Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Politik: Soziales & Bildung

Feiertage der Deutschen

Wie man Erinnerungen verdrängt... - oder: Unbequemes zum 9. November

Der neue deutsche Feiertag
Der neue deutsche Feiertag
Nicht zu verwechseln mit dem nine-eleven der Amerikaner - der Neunte-Elfte, der neue deutsche Lieblings-Feiertag. Das eine ist ein Tag der Trauer und des Schmerzes in der zivilisierten Welt, das andere, das ur-deutsche Ereignis, ist ein Tag der Freude für die Deutschen, von den europäischen Nachbarn etwas mißtrauisch beäugt.

Der Tag, an dem das Märchen wahr wurde. Doch war es wirklich ein Märchen? Die Geschichte vom Dicken und seinem russischen Bären? Wenn man sich umhört in Deutschland, wollen die einen wieder die Mauer haben und die anderen ihren Erich zurück... - oder doch wenigstens die Kinderkrippe und den garantierten Arbeitsplatz. Aus der Traum? Ein Schreckensmärchen?

Nun, heute, am Tag nach dem 9.11., da alles mal wieder vorbei ist, kann man es ja sagen. Unbeliebt macht man sich sowieso mit Kritik am freudenbesoffenen deutschen Nationalgefühl, aber einen Tag später, wenn der Katzenjammer nach der Feier kommt, kann man ja ruhig etwas Salz in die Wunden streuen. Der Schädel brummt noch vom Feiern, da spürt man das bißchen zusätzlichen Schmerz dann auch nicht mehr.

Aus zwei mach eins - das hat mehr oder weniger gut funktioniert. Die Deutschen (West) haben nun nicht nur ihre lieben Brüdern und Schwestern aus der"Zone" dauerhaft im Arm, sondern die Deutschen (Ost) haben nun all das, was man ihnen jahrzehntelang vorenthalten hat: die Reisefreiheit, die Gedankenfreiheit, die Meinungsfreiheit und die Eigenverantwortung. Die Freisetzung von der Arbeit gab's gratis dazu, parallel dazu ein dichtes Netz von neuen Straßen und vielen Baumärkten, damit das Reisen schneller ging und das Organisieren besser. Die Dichter und Denker haben in den vergangenen zwanzig Jahren ordentlich Nabelschau gehalten; die ewig Gestrigen träumen weiter oder wieder von ihrem Deutschland in den Grenzen von 1937, die Verschwörungstheoretiker finden jede Woche ein neues Thema... - und so wäre alles also in bester Ordnung. Wenn...

...ja, wenn...! Wenn da nämlich nicht die leidige Erinnerung wäre. Bisher war die Arbeitsteilung ja recht klar: in Deutschland (West) hockten nach dem Zweiten Weltkrieg die bösen Nazis, in Deutschland (Ost) lebten die guten Deutschen, die Antifaschisten, die Verfolgten des Naziregimes, die keimfrei Fortschrittlichen.

Wirtschaftliche Leistung der Deutschen
Wirtschaftliche Leistung der Deutschen
Die Altnazis im Westen, fast jede Partei nahm sich ein paar, wurden wieder Richter, Ärzte, Hochschullehrer, Offiziere, Gutachter und Bundeskanzler. Altnazi und Bundeskanzler Kiesinger bekam seine Ohrfeige, Altnazi und Verteidigungsminister Strauß durfte dummes Zeug labern wie zum Beispiel diesen Satz:

»Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.«

Quelle: Die ZEIT vom 07.10.1988, ursprünglich in: Frankfurter Rundschau, 13. 09.1969

Im Westen also nichts neues, im Osten alles ganz anders und vor allem viel

Auferstanden aus Ruinen?
Auferstanden aus Ruinen?
besser. Mit der angeblichen Wende kamen dann aber seltsamerweise die Nazis nach Sachsen und in die anderen Länder in Deutsch-Nahost, keiner weiß eigentlich, wieso und warum. Nun war irgendwie alles durcheinander. Ohne Mauer fehlt halt manchmal die Orientierung. Auch Betrunkene gehen ja immer dicht an einer Mauer oder einem Zaun entlang, um sich abzustützen. Vielleicht fehlt das manchen Deutschen ja wirklich?

