belehrung kann schließlich als positiv wie auch als negativ wahrgenommen werden. Das entscheidet allein der, der die Belehrung erfährt, ganz subjektiv.

Der Satz "...es ist nicht so, wie Du denkst!" ist kommunikationswissenschaftlich gesehen vielfältig interessant, gemäß dem bekannten Modell (der "Vier Seiten einer Nachricht" nach Schulz von Thun, hier auch auf spanisch) kann er also vom Empfänger der Nachricht als Beziehungsbotschaft wahrgenommen werden ("Du hast ja keine Ahnung, Du bist blöd") oder auch als Sachinformation ("ich möchte Dir gerne die folgende Information geben..."). Auch der Appell ("lies dies, tu das...") ist ebenso denkbar wie die Selbstaussage (Ich-Offenbarung), denn jeder Sprecher gibt auch(!) etwas von sich preis, von seinem Fühlen, Denken und Wollen. - Auf der anderen Seite gilt aber: Was er hören oder lesen will, hört oder sieht der Hörer und Leser ohnehin, darüber entscheidet er ganz allein... - die meisten Sprecher und Autoren sind sich dieses Umstands offenbar nicht immer bewußt. Beeinflussen läßt sich da recht wenig, mit dieser Erkenntnis könnte man also etwas mehr Gelassenheit entstehen lassen.

Hierzu gibt es einen netten Witz:

Eine Mutter schenkt ihrem Sohn zum Geburtstag zwei Hemden, ein kariertes und ein gestreiftes. Er bedankt sich, will ihr eine Freude machen und geht sich gleich umziehen. Als er wiederkommt, hat er das gestreifte an. Darauf die Mutter ganz enttäuscht und vorwurfsvoll: "Ach so, das karierte Hemd gefällt Dir also nicht?!"

Wie man es macht, ist es verkehrt. Das gilt auch in der Kommunikation - letztlich entscheidet nur das Wollen über das Verstehen. Der Hörer und Leser sitzt also immer am längeren Hebel, da kann man noch so präzise formulieren oder formvollendet an Stil und Logik schleifen.

Die vier Seiten einer Botschaft

Kommunikation hat viel damit zu tun, was der Empfänger einer Botschaft hört bzw. wie er diese Botschaft/Nachricht interpretiert. Nur der Sender kann in der Regel wissen, welchen Aspekt er tatsächlich vermitteln will. Häufig macht er dies durch Tonfall oder Körperhaltung deutlich. Der Empfänger hat die Aufgabe, die Botschaft zu entschlüsseln. Je nach eigenen Lernerfahrungen allgemein, situativen Bedingungen oder Vorerfahrungen mit dem Sender der Botschaft, wird er einer Seite den Vorzug geben. Oft ist dem Empfänger nicht bewusst, dass er eine Botschaft einseitig interpretiert.

Kommunikation wird dadurch kompliziert, dass der Empfänger entscheiden kann, auf welche Seite der Botschaft er reagieren will oder der Sender sich bei Rückfragen auf eine der vier Seiten, meist die Sachinhaltsseite, zurückziehen kann und seine ursprüngliche Botschaft verändern kann.

Professionelle Gesprächsführung muss diese vier Aspekte berücksichtigen, d.h. der Berater als Empfänger muss sich verdeutlichen, mit welchem Ohr er hört und im Zweifelsfalle nachfragen, um Missverständnisse zu vermeiden. Als Sender sollte er gegebenenfalls deutlich machen können, welchen Aspekt er beim Ratsuchenden deutlich machen will.

