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Lokales: Sonstiges

Ein ganz normaler Tag in Heppenheim

Der 10. November 2009, der Tag, als Robert Enke starb

Heppenheim, Blick nach Nordwesten
Heppenheim, Blick nach Nordwesten
Also, das ist wirklich schockierend. Etwas in der Zeitung zu lesen oder in den Nachrichten zu hören ist etwas anderes, als wenn man konkret am Ort des Geschehens ist. In dem Fall, den ich hier beschreiben will, war ich an demselben Ort, an dem zwei Stunden vorher, um 15:50 Uhr, ein Menschenleben von einer auf die andere Sekunde ausgelöscht wurde, vor den Augen von mindestens 10 anderen Menschen, so viele stehen etwa werktags um die Zeit auf dem Bahnsteig. Für mich war der Tag bis dahin ein ganz normaler, ich war in der Schule, bin danach mit zu einem Freund gefahren, weil wir erst zusammen kochen wollten und dann für ein Referat arbeiten. Wir haben lecker gekocht und dann zwei Stunden für unser Referat in Geschichte gearbeitet, beides hat uns viel Spaß gemacht. Anschließend bin ich nach Hause gefahren, das heißt, ich wollte es. Der Freund wohnt in Heppenheim, das ist ein kleiner Ort an der südhessischen Bergstraße, direkt an der Grenze zu Baden-Württemberg.

Von Heppenheim aus muß ich zwei Stationen mit der Bahn fahren, also mit einer sogenannten Regionalbahn, die überall hält, das ist die Bahnstrecke Heidelberg/Mannheim Richtung Frankfurt/Main. Auf dieser Bahnstrecke fahren ziemlich viele Güterzüge, die aus Richtung Schweiz und Süddeutschland ins Rhein-Main-Gebiet fahren oder weiter nach Norden, und natürlich ICE und IC, die beide nicht in Heppenheim halten. Die brettern also mit bis zu 160 km/h durch den Bahnhof, direkt an den beiden Bahnsteigen, denn hier hat die Linie nur zwei Gleise. Vorher gibt es eine Warnung, also eine Durchsage über Lautsprecher. Außerdem ist da noch die weiße Linie, die einen Meter von der Bahnsteigkante entfernt ist. Weil ich Zug fahre, seit ich 6 Jahre alt bin, haben mir meine Eltern das richtige Verhalten am Bahnhof einfach eingetrichtert. Als ich am letzten Dienstag, das war derselbe Tag, an dem Robert Enke abends um halb sieben beendet hat, um etwa halb fünf an den Bahnhof komme, sehe ich, dass alles abgesperrt ist, ein großes Aufgebot an Feuerwehr und Polizei. Die Feuerwehr rollt gerade die Schläuche ein, mit denen alles saubergespritzt worden war...

master of desaster Link am 13.11.2009 15:03:19 in
Medien: Sonstiges

Wovon man nicht spricht

"Diese Machtlosigkeit, das Gefühl, nichts tun zu können, ist das Schlimmste."

Am selben Tag habe ich ein paar Stunden vorher sowas ähnliches mitgekriegt. Voll mies sowas. Hatte einen Freund besucht und wollte nach Hause fahren, der ganze Bahnhof war abgesperrt.

http://pendler.fr....de/?p=415

http://www.echo-o...145,163818

War aber wohl ein Unfall, ist noch unklar, vielleicht war die Musik zu laut.

Idyllischer Bahnhof?
Idyllischer Bahnhof?
So sieht der Unfallort aus, das vordere Gleis geht nach Süden (Heidelberg), das hintere, an dem der tödliche Unfall war, geht Richtung Darmstadt/Frankfurt. Bisher kam mir dieser kleine Bahnhof immer irgendwie idyllisch und sauber vor, er leuchtet sehr schön in der Abendsonne, weil er aus dem roten Odenwälder Sandstein gebaut ist - aber so kann ich das jetzt gar nicht mehr sehen. Statt dessen sehe ich heute, nach einer Woche, noch immer die Farbmarkierungen, die die Polizeiermittler bei der Ermittlung an der Unfallstelle mit Leuchtfarbe auf die Gleise aufgesprüht haben. Auf dem Bild ist das in der linken Bildhälfte, wo der hellblaue Fahrkartenautomat zu sehen ist.

