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Du oder Sie? Was ist die korrekte Anrede?

Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche...
23.11.2009 07:49:57 eingesandt von Chaim für OnlineZeitung 24.de

Soll ich... soll ich nicht...?
Soll ich... soll ich nicht...?
Das Schöne an den Deutschen ist ja, daß sie immer alles gern kompliziert machen. Doch, ehrlich, ich mag das. Denn ich selbst bin ja auch kompliziert. Oder?

Nein! Na ja, ein bißchen höchstens... - jedenfalls sagen das manche Leute, keine Ahnung, warum. Das kann nämlich nicht ganz stimmen, denn ich komme bestens mit mir selber zurecht und finde das sogar recht einfach; mein Weib sagt das auch. - Also nicht, daß man mich nun für ein schlichtes Gemüt hält, einfach strukturiert und so, das nicht; aber ich bin gutmütig, klar im Verhalten, berechenbar in meinen Reaktionen, zuverlässig. Einfach zu händeln wie man das auf denglisch nennt. Also, auch wenn manch anderer das anders sieht, bleibt's dabei: ich bin einfach.

Ja, aber ist das jetzt nicht ein Widerspruch? Angeblich bin ich einfach, aber mag das Komplizierte? - Keineswegs. Denn Gegensätze ziehen sich an, teilweise bedingen sie sich sogar. Man darf jetzt an Yin-Yang denken, an Schweinefleisch süß-sauer, an Hirschgoulasch mit Preißelbeeren oder an Mann und Frau... - das Prinzip ist immer das gleiche. Tag und Nacht, Ebbe und Flut, steht doch alles schon in der Schöpfungsgeschichte, als das Feste und das Wasser getrennt wurden... - deshalb esse ich zum Beispiel wahnsinnig gern Schokolade mit Chili, oder auch Käsebrot mit Marmelade, also einen sehr scharfen Gorgonzola mit einer bitteren Orangenschalen-Marmelade oder einen mittelalten Gouda mit selbstgemachter Erdbeer-Rhabarber-Marmelade. Ich nenne das, aus komplexen Gründen der Komplikationsvermeidung, ganz einfach mal kommutativ-komplementär-kontrastive Degustation.

Teilweise machen es die Deutschen sich aber nicht schwer, sondern es ist (in der deutschen Sprache) schwierig. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat bei vielen Gelegenheiten immer wieder betont, daß die deutsche Sprache - neben der altgriechischen - eigentlich die einzige sei, in der man richtig philosophieren könne. Wie er das begründet hat, ist jetzt nicht von zentraler Bedeutung (für die freaks sei als Stichworthinweis auf die Bedeutung der Kopula im Deutschen verwiesen), aber das paßt doch alles wunderbar: Heidegger ist kompliziert, die deutsche Sprache ist kompliziert, die deutsche Geschichte ist kompliziert, das deutsche Gemüt ist ganz schwer kompliziert, und deswegen machen die Deutschen alles kompliziert. Sie haben ja sogar eine Deutsche Frage, die keinen interessiert - außer den Deutschen natürlich. Wenn man das Wort kompliziert symbolisieren sollte, müßte man eigentlich nur eine schwarz-rot-goldene Flagge malen. Nicht umsonst ist das Wort Weltanschauung in die englische Sprache eingegangen. Denn die Deutschen sind, außer daß sie kompliziert sind und alles kompliziert machen, auch noch Idealisten. Sie sehen die Welt so, wie sie sie sehen. Das macht es dann noch komplizierter. Und auch dafür haben sie ein Wort erfunden, den Deutschen Idealismus. Heute umgangssprachlich auch Gutmenschentum genannt (obwohl es nicht ganz dasselbe ist).

War das alles jetzt zu schwierig? Oder nur zu schwer? - Na gut, machen wir's an einem einfachen Beispiel fest: an der Anrede im Deutschen. Die ist nämlich ein ganz spannendes Thema, weil es hier dadurch leicht wird, daß man es (sich) vermeintlich schwer macht: man hat ganz viele Möglichkeiten im Deutschen, man trifft also, wie mit der Schrotflinte, irgendwie immer:

Also, da sollte sich doch wirklich das Passende finden lassen, oder? Bei so großer Auswahl? Statt dessen hätte ich, gemäß obiger Auflistung, auch sagen können:

Man sieht: die Welt ist bunt, insbesondere ist die deutsche Sprachwelt bunt und vielfältig. Was durch verschiedene schwere Dialekte allerdings noch schwieriger wird, im Hunsrück sagt man zum Beispiel nicht "das bin ich", "sondern dat sinn eisch", also wörtlich "das sind ich". Das aber nur am Rande, und um zu zeigen, daß dem Deutschen die Kompliziertheit urtümlich und ursprünglich vertraut ist, sozusagen ganz einfach in die Wiege gelegt.