Quelle: Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer in NRW

Dort sind auch konkrete Anwendungen aus dem Lehrer bzw. Beratungsalltag dargestellt:

M.C. ESCHER "Symmetriezeichnung 66" (194
M.C. ESCHER "Symmetriezeichnung 66" (194
Aber wie ist es denn nun, wenn es nicht so ist, wie der Andere denkt, sondern so, wie man es selbst denkt? Schließlich sehen auch Realisten die Welt lediglich so, wie sie sie sehen (so hat es der unnachahmliche Hanns Dieter Hüsch - "Das Neue Programm" - einmal formuliert). Objektivität ist immer eine Herausforderung. Die gemeinhin ein Mindestmaß an Bildung voraussetzt. Genau hier jedoch hat die Technik (mal wieder) die Zivilisation und Kultur überflügelt: einen Blog, eine Webseite, einen Artikel kann jeder verfassen, sei er auch noch so dumm. Beispiele hierfür findet man besonders im Internet überreichlich, aber auch die Leserbriefspalten in Zeitungen zeigen den Zustand einer Gesellschaft ganz deutlich. Das Internet jedoch hat dafür gesorgt, daß auch noch der letzte Dummspruch, der früher sein Dasein an einer Hauswand oder in einer Kneipentoilette fristete, heute weltweit veröffentlicht wird. Wirklich ein wahnsinniger Gewinn.

Um Licht in das Dunkel der Kommunikation im Internet zu bringen, bietet sich natürlich - wieder mal - die Wissenschaft an. Die Psychologin Anja Wiesner von der Johannes Kepler Universität in Linz hat hierzu eine wissenschaftliche Untersuchung gemacht (2007), die

  • in einem Literaturforum
  • unter 50 Probanden
  • sieben Monate lang
eruieren sollte, wie tiefgängig und wie sinnstiftend die Diskussion ist. Kurz gefaßt (hier ein Bericht in der Süddeutschen Zeitung): das Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung bedeutet, salopp formuliert: "nichts genaues weiß man nicht".

Nun ist die Arbeit sicher interessant, wenngleich der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn sehr speziell sein dürfte und kaum zu verallgemeinern ist. Auch die geringe Größe der untersuchten Gruppe wäre zu problematisieren. Forum ist nicht gleich Forum, und die Diskussionskultur von SPIEGEL online unterscheidet sich sehr deutlich von dem hingerotzten Müll auf freenet, bei T-online wird anders diskutiert als bei AOL; generell hat dies alles jedoch wenig zu tun mit dem, was Sokrates gemacht hat, wenn er auf den Markt ging und mit den Menschen gesprochen hat.

Leider begeht die Autorin Mirjam Hauck in der SZ einen groben Denkfehler:

Er war die Geburtsstunde (im Original: Geburtstunde) der Philosophie, der Dialog. Geführt vom Griechen Sokrates mit seinen Schülern, Athener Bürgern und weiteren Geistesgrößen führte er zu neuen Ideen, zu grundlegenden Erkenntnissen über das Wesen der Welt und ein gelingendes Leben. Wie erreiche ich Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit oder Tugend?

Gut zweieinhalbtausend Jahre später bekommt man den Eindruck, dass sich die Dialogkultur vollständig ins Internet verlagert. In Online-Foren diskutieren Sokrates Nachfolger. Philosophische Höhenflüge sind dabei selten. Im Internet treffen Meinungen zu allen erdenklichen Themen aufeinander. Von A wie Alternativmedizin bis Z wie Zelturlaub. Fast jeder hat zu jedem Thema eine Meinung und tut diese - meist anonym - kund.

