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Sonstiges: Gesundheit

Campari? Nein, vielen Dank!

E 120 oder E 124? Oder: Was in Getränken so alles drin sein kann...

Campari
Campari
Neulich besuchte ich eine Party bei einem Kollegen. Der war gerade frisch summa cum laude promoviert in "Psychologie", und wir feierten seinen "Doktor". Exklusives Ambiente, nette Gäste, hübsche Damen, zivilisierte dezente Musik, delikate Speisen, erlesene Getränke, intelligente und vor allem höfliche Gesprächspartner, well dressed... - also alles vom Feinsten. Ein netter, intelligenter Kerl, attraktive und auch beruflich erfolgreiche Gattin, beide aus bestem Hause, sie werden ihren Weg gehen... - und vielleicht eineinhalb bis drei Kinder haben (oder auch nicht).

Dabei fällt mir ein, daß ich nicht einmal weiß, welcher Religion der Kollege und seine reizende Gattin eigentlich anhängen, statistisch am wahrscheinlichsten irgendwas Christliches oder Agnostiker, so in der Richtung, vermute ich mal ins Blaue hinein. Das spielt eben einfach keine Rolle in unserem - durch Zusammenarbeit - bestimmten Verhältnis. Wir diskutieren auch nicht politisch, allenfalls also über bildungs- oder wirtschaftspolitische Themen, aber auch nur, sofern sie unsere Arbeit betreffen... - wir wollten an diesem Abend einfach nur nett zusammen sein und eine gute Zeit erleben...

Cochenilleschildlaus

Die Nutzung der Kermes-Laus ist seit der frühen Eisenzeit (Hallstattkultur) belegt, zum Beispiel aus dem Fürstengrab von Hochdorf.

Nun gut. Ich entschuldigte mich kurz bei meinen Gesprächspartnern - es ging um durchaus witzige Sottisen zum Thema kognitive Dissonanz - und ging zum barkeeper, dabei fiel mir der uralte Witz ein:

Sitzt ein Holzwurm an der Bar und sagt: "where's the bar tender?"

Verstanden? Nein? - Egal, ich kann nicht alles erklären; kleiner Tipp, es ging um einen HOLZwurm an der Bar. Der Gast vor mir hatte einen Campari on the rocks geordert, und - offenbar deswegen, weil ich wegen des leuchtenden Rots gedankenlos sinnierend darauf starrte - sprach mich der bar-tender höflich an: "Auch einen Campari, der Herr?" - Worauf ich ohne zu zögern antwortete: "Campari? Nein, vielen Dank! Bitte ein Pils!" - Denn beim Wort "Campari" bekomme ich Schüttel- oder Schreikrämpfe und sehe rot...

Das bedarf vielleicht näherer Erklärung. Im Prinzip singe ich jetzt, an dieser Stelle, das Hohe Lied auf das deutsche Reinheitsgebot. Bekanntlich ist in (deutschem) Bier nur Wasser, Hefe, Hopfen und Malz. Sonst nichts. Die EU würde das zwar gern ändern, daher ist in italienischem Bier ja nun auch Konservierungsmittel usw. oder das "Bier" wird aus Mais statt aus Gerste gebraut, aber in deutschem (untergärigem) Bier ist das recht klar: nur diese vier Zutaten. Ich liebe Deutschland! Da ist alles so klar und so rein! Meistens jedenfalls... - und hier muß ich an die Anekdoten meines Ethnologie-Profs denken, der "Feldforschung" in Ostafrika betrieben hatte und erzählte, wie man dort die Hefe ins Maisbier bekommt:

Karminrot  =  Läuseblut
Karminrot = Läuseblut
Man mischt gestampften Mais im alten (der Hygiene wegen ausgebrannten und vorher dem Konzern Exxon zugehörigen) 200-Liter-Ölfaß mit Brackwasser, spuckt rein (Hefe!) rührt um... - und den Rest besorgt die afrikanische Sonne... - der Alkoholgehalt soll recht ordentlich sein, allerdings braucht der hygieneverwöhnte Westeuropäer dann hinterher (mindestens) eine Packung Aspirin....

Deutsches Bier ist, um es kurz zu machen, sogar für Juden glatt koscher; außer an Pessach selbstverständlich, denn da ist ja nichts erlaubt, was aus Gärfähigem ist (chamez), insbesondere also keine Hefe, kein Getreideprodukt. Aber das ist eine andere Geschichte. Hier geht es um Campari. Der so wunderbar rot leuchtet. Den seh' ich mir gern an, aber ich trinke ihn nicht. Warum? Nun, ich trinke kein Blut, auch keins von Läusen. Das aber macht die rote Farbe von Campari aus, auch wenn man es auf neudeutsch "Cochenille" oder "E 120" nennt.