Bis heute habe ich immer noch keine Nachricht gelesen, entweder weiß man es nicht oder man will es nicht sagen, ob es sich um einen Unfall handelt. Inzwischen habe ich mich mit einigen Heppenheimern unterhalten, die dort seit Jahren wohnen; in den letzten 10 Jahren gab es dort im Bahnhofsbereich sieben Selbstmordversuche, von denen ein Mann überlebt hat, es wurden ihm aber beide Beine abgefahren. Die meisten Selbstmörder sind von der Straßenbrücke, die in der Nähe des Bahnhofs über die Gleise führt, direkt vor den Zug gesprungen. Hundebesitzer, die an der Bahnstrecke entlang gehen, erzählen, daß ihre Hunde auch schon Überreste nach solchen Unfällen angeschleppt haben, die beim Aufräumen und Säubern wohl übersehen worden waren. Inzwischen ist dort ein Zaun zwischen Gleisen und Fußgängerweg, der allmählich mit Brombeeren zuwuchert.

Mann von ICE getötet

Heppenheim.

Ein Mann ist heute Nachmittag um 15.50 Uhr im Heppenheimer Bahnhof mit Tempo 120 von einem ICE erfasst und mehrere hundert Meter mitgeschleift worden. Er sei sofort tot gewesen, sagte Reza Ahmari, Sprecher der Bundespolizeidirektion Koblenz. Der 25 bis 30 Jahre alte Mann, dessen Identität noch ungeklärt sei, habe Kopfhörer getragen. Ob es ein tragischer Unfall oder ein Suizid war, sei bisher unklar. Ein Zeuge sei von einem Suizid ausgegangen. Die Sperrung der Bahnstrecke zwischen Heppenheim und Bensheim sorgte für erhebliche Verspätungen und Ausfälle...

Quelle echo-online.de (das Datum dort ist falsch angegeben, die Meldung stammt vom 10.11.09)

Dieses Ereignis, das mich völlig überrascht hat, hat mir gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist. Seitdem sehe ich wartende Fahrgäste auf dem Bahnsteig und auch die Lokführer mit anderen Augen an. Ich bin dann zur Bundesstraße B 3 gelaufen und habe den Daumen rausgehalten, erst abend, als ich zuhause Nachrichten geguckt habe, kamen die TV-Meldungen über Robert Enke. Alles ein bisschen viel für einen Tag.

Bild: Heppenheim, Bergstraße, Hessen, Germany, Photographer: Marco Mayer Picture taken: October 13th, 2005, Quelle: Wikipedia, Lizenz GNU Free Documentation License, Version 1.2 or any later version published by the Free Software Foundation

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Schlüsselwörter: Bahn | Robert Enke | Freitod | Unfall | Bahn | Suizid | Heppenheim
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Kommentare

266
am 20.11.2009 12:49:13 (88.68.103.xxx) Link Kommentar melden
Sehr ergreifend geschrieben. Das unterscheidet sich wohltuend von der Schrei- und Brüllpresse, gerade bei solchen Themen merkt man den moralischen Hintergrund, den jemand beim Schreiben hat.

Das, was Sie hier schreiben, ist ein guter Weg: "Seitdem sehe ich wartende Fahrgäste auf dem Bahnsteig und auch die Lokführer mit anderen Augen an." Solche Erlebnisse, sofern wir sie verinnerlichen (also in unserem Innern verändernd wirken lassen), entwickeln und prägen Persönlichkeit. Eine der möglichen Auswirkungen ist Achtsamkeit und Geduld im Umgang mit anderen Menschen.
286
am 20.11.2009 13:22:48 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
haben mir meine Eltern das richtige Verhalten am Bahnhof einfach eingetrichtert
Offenbar nicht nur am Bahnhof! Wink

Nein, ganz ernsthaft, was die normalen Medien bei solchen Suiziden oder Unfällen abziehen ist wirklich grausam.
Hartmut Holz
am 20.11.2009 14:41:21 (217.80.213.xxx) Link Kommentar melden
Der Artikel ist sehr gut geschrieben. Dafür ein sehr großes Lob.

Ich selbst hatte, an diesem Abend, auf unserem NDR Fern-
sehen, eine Sendung mit Ina Müller, zum Thema Glauben, geschaut. Sie hatte u. a. auch Kinder, die zur Kommunion
Vorbereitung gehen, zu diesem Thema befragt und ich hatte mich sehr gefreut, dass die Kinder doch den Glauben ernst nehmen und sich freuen, dass sie auf der Welt sind.