M.C. ESCHER "Metamorphose"
M.C. ESCHER "Metamorphose"
Ich weiß nicht, was Frau Hauck noch alles kann und macht, außer in der SZ Artikel zu schreiben. Nur: ein Dialog, der dia-logos, das vernünftig geführte zielorientierte Gespräch, die sinnvolle Unterredung, kann schlechterdings keine "Geburtsstunde" sein. Das eine ist ein Zeitbegriff, das andere eine Methode; die Metapher ist krumm und schief, sie ist Unfug. Den (vernünftigen) Dialog gab es lange vor Sokrates. Er hat den Dialog lediglich als erkenntnistheoretische Methode in die Philosophie eingeführt, und selbstverständlich hat er nicht mit Hinz und Kunz (solche philosophischen) Dialoge geführt. Mit seiner Frau Xanthippe z.B. hat er eher nicht über hochfliegende Themen wie Tapferkeit gesprochen, höchstens über bodenständige wie das Haushaltsgeld. - Zweiter Punkt: nicht jeder, der im Internet über Literatur oder Politik den Austausch oder Streit sucht, versteht sich selber so, als sei er "Philosoph" oder gar "Nachfolger" von Sokrates (dazu gehört ja nun wirklich etwas mehr, als einen PC starten und eine Tastatur bedienen zu können). - Drittens: die Kommunikationswissenschaft ist längst über eine sokratische Interpretation der Kommunikation hinweg. Wie wir heute wissen, dient Kommunikation in den wenigsten aller Fälle dem Informationsaustausch (oder gar der Erkenntnis der Wahrheit - das schließlich war Sokrates' Ziel und Motivation), sondern dem Herstellen sozialer Beziehungen. - Viertens ist der Wahrheitsbegriff Sokrates' (a-letheia, das Unverborgene oder, wie Heidegger sinnreich verdeutscht: das Ent-Borgene) doch recht weit von dem entfernt, was wir heute unter Wahrheit verstehen respektive dem, was im Internet unter diesem Begriff subsumiert wird... - aber fünftens, und das ist wirklich ein ganz schlimmer faux-pas: wenn man im Zusammenhang mit PHILOSOPHIE einerseits und mit SOKRATES andererseits von MEINUNGEN redet oder schreibt, hat man offensichtlich weder recherchiert noch nachgedacht, ist man einfach schlecht vorbereitet: "Fast jeder hat zu jedem Thema eine Meinung und tut diese - meist anonym - kund."

Sorry, das ist für eine renommierte Zeitung wie die SZ wirklich mehr als peinlich. Die MEINUNG (altgriechisch doxa) ist für Sokrates sozusagen der Beelzebub unter den Teufeln. Denn die MEINUNG (doxa) ist für ihn nur Scheinwissen, also das, was wahres Wissen und damit die Wahrheit verhindert. Wer "Meinung" und "Sokrates" so in einem Atemzug nennt wie die Autorin der SZ, der vertritt damit zwar eine (objektiv falsche und im übrigen völlig belanglose) Meinung, zeigt aber gleichzeitig seine Unwissenheit betreffs der Philosophie, in Bezug auf Sokrates und überhaupt.

Wenn ein Artikel über eine wissenschaftliche Arbeit so grobe Mängel enthält, sinkt die Lust des Lesers, sich mit dem vorgestellten Forschungsbericht näher zu befassen; und das ist eigentlich schade. Journalistische Sorgfalt ist eine Form der sozialen Verantwortung, dies ist somit eine Frage des Handwerkszeugs und der Einstellung. Auch in der SZ gibt es hier also Optimierungspotential.

YouTube Video

  • Bildnachweis:
eigene scans von Postkarten mit Escher-Motiven

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Diskussion | Diskussionskultur | Streit | Verschwörungstheorie | Dummheit | Unwissen | Bildungslosigkeit | PISA | Meinung | Süddeutsche Zeitung
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

349
am 25.01.2010 17:20:10 (76.76.104.xxx) Link Kommentar melden
In Online-Foren diskutieren Sokrates Nachfolger. Philosophische Höhenflüge sind dabei selten. Im Internet treffen Meinungen zu allen erdenklichen Themen aufeinander. Von A wie Alternativmedizin bis Z wie Zelturlaub. Fast jeder hat zu jedem Thema eine Meinung und tut diese - meist anonym - kund
.
Das stimmt, Höhenflüge sind selten. Wink
300
am 25.01.2010 19:05:45 (69.162.66.xxx) Link Kommentar melden
Den (vernünftigen) Dialog gab es lange vor Sokrates. Er hat den Dialog lediglich als erkenntnistheoretische Methode in die Philosophie eingeführt

Wir hatten das im Ethikunterricht. Sokrates war auch der festen Überzeugung, dass derjenige, der weiß, was gut ist, auch das Gute tut. Ein Irrglaube, denn wir wissen vieles, was gut wäre zu tun, und tun es trotzdem nicht. Ich weiß, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist und ich rauch trotzdem.
288
am 25.01.2010 22:37:19 (95.169.241.xxx) Link Kommentar melden
"ich bleibe dabei dass man sich als Regierung nicht einmischen darf in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten"

