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Sonstiges: Reise

Schmeckt's?

Astronautennahrung und andere Späße

Tüte Rotwein (Vorderseite)
Tüte Rotwein (Vorderseite)
Okay, ich bin ein bißchen pervers, manchmal, ich gebe es zu. Dann mache ich völlig verrückte Sachen, einfach deshalb, weil ich's wissen will. Obwohl ich das Ergebnis kenne, will ich es mir trotzdem bestätigen. Ist ja auch nicht weiter schlimm, jedenfalls schade ich niemandem damit, im Gegenteil!

Konkret ging es in einer Diskussion um Babykost und convenience food, um Astronautennahrung und Tütensuppen. Alles ganz sicher vorzügliche Errungenschaften der modernen Nahrungsmittel-Technologie, jedoch nicht unbedingt Gault-Millau-verdächtig, soweit ich dazu Erfahrungsberichte anderer gehört oder gelesen habe.

Eigene Erfahrungen zu diesem Thema hatte ich mir bisher erspart. Denn beim Kochen und Essen bin ich ausgesprochen konservativ, Tütensuppen kommen in meiner Küche nicht vor, andererseits bin ich gelegentlich doch in gewisser Weise experimentierfreudig. Und hier überwog einfach die Neugier. Kurz gesagt, wollte ich's jetzt einfach mal wissen: Schmeckt's?

Außerdem finde ich es köstlich, innere Widersprüche aufzudecken. In diesem Fall, als mir jemand erzählte, er habe in einem so-called Trekking-Shop (also einem Fachgeschäft für Wanderer-Bedarf) Trockenwein angeboten gesehen, reizte mich diese innere Konfusion: während der Genuß von Wein - jedenfalls in meinem Denken - doch eher mit Kultur, Romantik, Kaminfeuer und edlen Speisen verbunden ist, denke ich bei Trekking vielmehr an eine robuste, ursprüngliche Zivilisationsferne, an Schlafen im Freien, an trockenes Brot und eine gewisse Kargheit: vor Sonnenaufgang aufstehen, Waschen mit kaltem Wasser. - Mag sein, daß dieser Ansatz meiner Kindheitsromatik entspringt, die ich dann als junger Mann verfestigt habe durch die Lektüre solcher Bücher wie "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten", doch so ist es nun einmal: damals, als man es einfach noch ganz spießig "Bergwandern" und "Klettern" nannte, streifte ich durch die Alpen, in Österreich und Italien, in Deutschland und in Frankreich. Auch Schwarzwald, Vogesen, Odenwald, Taunus und Pfälzer Wald gehörten zum Programm. Später dann nicht mehr nur zu Fuß, sondern auch mit dem Motorrad und mit dem Kanu (dies natürlich weniger in den Alpen). Mit 14 Jahren waren es auch mal Radwandern, 1000 km durch die Niederlande, im Jahr der Oderflut dann auch 1200 km durch die neuen Bundesländer und Polen, von Cottbus kreuz und quer bis nach Rügen und retour.

Damals - als Kind in den Alpen - habe ich gelernt, daß man auf Notfälle vorbereitet sein muß, Mobiltelefone gab es noch nicht, also waren signalfarbene Kleidungsstücke für alle Wetterlagen und eine Notration an Nahrungsmitteln im Zweifelsfall lebensrettend, ebenso wie eine gute Routenplanung und eine qualitativ hochwertige Ausrüstung, deren highlight das leichte Aluminium war. Exzellente Vorbereitung hatte natürlich auch die körperliche Fitneß und die mentale Vorbereitung auf Entbehrungen zum Inhalt. Blood sweat and tears waren inbegriffen, und das war ja auch der Sinn der Sache. Die Zumutungen von Wetter und Anstrengungen, von überfüllten Berghütten, wo man auf einem Matratzenlager schlief, Hütten, in denen es damals noch keine Speisekarte gab, sondern einfach das, was der Wirt gekocht hatte sowie allenfalls noch das, was man tragen wollte und konnte, wurden belohnt durch die Erfahrung von Stille und Einsamkeit, von Erfahrungen verläßlicher Kameradschaft, von seltenen Begegnungen in der Steinwüste, die von Respekt gekennzeichnet waren - jeder mußte sich notfalls auf den anderen verlassen können - und frei von jeder Politik, Religion oder sonstigem weltanschaulichen Streit.

Im Prinzip gehört das offenbar auch zum modernen Wandern, also auf neudeutsch trekking genannt.

Trekking

Trekking bezeichnet das Zurücklegen einer längeren Strecke mit Gepäck, über einen längeren Zeitraum und unter weitestgehendem Verzicht auf eventuell vorhandene Infrastruktur. Trekking kann als Weitwanderung, als Reittour, aber auch mit dem Fahrrad (siehe Trekkingrad), dem Kanu, mit Langlaufschiern, Schneeschuhen, oder anderen Outdoor-Fortbewegungsmitteln durchgeführt werden. (...)

Meist zeichnen sich Gebiete für Trekking-Touren durch Zivilisationsferne (nicht vorhandene bis spärliche Besiedlung) aus, prinzipiell ist Trekking jedoch in jedem Gebiet der Erde möglich. Die äußerste, vorwiegend professionelle Form des Trekkings sind Expeditionen.

Motivation und Voraussetzungen

Die Motivation liegt meist im intensiven Erlebnis unverfälschter Natur oder noch weitgehend ursprünglicher Kulturen abseits der Zivilisation.

Trekking verlangt neben mindestens durchschnittlicher Kondition auch mentale Stärke, sowie das Wissen um Survival-Basistechniken, insbesondere Verhalten im Notfall.