Obwohl das Schlimmste ja bereits überwunden ist oder doch wenigstens sauber verdrängt. Seit nahezu vier Jahrzehnten muß ich mich von Deutschen (West) jedes Jahr aufs neue fragen lassen, ob ich der Reichskristallnacht gedacht hätte - worauf ich immer erwiderte, das sei eher ein Gedenktag für die Deutschen und weniger einer für die Juden. Meist wurde diese leichte Spitze bezüglich der Frage, wer hier eigentlich Erinnerung oder Nachhilfe braucht, allerdings nicht verstanden. War mir dann aber auch egal.

Zeittafel:
  • 9. November 1848 - standrechtliche Hinrichtung von Robert Blum: Mit der Erschießung des republikanischen Parlamentsabgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung nach dem Oktoberaufstand in Wien wurde zugleich auch die parlamentarische Immunität Blums durch die Militärführung im Dienst des österreichischen Kaiserhofs gebrochen. Die Niederschlagung des Wiener Oktoberaufstands und die Hinrichtung Blums gilt als offene Kampfansage der herrschenden Vertreter einer reaktionär-restaurativen politischen Ordnung gegen das aus der bürgerlichen Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes hervorgegangene erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament. Die Hinrichtung Blums markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung der Deutschen Revolution von 1848/49 als Anfang vom Ende dieser Revolution.
  • 9. November 1918 - Novemberrevolution in Berlin: Der wenige Wochen zuvor berufene Reichskanzler Max von Baden verkündet angesichts der bevorstehenden Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und betraut Friedrich Ebert (SPD) mit den Amtsgeschäften. Eberts Parteigenosse Philipp Scheidemann, der ihn im Februar 1919 als Regierungschef ablösen wird, ruft von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die "Deutsche Republik" aus. Am selben Tag, jedoch einige Stunden später, verkündet Karl Liebknecht, einer der Anführer des linksrevolutionären Spartakusbundes, vom Berliner Stadtschloss aus eine als Räterepublik gedachte "freie sozialistische Republik Deutschland". In den nachfolgenden, regional teilweise bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den Verfechtern einer sozialistischen Räterepublik und denen einer pluralistisch-parlamentarischen Demokratie unterliegen die Anhänger des Rätemodells. Liebknecht selbst wird zwei Monate später ermordet. In der weiteren Folge wird im August 1919 das als Weimarer Republik bezeichnete erste demokratisch strukturierte Staatswesen in Deutschland konstituiert (benannt nach der in Weimar tagenden Nationalversammlung)
  • 9. November 1923 - Hitler-Ludendorff-Putsch in München: Erstmals international wahrgenommenes Auftreten des Nationalsozialismus. Der bis dahin in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannte Parteichef der 1920 aus der Deutschen Arbeiterpartei hervorgegangenen NSDAP, Adolf Hitler, scheitert mit seinem Putschversuch bereits nach wenigen Stunden vor der Münchner Feldherrnhalle, wo es zu 16 Todesopfern kommt. Nachdem Hitler zehn Jahre später an die Macht gelangt war, und eine totalitäre Diktatur in Deutschland errichtet hatte, erklärte er den 9. November zu einem Gedenk- und Feiertag während der Zeit seines bis 1945 herrschenden Regimes, an dem in jährlich stattfindenden staatlichen Trauerfeiern der sogenannten "Blutzeugen der Bewegung" gedacht wurde.
  • 9. November 1938 - Beginn der Novemberpogrome: Nach einem Mordanschlag auf einen deutschen Diplomaten in Paris inszenieren die Nationalsozialisten die Novemberpogrome (bis in die Gegenwart ist die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 oft auch unter dem euphemistischen Begriff "Reichskristallnacht" bekannt). In der NS-Propaganda werden die vor allem von SA- und SS-Mitgliedern in Zivilkleidung begangenen Ausschreitungen als Ausdruck des "Volkszorns" gegen die Juden dargestellt. Im ganzen Gebiet des Deutschen Reiches werden jüdische Geschäfte und Einrichtungen demoliert, Synagogen in Brand gesteckt. Hunderte von Juden werden innerhalb weniger Tage ermordet. Diese Ereignisse markieren den Übergang von der sozialen Ausgrenzung und Diskriminierung zur offenen Verfolgung der Juden in der Diktatur des Nationalsozialismus. Während des Zweiten Weltkriegs mündet der Antisemitismus in Deutschland in den heute als Holocaust bezeichneten industriell betriebenen Völkermord an etwa 6 Millionen europäischen Juden und weiteren aus rassistischen Motiven ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen in den Vernichtungslagern des NS-Regimes.
  • 9. November 1967 - "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren", Slogan der studentischen APO in der Bundesrepublik: Bei der feierlichen Amtseinführung des neuen Rektors der Hamburger Universität entfalten protestierende Studenten ein Transparent mit der Aufschrift "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren". Dieser Slogan, eine kritische Anspielung auf die ausgebliebene Aufarbeitung der Verbrechen des NS-Regimes bei den gesellschaftlichen Eliten Westdeutschlands, wird zu einem symbolträchtigen Motto der sogenannten "68er-Bewegung" und markiert einen der Höhepunkte in der "heißen Phase" der Außerparlamentarischen Opposition der Jahre 1967/68 in der Bundesrepublik und Westberlin.
  • 9. November 1989 - Mauerfall: Das entscheidende Ereignis, dem ein knappes Jahr später der Beitritt der vormaligen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes (der westdeutschen BRD) folgte. Mit der Deutschen Wiedervereinigung wurde die als Folge des Zweiten Weltkriegs zustande gekommene Spaltung Deutschlands in zwei Staaten mit verschiedenen politischen Systemen nach über 40 Jahren überwunden (siehe auch Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (bis 1990) und Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik).