Die Meldung, dass der Nationaltorwart Robert Enke tot ist, hatte ich nur nebenbei gelesen. Na ja, wird wohl ein
Unfall gewesen sein. Ist zwar tragisch und kann passieren. Sollte aber nicht.

Als die Sendung dann zum Ende kam, da hatte ich dann zu
MDR Aktuell, der Nachrichten Sendung des Mitteldeutschen
Rundfunk, umgeschaltet und da hatte ich erst die ganze Tragik dieser Meldung begriffen.

Und auch in NDR Aktuell kam dieses dann zum tragen. Robert Enke hatte sich vor den Zug geworfen. Er kam einfach mit dem Leben nicht mehr zurecht.

Robert Enke ist nicht mehr unter uns. Gott sei seiner Seele gnändig.Wink
312
am 22.11.2009 12:11:51 (86.33.206.xxx) Link Kommentar melden
Interessant geschrieben, Selbst die Monotonie des Ortes und der langweiligen Landschaft wird noch eindringlich geschildert, Es sind bisweilen Ansätze von Poesie erkennbar, Interessant wie sich eine Makrovision, das Wippen von Grashalmen, schildern lässt. Ein Kompliment an den Verfasser des Artikels,
300
am 25.11.2009 18:49:44 (216.246.2.xxx) Link Kommentar melden
Es sind bisweilen Ansätze von Poesie erkennbar
Ist mir gar nicht aufgefallen. Trotzdem danke. Eigentlich ging es gar nicht um mich.

Der Artikel sollte eher impressionistisch angelegt sein. Die Parallelität der Ereignisse ist für mich ein Thema, Robert Enke in Hannover und fast zeitgleich das, was ich indirekt in HP wahrgenommen habe. Das kommt ja oft vor, wie das Datum 9.11. zeigt. Koinzidenz der Ereignisse.
312
am 25.11.2009 23:16:54 (86.33.206.xxx) Link Kommentar melden
Zufälligerweise kenne ich Teile der Bergstrasse auch sehr gut, Welchen Wein würdest du denn empfehlen da? Die Monotonie habe ich dem Bild zugeschrieben, Dem Bahnhof also, wie man ihn sehr oft sieht in Deutschland, War nicht abwertend gemeint, Sondern, wie sich die Geschichte empor rankte aus dem Nichts, Das war es, was ich gemeint hatte,
300
am 26.11.2009 20:23:22 (94.230.214.xxx) Link Kommentar melden
Ja, na klar, auch bei Beerdigungen wird ja hinterher getrunken bei der Trauerfeier. Frown

n demselben Ort, an dem zwei Stunden vorher, um 15:50 Uhr, ein Menschenleben von einer auf die andere Sekunde ausgelöscht wurde, vor den Augen von mindestens 10 anderen Menschen, so viele stehen etwa werktags um die Zeit auf dem Bahnsteig.
Ich schreib euch aber gern mal was über die Weinlagen hier. Obwohl ich eher mal ein Bier trinke. Selten. Ein Freund von mir hat mal Komasaufen gemacht, des brauch ich ned... Sad
Hartmut Holz
am 27.11.2009 14:34:46 (217.80.221.xxx) Link Kommentar melden
Komasaufen ist auch etwas ganz abscheuliches. Da sollten
wir unsere Jugendlichen davor schützen.

Und, dass man sich nach einer Beerdigung noch in einem
Cafe oder Gasthaus trifft ist gute alte Tradition.

Man spricht nocheinmal über den Verstorbenen oder die
Verstorbene und spricht den Angehörigen nocheinmal sein
Beileid aus.

Und für den Wirt ist es auch ein gutes Geschäft, wenn sich
eine Trauergesellschaft in seinem Lokal trifft.Smile
319
am 28.11.2009 07:05:28 (88.68.105.xxx) Link Kommentar melden
wer nichts wird, wird WIRT Grin
Hartmut Holz
am 01.12.2009 19:34:57 (217.80.200.xxx) Link Kommentar melden
Das stimmt wohl. Aber so leicht haben es die Gastwirte heute auch nicht mehr.

Denn bei unserer Bevölkerung sitzt das Geld nicht mehr so locker und so gehen die Menschen nicht so oft ins Lokal.Smile
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