@Chaim:
obgleich ich vieles, was hier als bedeutende Rhetorik beispielhaft angeführt wird, für die gottgegebene Arroganz und Herablassung eines fast-90-jährigen (der darf das!) gegenüber einer in seinen Augen wohl eher jugendlichen Interviewerin halte, hat obiger Satz doch genau das, was ich im Hinblick auf die Afghanistanpolitik als Merksatz für die bundesdeutsche Einmischung in die inneren Angelegenheiten (eines uns nicht angreifenden Staates) unterstreichen würde.
Das Video empfiehlt sich nach imho nicht so sehr wegen der rhetorischen Überlegenheit, sondern wegen der menschlich hochwertigen Haltung eines Ex-Kanzlers, der erst nach seiner Amtszeit wirklich zur Hochform auflief.
Dir würde ich daher raten, nicht so sehr auf das WIE sondern auf das WAS Helmut Schmidt sagt, einzugehen.
288
am 25.01.2010 22:51:11 (95.169.241.xxx) Link Kommentar melden
albern? ich kann doch nichts dafür, dass du nur mittels rabulistischer Hilfsmittel zu Kommunikation fähig bist. Lies doch mal Kirschner. Oder Ruede-Wissmann, übrigens einer meiner hochverehrten Kollegen, denn ER weiss, was sich gehört.
Neben der dialektischen und rhetorischen Stilmittel muss aber auch CONTENT kommen, sonst verkommt die beste Rhetorik zu hohlem Geschwätz. Wie bei dir.
163
am 26.01.2010 11:00:10 (95.208.96.xxx) Link Kommentar melden
Wie feige sind eigentlich so manche Menschen die es einfach nicht wagen ISRAEL wegen seiner Kriegsverbrechen beim Namen zu nennen ? Feigheit endet scheinbar aber nicht nur beim Einzelnen sondern auch bei Ländern und Regierungen Es gehört scheinbar Mut dazu mal auszusprechen das sogar die UN nicht den Mut hat das rauben von fremdem Eigentum (deren Land) das töten anderer Menschen (Palästinenser) Kriegsverbrechen sind
288
am 26.01.2010 15:56:54 (95.169.243.xxx) Link Kommentar melden
Dann überleg bitte aber auch, daß sich Deutsche dann ebenfalls nicht einmischen sollten in die inneren Angelegenheiten der USA, Chinas, des Sudan oder auch...

...ja, auch nicht in die inneren Angelegenheiten Israels.

es gibt einen Unterschied, den jeder nur halbwegs vernunftbegabte Mensch kapieren müsste:

Einmischen im Sinne von Kritik ist eine Sache, aber ein Land mit Truppen zu beschicken, Bomben zu werfen ist eine andere.
Mir wäre neu, dass deutsche Truppen in Israel Bomben werfen würden. Wovon also redest du, wie immer unzusammenhängende Kausuistik vermanscht in einen unsäglichen Junktimbrei. Blöd ist dabei ein zu schwacher Ausdruck. Saublöd trifft es eher. Grottenschlecht ist glaub ich am Besten.
288
am 26.01.2010 17:04:29 (95.169.239.xxx) Link Kommentar melden
ja klar, die wiederholen sich genauso stringent wie deine LügenWink
288
am 26.01.2010 17:06:46 (95.169.239.xxx) Link Kommentar melden
Übrigends:
da ich früher auch mit Eseln gearbeitet hab, weiss ich diese zu nehmen;
von ihnen durfte ich lernen, dass ihre vermeintliche Bockigkeit immer nur Ausdruck von Unverständnis war. Bei einem geduldigen, ständig wiederholenden Ausbilder kapiert irgendwann der dümmste Esel, wo es lang gehtWink
288
am 26.01.2010 18:17:45 (95.169.233.xxx) Link Kommentar melden
fehlende Korrekturmöglichkeit: sollte "übrigens" heissen, sorry
288
am 28.01.2010 06:04:28 (217.168.4.xxx) Link
Dieser Kommentar wurde auf Grund eines Verstoßes gegen die Kommentarregeln von einem Moderator gelöscht.
  • Gelöscht von OZ24 am 28.01.2010 11:13:20.
Seite 1 von 2: 1 2

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.08 Sekunden
39,654,084 eindeutige Besuche