In Deutschland hat man in unseren Tagen also wieder einmal ein geschichtliches Ereignis (fast) perfekt entsorgt. So, wie die Nazis den 9. November 1938 ganz bewußt inszeniert haben, um an die Ereignisse vom 9. November 1923 anzuknüpfen und gleichzeitig die vom 9. November 1918 zu überschreiben, so haben die Deutschen in Ost und West gern zugegriffen, als ihnen die Dummheit eines Schabowski diesen folgenreichen Tag am 9. November 1989 so herrlich präsentierte.

Immerhin hatte man dann aber doch soviel Schamgefühl, den 3. Oktober und nicht den 9. November zum neuen Nationalfeiertag zu machen.

Diskussion von 1989/90 um einen neuen Nationalfeiertag

Im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung war der 9. November als Datum des Mauerfalls von 1989 zeitweilig auch als neuer Nationalfeiertag des vereinigten Deutschlands - in Ablösung des bis dahin in Westdeutschland geltenden Feiertags 17. Juni (1953) - in der Diskussion. Entsprechende Vorschläge wurden aber letztlich aufgrund der negativ besetzten Jahrestage, die eine Assoziation zur Geschichte des politisch wirksamen Nationalsozialismus nahe legten (siehe Zeittafel 1923 und 1938), verworfen. Stattdessen wurde der 3. Oktober (1990) als Datum des formaljuristischen Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland als neuer, und bis in die Gegenwart geltender Nationalfeiertag Deutschlands (Tag der Deutschen Einheit) erkoren.

