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Wovon man nicht spricht

"Diese Machtlosigkeit, das Gefühl, nichts tun zu können, ist das Schlimmste."

Schienen ins Nichts?
Schienen ins Nichts?
Daß auch Fußballer psychisch krank sein können, weiß man spätestens seit Peter Handkes Buch "Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter". Psychische Erkrankungen geschehen häufiger, als man wahrhaben möchte, und vor allem Depressionen sind stark zunehmend. Aktuelle Ereignisse, die bereits ausgiebig breitgetreten werden, muß man jedoch nicht noch unnötig kommentieren, es gibt bereits genug echte Tränen bei den direkt Betroffenen, bei den Angehörigen, den Hinterbliebenen, doch es gibt auch viele Krokodilstränen; denn das Thema eignet sich natürlich besonders gut für Voyeure und für die, die - sich oder andere - von anderen Themen ablenken wollen. Wie bei den Gaffern auf der Autobahn, die schnell einen kostenlosen Blick auf den Unfall zu erhaschen suchen, mit dem sie dann später angeben können, "ich war auch dabei"; die Lust der Davongekommenen, nicht beteiligt und nicht betroffen zu sein, eine Perversion von Lebensfreude und Dankbarkeit gegenüber einem für andere ungnädigen Schicksal. Das Thema Tod gruselt eben immer so schön, auch nach Halloween - jedenfalls dann, wenn es einen gerade nicht betrifft.

Die Bildzeitung hielt es gestern, zwei Tage danach, für nötig, vier bluttriefende und tränennasse Seiten zum Thema zu bringen. Auch wer keine Bildzeitung liest, konnte es mitbekommen, z.B. als Bahnreisender oder im Taxi. Es lebe die Auflagenhöhe und die Einschaltquote.

Deutscher Presserat: Richtlinie 8.5 - Selbsttötung

Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt.

Quelle: Pressekodex

Über das eigentliche Opfer, den Lokführer, wird weniger nachgedacht und geschrieben. Deshalb ist dieser Text den wirklichen Opfern gewidmet, den Opfern des Selbstmörders, also insbesondere den Lokführern, die durch solche Ereignisse von kranken Menschen für den Rest ihres Lebens traumatisiert werden. Diese 25.000 Männer und Frauen in Deutschland, die tagein, tagaus unsere Bahnen fahren, und denen es durchschnittlich(!) zwei- bis dreimal in ihrem Berufsleben zugemutet wird, brauchen Solidarität und verständnisvolle Zuwendung. Manche erlebten es sogar sieben- oder achtmal, viele werden selbst krank oder gar berufsunfähig dadurch.

Kinetische Energie von 78 t Stahl?
Kinetische Energie von 78 t Stahl?
Zwei Tage danach... - ist das denn eine korrekte Zeitangabe? Ja, ist es, denn es passiert über 1.000 mal jährlich in Deutschland, also etwa dreimal am Tag. Eigentlich stimmt der Ausdruck nicht... - denn es "passiert" nicht, es wird gemacht, mutwillig und absichtsvoll: Menschen beenden ihr Leben, indem sie sich vor einen Zug werfen oder auf die Schienen legen. Die Deutsche Bahn hat 35.000 km Schienen, alle 10.000 km täglich machen also psychisch akut Erkrankte einen der 25.000 Lokführer gegen dessen Willen zum Totschläger. Wenn man mag, kann man ja einmal der Anschauung halber die kinetische Energie berechnen, die sich bekanntlich als Produkt aus der Masse und der quadrierten Geschwindigkeit ergibt: E = mc²; bei einer einzelnen Lok ohne Waggons wären das bei Tempo 120 km/h (das entspricht ca. 33,3 m/sec) bereits Energien, zu denen der Fleischklopfer, mit dem der Koch das Schnitzel bearbeitet, als ein Streichelinstrument erscheint. - Wer oft mit der Bahn fährt, kennt die sprachlichen Chiffren dafür, man nennt es in Durchsagen dann "Personenschaden" oder "Notarzteinsatz am Gleis". In Österreich nennt man es "Erkrankung eines Fahrgasts". Der Anteil der Menschen, die diese Form der Selbsttötung wählen, liegt - je nach Quelle und Jahr - in Deutschland zwischen 5% und 8%, die Schwankungen ergeben sich auch daraus, daß man nicht immer klar zwischen Unfall und Suizid trennen kann.

Epidemiologie

Diese Form der Selbsttötung ist in Deutschland vergleichsweise häufig. Schienensuizide machten im Zeitraum von 1991 bis 2000 etwa 7 % aller Suizide in Deutschland aus. In Österreich betrug diese Zahl im Zeitraum von 1990 bis 1994 5,7 %.

Nach der Betriebsunfallstatistik der Deutschen Bahn wurden in den Jahren 1997 bis 2002 insgesamt 5731 Suizidereignisse registriert (durchschnittlich 18 Ereignisse pro Woche), von denen 5.191 Fälle (90,6 %) tödlich endeten. Deren wissenschaftliche Untersuchung ergab ein Süd-Nord-Gefälle mit den höchsten Suizidraten in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Von den Suiziden traten 66 % auf offener Strecke und 34 % im Bahnhofsbereich auf. Es wurden 16 Orte hoher Suiziddichte mit 6-29 Ereignissen innerhalb eines Streckenkilometers identifiziert. Von diesen Orten lagen 75 % in unmittelbarer Nähe psychiatrischer Kliniken.

Im jahreszeitlichen Verlauf wurde insbesondere bei Männern eine Häufung in den Monaten April und September festgestellt. Im Wochenverlauf traten Ereignisse bei Männern und Frauen gehäuft an Montagen und Dienstagen auf.