Erstaunlich ist, daß die Franzosen es mühelos lernen, hier feinsinnig zu differenzieren, jedes Kind lernt, daß man die Großmutter mit "Sie" anspricht, auch der Schwiegersohn wird die verehrte Frau Schwiegermama natürlich siezen. Im amerikanischen und britischen Englisch wird man, da es ja nur das You gibt, unterscheiden, ob man den Vornamen, ein Mr. oder die Funktion an die Anrede anfügt. Man sagt dann eben nicht Barak zu Mr. Obama, sondern Mr. President. It's simple but it's not easy.

Soweit ist also alles klar, in verschiedenen Sprachen macht man das also unterschiedlich, insgesamt mit einer recht großen Bandbreite zwischen immer nur Du (wie im Hebräischen) und feinsinnigsten Differenzierungen (wie im Deutschen). - Kommen wir noch zu einem Sonderfall im deutschen Sprachraum, dem Internet. Hier ist es die Regel geworden, also eine Konvention, daß man immer per Du ist. Wer es anders mag, kann auch per Sie kommunizieren, wird dann aber unter Umständen als besonders arrogant wahrgenommen. Generell jedoch ist davon abzuraten, das überhaupt zu thematisieren, da es etwas verbiestert wirkt, hier von anderen Sprachregelungen einzufordern. Am besten macht es also jeder so, wie er es für richtig hält, und lernt es dabei, Entscheidungen anderer hinzunehmen. Ich will jemanden siezen? Dann mache ich das, auch wenn er mich duzt, vice versa. Regeln können natürlich immer die festlegen, die am längeren Hebel sitzen. Im Internet ist das also der virtuelle Hausherr, der Administrator, Redakteure, Moderatoren. Die Frage ist jedoch, ob man wirklich alles regeln muß oder will. Auch dies ist übrigens ein spezifisch deutsches Problem; denn mancher Autofahrer ist überfordert am Kreisverkehr, und es ist fast ein Weltuntergang, wenn einmal eine Ampelanlage an einer Kreuzung ausfällt. Ohne Regeln deutsch sein? Das geht gar nicht. Wo kämen wir da denn hin?

Ein kleines Schmankerl noch zum Schluß: das "Du" am Arbeitsplatz wird von vielen Firmen verbindlich vorgeschrieben, in Deutschland z.B. bei H & M sowie bei The Phone House (das ist der deutsche Zweig jener britischen Firma, in der der Opernsänger Paul Potts früher einmal Mobiltelefone verkauft hat); es gehört in diesen Firmen einfach zur Unternehmenskultur, das ist auch nicht verhandelbar, es fällt unter das Weisungsrecht des Arbeitgebers. Nun begab es sich aber einmal, daß eine Führungskraft im Hause H & M der Meinung war, seine Mitarbeiter sollten ihn gefälligst siezen, und er verklagte seine Unternehmensleitung dahingehend, diese solle eine entsprechende Weisung an die Mitarbeiter des Klägers ausgeben. Vor dem Arbeitsgericht unterlag er dann in zwei Instanzen, da die Richter die Auffassung vertraten, das liege im Ermessen des Unternehmens, wie es seine Unternehmensphilosophie und seine Unternehmenskultur definiere. Der Kläger sei ja frei, einen anderen Arbeitgeber zu suchen, wo er mit "Sie" angesprochen würde; bei Abschluß des Arbeitsvertrages sei ihm der Umstand nämlich bekannt gewesen, sodaß er also mit Vertragsabschluß zugestimmt habe. Eine Änderungskündigung lag nicht vor.

Hoffen wir also, daß auch die, die unglücklich über die eine oder andere Anrede sind oder zu sein vorgeben, bald ihr Glück finden werden. Ganz nach dem Motto: weil einfach einfach einfach ist.

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