  • Bildnachweis:
Die Bilder stammen alle von Wikipedia und sind public domain

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: 09.11. | 9. November | Mauerfall | Tag der Deutschen Einheit | 17. Juni | "Kristallnacht" | "Reichspogromnacht" | Nation | Nationalgefühl
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

Hartmut Holz
am 10.11.2009 18:01:19 (217.80.210.xxx) Link Kommentar melden
Unsere Feiertag sollten wir belassen. Vorallem ja auch die
kirchlichen wie Weihnachten, Ostern oder auch Allerheiligen.

Denn diese Tage gehören zu unserer Kultur.
Hartmut Holz
am 10.11.2009 18:16:13 (217.80.210.xxx) Link Kommentar melden
Auch da irrt sich der Oberlehrer Chaim. Denn Allerheiligen
ist ein hoher deutscher christlicher Feiertag.Smile
Hartmut Holz
am 10.11.2009 18:41:53 (217.80.210.xxx) Link Kommentar melden
Also, nun einmal sehr langsam. Da scheint jemand, von unserer christlichen Kultur, keine Ahnung zu haben.

Also, ich fühle mich, als Angehöriger unserer Heiligen Katholischen Kirche, immer noch als Christ.

Und Allerheiligen ist ein sehr wichtiger Feiertag. Auch in Deutschland.Smile
300
am 13.11.2009 15:03:52 (85.25.152.xxx) Link Kommentar melden
Verdrängung?

Das Zitat von Strauß ist der Hammer... »Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.« Sowas löst bei mir verschärftes Fremdschämen aus. Sad
Hartmut Holz
am 13.11.2009 16:20:18 (217.80.219.xxx) Link Kommentar melden
Was hat das Zitat von Strauß mit einem christlichen Feiertag
zu tun?

Und sind wir Katholiken etwa keine Christen?
300
am 13.11.2009 16:32:38 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
Sorry, mein comment bezog sich auf den Artikel von Chaim und nicht auf deinen beitrag Wink
Hartmut Holz
am 13.11.2009 17:45:46 (217.80.219.xxx) Link Kommentar melden
Geht klar. Aber Chaim hat ja immer eine ganz andere Meinung als wir. Aber lassen wir das einmal durchgehen.

Er kann halt nichts dafür.Smile
Steinbruecks Furunkel
am 13.11.2009 18:53:27 (201.152.146.xxx) Link Kommentar melden
Er kann halt nichts dafür


Glueckwunsch Herr Holz, merken Sie's auch schon?

Das sind genau die Typen, die frueher mit dem Schlapphut rumliefen.
Lampenkastenputzer eben. Kleine Schwachmaten, die am Ende flennten:
"Aber ich liebe Euch doch alle". lach.
266
am 13.11.2009 20:54:17 (88.68.97.xxx) Link Kommentar melden
Ja, ein Segen für Deutschland, daß es ausgerechnet der 9.11. geworden ist.
Nun, heute, am Tag nach dem 9.11., da alles mal wieder vorbei ist, kann man es ja sagen. Unbeliebt macht man sich sowieso mit Kritik am freudenbesoffenen deutschen Nationalgefühl, aber einen Tag später, wenn der Katzenjammer nach der Feier kommt, kann man ja ruhig etwas Salz in die Wunden streuen. Der Schädel brummt noch vom Feiern, da spürt man das bißchen zusätzlichen Schmerz dann auch nicht mehr.

Daten löschen oder überschreiben, das ist gute alte christliche Tradition, so hat man es mit dem Sonntag gemacht, mit Weihnachten, mit Ostern...

Entweder heidnische Feste oder germanischer Aberglauben oder aus dem Judentum übernommen. Bzw. alles vermischt, Synkretismus. Vereinnahmen, überschreiben, löschen.
Hartmut Holz
am 18.06.2010 15:01:18 (217.80.197.xxx) Link Kommentar melden
Der ehemalige Feiertag zum Gedenken, an den Aufstand des 17. Juni in der DDR, wurde ja zu gunsten des 03. Oktober abgeschafft.

Und dieses war auch richtig so.
Seite 1 von 2: 1 2

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.07 Sekunden
39,837,918 eindeutige Besuche