Quelle: Wikipedia: "Schienensuizid"

Suizid/Methoden

Von den 11.150 Suiziden in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2004 wurden folgende Todesursachen erfasst:

  • Erhängen/Ersticken 5538 (50 %)
  • Sturz in die Tiefe 1100 (10 %)
  • Vergiftung durch Medikamente 940 (8 %)
  • Erschießen 572 (5 %)
  • Sich vor den Zug oder vor Autos werfen 556 (5 %)
  • Abgase ins Auto leiten 216 (2 %)

Männer griffen 2006 in 52,6 % der Fälle zu so genannten harten Suizidmethoden wie Erhängen, Erdrosseln oder Ersticken, Sturz in die Tiefe, Schienen- oder Straßensuizid und Erschießen und damit häufiger als Frauen (34,5 %), die weiche Methoden wie eine Vergiftung mit einer Überdosierung von Medikamenten etc. bevorzugten.

Quelle: Wikipedia: "Suizid", dort auch die abweichenden Zahlen für Österreich und die Schweiz

Bilder, die sie nie vergessen...
Bilder, die sie nie vergessen...
Statt in einen rührseligen Personenkult um den Selbstmörder zu verfallen, sollte man ruhig einmal daran denken, was ein Suizident, der die Methode "Eisenbahn" wählt, anderen Menschen damit antut. Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter, Krankenschwestern, Ärzte, Bestatter, Bahnbedienstete, Reisende, sonstige Zeugen... Diese Menschen müssen mit dem schrecklichen Ereignis weiterleben, vor allem aber mit den schrecklichen Bildern. Wer den Vorgang einmal erlebt hat oder sich mit den Folgen befassen muß, vergißt das nie wieder. Sicher wird man diesen Menschen nicht gerecht, wenn man ihnen kaltschnäuzig sagt, dies gehöre eben zu ihrem Beruf. Denn sie leisten unvorstellbar Schweres bereits durch "normale" Unglücksfälle und Naturkatastrophen - auf Selbstmörder könnten sie gut verzichten.

Schock

  • "Diese Machtlosigkeit, das Gefühl, nichts tun zu können, ist das Schlimmste."
  • "Man hört schon wenn ein Vogel gegen die Lok prallt. Bei einem Menschen ist es ein Horrorgeräusch, das man nie vergessen kann."
  • "Wenn der Zug steht, muss man aussteigen und nachsehen. Das ist, als würde man zum Schafott geführt."

Äußerungen betroffener Lokführer, hier: Heinz M. aus Köln, zitiert nach FR online.de

Jede Hilfe zu spät?
Jede Hilfe zu spät?
Nein, ich trauere nicht um einen mir Unbekannten, der sein Leben beenden wollte, weil es ihm zu schwer schien; das kommt vor, und jeder geht seinen Weg. Ich nehme Anteil an dem schweren Schlag, den seine Hinterbliebenen nun zu verkraften haben. Ich habe Respekt vor den Therapeuten, die immer wieder versuchen, mit Therapie und mit Medikamenten psychisch Kranken zu helfen, und oft genug dabei scheitern. Ich habe Achtung vor den Freunden, die ihre Zeit und Kraft anderen Menschen schenken, die dieser Hilfe bedürfen, um nicht zu zerbrechen. - Diejenigen jedoch, für die das alles immer nur "Nachrichten" sind, die sich voyeuristisch aufgeilen am Leid anderer, die Betroffenheit heucheln und dabei doch nur Leichenfledderei betreiben, die verachte ich, sie sind eine Schande für die Menschheit. Ebenso wie eine würdelose Gesellschaft, die selbst Kranke und Zerbrochene noch verwertet und als willkommenes Medienfutter für ein paar Tage inszeniert.

Doch man soll sich auf das Positive konzentrieren: meine Gedanken gehören den Lebenden, nicht den Toten. Meine Solidarität und Empathie gehört den vielen Menschen, die als Lokführer täglich Opfer werden, und denen, die als Helfer, Retter und Einsatzkräfte schlimmste Bilder verkraften müssen. - Wenn es eine positive Kraft gibt, die von Gedanken ausgeht, dann sollten wir an diese Menschen denken.

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Schlüsselwörter: Bahn | Lokführer | Werther-Effekt | Suizid | Schock | Hilflosigkeit | Depression | Robert Enke | Hannover 96 | BILD
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Kommentare

Hartmut Holz
am 09.12.2009 18:44:14 (217.80.211.xxx) Link Kommentar melden
Dann sollten die bestraft werden, die Robert zu diesem Selbstmord getrieben haben.

Nein diese Diskussion und auch dieses tragische Ereignis
zeigt auch wie verkommen die Gesellschaft in Deutschland
ist.
286
am 11.12.2009 14:39:37 (84.19.184.xxx) Link Kommentar melden
diese verfluchten Selbstmörder, die andere belasten und belästigen!
Jepp, ich fahre oft mit dem Zug und darf dann deswegen stundenlang warten - "Personenschaden!" Und wir stehen auf freiem Feld irgendwo - oder man muss mit einem Ersatzbus fahren, geht alles auf mein Zeitkonto.

Es ist einfach asozial, sowas zu machen. Wer sich umbringen will, soll das gerne tun, aber nicht mit dem Zug, in dem ich sitzen muss.
Hartmut Holz
am 11.12.2009 17:32:23 (217.80.210.xxx) Link Kommentar melden
Dieser Beitrag ist ganz schön arrogant. Da zeigt es sich doch, dass manche Zeitgenossen nur an sich selbst denken.
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