Hierzu fand ich eine sehr lustige und wirklich ich gut geschriebene story bei www.talmud.de, nämlich folgende:

Korachs Alef-Bejt des Judentums

" (...) Kashrut ist auch eine Herausforderung an die jüdische Identität. Zu Gast bei nichtjüdischen Verwandten oder anderen Gastgebern treten nämlich unverzüglich Erklärungsnöte auf. Während die Ablehnung eines Krabbensalates noch relativ leicht zu bewerkstelligen ist (Eiweißallergie!) wird es bei pürierten Suppen unklaren Inhalts schon schwieriger und man wird nicht umhinkommen, die religiöse Zugehörigkeit zu offenbaren. Was folgt, sind meist Diskussionen um mangelnde Toleranz, nicht etwa auf Seiten des Gastgebers, sondern des jüdischen Gastes, der die Bemühungen bei der Herstellung der Speisen nicht zu würdigen weiß - hat sich doch die Hausfrau schon wieder die Finger am schwergängigen Dosenöffner geklemmt. Schnell wird das Gespräch auf den palästinensisch-israelischen Konflikt kommen, der nicht gelöst werden könne, bis "die Juden" endlich ihre Sturköpfigkeit auch in Essensdingen aufgeben würden. Sind Tierschützer anwesend, wird es richtig spannend, da diese ihnen niemals abnehmen werden, dass ein deutsches Schwein ebenso ungern für den Schinken auf dem Frühstücksbrot geschlachtet wird wie ein Kalb für koschere Pastrami. Eine Gelegenheit, sich für diese erlittene Schmach am Gastgeber zu rächen, gibt es hoffentlich, wenn dieser nach dem Essen einen Campari zur Verdauung reicht. Dann ist es Zeit, sich ausführlich über die Herkunft des roten Farbstoffes zu äußern, über die vielen kleinen bedauernswerten Läuse, die ihr Leben für die Herstellung des Magenbitters lassen mussten. Ich frage Sie, ist das ethisch?

Nicht zu verwechseln ist Kashrut mit folkloristischen Essgewohnheiten, die in einschlägigen Kochkursen angeboten werden. Zwar sind gefilte Fisch, Zimmes und Kugel durchaus traditionelle jüdische Speisen, zumindest wenn man kein jemenitischer oder japanischer Jude ist, aber auf die Zutatenliste kommt es an. Ägyptische Fischpfanne, argentinisches Hühnchen und indisches Curry können ebenso koscher zubereitet werden, wenn man es richtig macht. Und schmecken auch lecker, ganz ohne Selbstbeherrschung..."

Ehrlich, dieser Text ist super, er ist kraß, er ist geil. Könnte glatt von mir sein. Besonders die Stelle mit den "vielen kleinen bedauernswerten Läuse(n)" gefällt mir.

Quelle: http://www.talmud.de/cms/Kashrut_Adjektiv_koscher.235.0.html (Hervorhebungen von mir, Chaim Levinson)

Nun aber wird es kompliziert: sucht man nach den Inhaltsstoffen des legendären roten Gesöffs, so stößt man - obwohl das Thema allgemein zu beschäftigen scheint - vor allem auf Nichtwissen und Spekulation, der Hersteller hüllt sich dazu in Schweigen, es lebe die Kennzeichnungspflicht in der EU:

"Das Originalrezept ist natürlich ein streng gehütetes Familienrezept. Kein Aussenstehender kennt die Inhaltsstoffe. Auf jeden Fall enthält der Campari Kräuter, Wurzeln und Zitrusfrucht schalen. Sein bitterer Geschmack soll vom Chinin stammen. Umstritten ist der Ursprung seiner rubinroten Farbe. Künstlich oder natürlich? Meine Anfrage bei Campari blieb bis heute unbeantwortet. Meine Recherchen brachten widersprüchliche Ergebnisse. Also wandte ich mich an die Redaktion der renommierten Zeitschrift "essen und trinken". Deren Antwort lautet: der Campari bezieht sein Rubinrot aus einer natürlichen Quelle, genannt Cochenille. Dieser Farbstoff wird aus den getrockneten Panzern der Scharlachschildlaus gewonnen. Diese Art der Farbstoffgewinnung kannten bereits die Phönizier, Ägypter, Griechen und Römer. Cochenille kann allerdings auch chemisch hergestellt werden. Die meisten Lippenstifte enthalten übrigens ebenfalls Karminfarbstoff(Cochenille)...".

Quelle: odile am 16.01.01 in http://www.dooyoo.de/spirituosen/campari-bitter/488685/ (Hervorhebungen von mir, Chaim Levinson)

Weitere Infos zum Thema:

Also, ich frag da lieber meinen Rabbiner, und der hat sich klar geäußert. Aber, was mich ja doch wundert, in Deutschland und in Europa ist doch alles klar geregelt, müßte das nicht eigentlich auf der Flasche draufstehen? Na ja, vielleicht aber gilt Campari ja auch gar nicht als Lebensmittel, weswegen die deutsche "Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung" und die deutsche "Zusatzstoffzulassungsverordnung" hier gar nicht greifen? Wäre ja auch logisch: In Bayern gilt zwar Bier als Lebensmittel, aber Campari eben noch lange nicht.

