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Politik: Soziales & Bildung

Zweite Heimat

Voll integriert: "Displaced Persons", Vertriebene und Flüchtlinge

Schauenstein DP camp, about 1946
Schauenstein DP camp, about 1946
Ist von Vertriebenen die Rede, denkt man meist an Erika Steinbach, die derzeitige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Die etwas älteren oder aus politischen Gründen am Thema interessierten Leser werden sich vielleicht auch noch an Herbert Hupka erinnern, der als Vizepräsident in dieser Organisation tätig war, und der als hardliner mit solch markigen Sprüchen auffiel wie "40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unser"; deswegen wechselte er - aus Protest gegen die Ostpolitik der SPD - dann 1972 zur CDU, wo er allerdings auch keine politische Heimat fand. Was viele jedoch nicht wissen: Dr. Herbert Hupka stammte aus einer teilweise jüdischen Familie, und wurde deswegen von den Nazis diskriminiert und verfolgt; seine Mutter überlebte das KZ Theresienstadt.

Was ebenfalls ziemlich unbekannt sein dürfte: es gibt auch einen jüdischen Flüchtlingsverband, der speziell die Interessen der jüdischen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge vertreten sollte und wollte. Die Bezeichnung lautet exakt "Verband jüdischer Heimatvertriebener und Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland e.V."

Zur Geschichte des Flüchtlingsverbands

Der Flüchtlingsverband wurde 1962 von osteuropäischen Juden gegründet, die als DPs oder auch auf anderen Wegen nach Deutschland gelangt waren. Die meisten von ihnen stammten aus Polen. In den 60-er Jahren gab es ca. 500 jüdische Flüchtlinge in Frankfurt, von denen etwa 150 dem Verband angehörten.

Laut Satzung aus dem Jahre 1977 versteht sich der Verband als Interessenvertretung seiner Mitglieder "in ihrer Sonderstellung als Heimatvertriebene oder Flüchtlinge gegenüber Bundes- und Landesministerien, Behörden, Institutionen." Weiter...

Programm 12/2009

Die Gruppe der Displaced Persons (DP) war eine Kategorisierung der Westalliierten, die helfen sollte, wieder Struktur und Ordnung in Europa herzustellen. Diese Kategorie umfaßte neben den Überlebenden der Shoah auch Kriegsgefangene und die von den Nazis verschleppten Arbeitssklaven, doch wohin hätte man sie repatriieren sollen? Relativ einfach war das nur bei den Kriegsgefangenen und Arbeitssklaven aus westlichen Staaten, komplizierter bei Staatsangehörigen aus dem gerade entstehenden Ostblock oder bei von der Roten Armee desertierten Soldaten. Besonders kompliziert natürlich bei jüdischen Überlebenden aus allen europäischen Ländern.

Bekanntlich war nach dem Zusammenbruch der staatlichen Strukturen im Zuge des nationalsozialistischen Rassenwahns die Situation für europäische Juden rein staasrechtlich eine ganz spezielle: die Nazis hatten polnischen, deutschen und aus anderen Staaten deportierten Juden generell jede Staatsangehörigkeit aberkannt, wie man es bei der Besichtigung jedes beliebigen KZ dokumentiert finden kann. Außerdem hatten sich die Grenzen verändert: wer einst in Lemberg als polnischer Jude geboren war, fand seine frühere Heimat plötzlich in der Sowjetunion wieder. Wollte man im Kommunismus leben, wenn man ein paar Jahre KZ überlebt hatte? Nicht unbedingt. Auch die Juden jedoch, die nach Polen zurückgingen, sahen sich neuem alten Antisemitismus ausgesetzt, der dann - z.B. im Pogrom von Kielce - zu Mord und Totschlag führte; Ursache waren einmal mehr die verleumderischen "Ritualmordlegenden", die zu den beliebten Mythen der Judenhasser gehören. Allein aus diesem Pogrom 1946 resultierten über 100.000 Juden, die in die westlichen Besatzungszonen Deutschlands flüchteten.

Vor diesem Hintergrund muß man die Gründung des "Verbands jüdischer Heimatvertriebener und Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland e.V." sehen: es ging nicht um Revisionismus wie beim "Bund der Vertriebenen", sondern es ging um Hilfe bei der Integration. Um Beratung, um Organisation, um Solidarität bei Behördengängen oder anderen konkreten Alltagsproblemen. Um Sprachkurse und Weiterbildung, um sozialen Austausch. Um es mit der Selbstbeschreibung des Vereins zu sagen: "Die Tätigkeiten des Verbandes erstreckten sich auf die Bereiche Sozialarbeit, Integration, Kultur und Religion."

Integration. Integration in eine neue, demokratische Gesellschaft. Integration als Ziel von Entwurzelten, von Fremden, die nur polnisch, russisch und jiddisch sprachen. Selbstverantwortlich und aus eigenen Kräften organisiert, ohne Ausländerbeauftragten, ohne Integrationsdebatte. Tun statt reden war das Motto. - Das allein spricht doch für sich selbst, man muß dazu also weiter nichts ausführen, jeder mag selbst seine Schlüsse daraus ziehen.

  • Bildnachweis:
Summary: Class portrait of school children at Schauenstein displaced persons camp, about 1946. Via Wikipedia. Licensing: This work is in the public domain in the United States because it is a work of the United States Federal Government under the terms of Title 17, Chapter 1, Section 105 of the US Code.

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Schlüsselwörter: DP | displaced persons | Lager | UNO | UNRRA
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Kommentare

286
am 25.10.2010 19:48:16 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Integration in eine neue, demokratische Gesellschaft. Integration als Ziel von Entwurzelten, von Fremden, die nur polnisch, russisch und jiddisch sprachen. Selbstverantwortlich und aus eigenen Kräften organisiert, ohne Ausländerbeauftragten, ohne Integrationsdebatte. Tun statt reden war das Motto.

Ich finds interessant. Eine Integration, die funktionierte. Warum nur ging es bei diesen Menschen, bei Türken aber nur so zäh und so schwer (bis gar nicht)?
349
am 26.10.2010 13:26:28 (76.76.104.xxx) Link Kommentar melden
Leistung ist ein Produkt aus Können und Wollen, wenn einer der Faktoren gleich Null ist, ist immer auch das Produkt gleich Null.

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