Campari Werbung nach dem Motto sex sells oder auch ganz nüchtern:

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Schlüsselwörter: Benedictine | Campari | De Kyper | Martini | Pernod | Zusatzstoffe | E-Liste | Schildläuse | Holzwurm | where is the bar tender?
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Kommentare

286
am 09.12.2009 07:34:23 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Gehört habe ich das schon oft mit den Läusen, ich dachte immer, das wäre ein Witz. Aber trotzdem schmeckt Campari ganz gut. Wenn man immer wüsste, was man so alles im Salat oder Gemüse mitisst Wink
286
am 10.12.2009 08:06:10 (85.25.152.xxx) Link Kommentar melden
Das mit den Läusen überlege ich mir nochmal Grin

Dir wünsche ich einen schönen Urlaub Wink
317
am 10.12.2009 23:59:48 (88.68.120.xxx) Link Kommentar melden
So habe ich das noch nie gesehen, vielen Dank für die Informationen, lieber Chaim.

Sich koscher zu ernähren ist sicher nicht einfach.
288
am 13.12.2009 12:31:03 (217.168.7.xxx) Link Kommentar melden
Ich verstehe es als Willenstraining.

Dann missinterpretierst du deine Religion.
Die Vorschriften dienen nicht dazu, deine Widerstandskrft zu testen, sondern deine Bereitwilligkeit, Gottes Vorschriften anzuerkennen und dich ihnen zu beugen.
Wie schon gesagt, es gab schon bessere Schreiber unter dem Pseudonym Chaim...
250
am 13.12.2009 12:36:24 (93.215.128.xxx) Link Kommentar melden
Respekt Gata Linda, daß Du soviel Wissen über den Islam und den jüdischen Glauben hast! Das tut mal richtig gut, auf kompetentes Wissen zurückgreifen zu können! Herzlichen Dank an Dich!
288
am 13.12.2009 12:51:54 (217.168.7.xxx) Link Kommentar melden
http://schule.jud...riften.htm
Die jüdische Kultur ist untrennbar mit dem Glauben verknüpft, daheKaschern von Küchengeräten. Spanien Anfang des 14. Jh.sr sind die festlichen Mahlzeiten ein Bestandteil des religiösen Rituals. Jede Speise hat eine symbolische Bedeutung.

Die rituellen Speisevorschriften werden als Kaschrut-Gesetze bezeichnet. Das Einhalten dieser Vorschriften führt in der Vorstellung der Juden zur Harmonie zwischen Körper und Seele . Die Tora lehrt die Menschen sich danach zu richten, daher gibt es 613 göttliche Gebote, wovon mindestens 50 sich mit Tischsitten beschäftigen.
Für die Juden ist die Küche nicht nur ein Ort, wo Speisen vorbereitet werden, sondern ist es das geistige Zentrum des Haushaltes. Das Einhalten der Speisevorschriften dient dazu den Alltags zu heiligen. Durch das Erfüllen der Mizwot (der göttlichen Gebote) wird auch eine so alltägliche und gewöhnliche Tätigkeit wie der Zubereitung von Speisen zum Dienst an Gott erhoben. Die Kaschrut, ebenso wie zahlreiche andere Gebote, die das tägliche Leben betreffen, soll helfen, den Dualismus von Physischem und Geistigem, Alltäglichem und Geheiligtem zu überbrücken.
250
am 13.12.2009 12:57:31 (93.215.128.xxx) Link Kommentar melden
...Harmonie zwischen Körper und Seele... - das soll dann als Willenstraining bezeichnet werden?
  • Geändert von OZ24 am 13.12.2009 15:01:59.
288
am 13.12.2009 12:58:53 (217.168.7.xxx) Link Kommentar melden
Die jüdische Kultur ist untrennbar mit dem Glauben verknüpft, daher sind die festlichen Mahlzeiten ein Bestandteil des religiösen Rituals. Jede Speise hat eine symbolische Bedeutung..

Kopierfehlerkorrektur.
288
am 13.12.2009 13:01:39 (217.168.7.xxx) Link Kommentar melden
Es ist ausgesprochen lustig, wenn Nichtjuden mit viel fehlendem Wissen, was sie durch Vehemenz ersetzen, Juden deren Religion erklären...

Woher willst du dir anmassen, meine Religionszugehörigkeit zu kennen?
288
am 13.12.2009 13:04:44 (217.168.7.xxx) Link Kommentar melden
Chaim: es wäre doch so einfach: du musst nicht mich, meine vermeintliche Religion angreifen, sondern einfach nur meine Aussage inhaltlich widerlegen.
Das kannst du aber nicht.
Und das ist dein Problem.
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