Quelle: Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Trekking

Tüte Rotwein (Rückseite)
Tüte Rotwein (Rückseite)
Zurück zum Tütchen Trockenwein. Wie gesagt, die gewisse "Zivilisationsferne" und die Motivation, die meist "im intensiven Erlebnis unverfälschter Natur oder noch weitgehend ursprünglicher Kulturen abseits der Zivilisation" vermutet und gesucht wird, soll offenbar durch durch eine Tüte aufgemotzt werden, pimp my food ist die Devise. Nun, warum auch nicht. Die Weinlage des Tütenweins ist nicht verzeichnet, auch nicht die Rebsorte, im besten Fall also Rotwein aus Ländern der EU; allerdings stammt das Pulver aus der Schweiz. Die Tüte wiegt 60 Gramm und ergibt mit 200 ml Wasser (Meßbecher nicht vergessen!) also genau ein Glas Rotwein, mit 8,2% Alkohol, für 3,45 Euro. Wir rechnen flugs im Kopf und finden, daß für gut 12 Euro pro Flasche schon ein annehmbarer Tropfen erwartet werden darf. Aber wir forschen ja, da ist uns der Gegenwert eines Nahrungs-Tagessatzes Hartz IV durchaus mal den Versuch einer neuen Erfahrung wert. - Die Tüte ist bis 03/2011 haltbar, sie läßt sich leicht ohne Werkzeug öffnen, schon steigt uns das Aroma in die Nase - eine Mischung aus getrockneter Waldfrucht und viel Rote Beete, mit einem Hauch Zucker und etwas undefinierbar Erdigem. Die Konsistenz der Bröckchen - nein, es ist nicht, wie erwartet, ein Pulver - erinnert an Hundekuchen; nun also ab ins Glas, die 200 ml kaltes Wasser drauf, umrühren. Nun soll es fünf Minuten stehen und sich auflösen. - In der Zwischenzeit philosophieren wir ein bißchen, und wir erinnern uns an das Verkaufsgespräch mit dem Verkäufer im Wanderbedarf-Fachgeschäft, einem netten eloquenten Reinhold-Messner-Typ (nur jünger und blonder als das Original). Auf die Frage, ob er denn diesen sagenumwobenen Tütenwein führe, präsentierte er diesen in rot und in weiß; ob er damit auch schon eigene Erfahrungen habe sammeln können? Hierauf kam die unnachahmlich treuherzige Antwort, "so etwas würde ich nicht einmal meinem Hund anbieten". - Okay, der Mann braucht noch etwas Unterrichtung zum Thema kundenorientierte Kommunikation, es ist auch bedenklich, welche Haltung zu artgerechter Haltung und Ernährung in dieser Aussage zum Vorschein kommt, aber nun gut. Unser Hund trinkt auch schon mal gerne einen Schluck Bier, was aber vermutlich daran liegt, daß er aus Polen stammt.

So, aus den fünf Minuten Wartezeit wurden zehn, wie sieht denn der Hundkuchen im Wasser aus, der einen Rotwein ergeben soll? Schlecht, um ehrlich zu sein, das Zeug löst sich nicht auf, obwohl das Wasser inzwischen rot ist. Also schnell die Anleitung nachlesen, ob man alles richtig gemacht hat. Ja, man hat. Also weiter rühren und warten, warten und rühren. Vielleicht mal eine halbe Stunde mit dem Hund rausgehen? Unterwegs schlägt dann die Kaufreue wütend zu, im inneren Dialog: "Du Blödmann, alle haben Dir abgeraten, warum mußtest Du es trotzdem tun?" - "Na ja, ich wollte es halt mal wissen..." - "Wissen, was heißt hier wissen? Wozu muß man sowas wissen?!" Und so weiter. Aber nun ist eben das Kind in den Brunnen bzw. die Rote Beete ins Rotweinglas gefallen, machen wir das beste draus. Immerhin regnet es nicht, der Hund wälzt sich heute auch mal nicht auf der Kuhweide, es hätte also schlimmer kommen können. Nach einer Stunde die Rückkehr, um wie ein Junkie begierig zum Tütenwein-Glas zu laufen... - und, hat es sich jetzt aufgelöst?

Was soll ich sagen, da steht doch tatsächlich mein Weib, mit dem Glas in der Hand, und meint: "Riecht gar nicht schlecht, wo hast Du den her?" Mein geübter Blick sagt mir, daß sie nicht nur daran gerochen hat, denn in einer Stunde werden aus 0,2 Liter bei 21° C niemals 0,15 Liter, aber das ist natürlich okay. Was mein ist, ist auch dein. Immerhin hat sich der Hundekuchen nach immerhin insgesamt 80 Minuten wirklich komplett aufgelöst. - Daher genießen wir also den Rest vom teuren Tüten-"Wein", knabbern dazu ein paar Zimtsterne und Marzipankugeln, und so ließ es sich direkt aushalten. Das Aroma von Roter Beete hat sich verflüchtigt, Waldbeerenaromen sind dominant, im Abgang läßt der "Wein" eine etwas kratzige Spur von frischem Wildblumenheu erahnen.

War eine interessante Erfahrung, die aber durchaus nicht zur Nachahmung empfohlen werden kann; es gibt wirklich Dinge, die kein Mensch braucht; nutzlose Erfindungen. - Dann besser eine Dose Bier in den Rucksack und lauwarm getrunken. Ist zwar genauso pervers, aber viel billiger als Tütenwein, und löscht den Durst besser.

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Schlüsselwörter: Trekking | Wandern | Tütensuppe | Trockenwein | Eßkultur | Geschmack | Wein | Karl Lagerfeld
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Kommentare

300
am 04.11.2009 21:23:45 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
rofl Grin Weinpulver - das ist wirklich völlig pervers.
303
am 05.11.2009 13:29:37 (86.32.198.xxx) Link Kommentar melden
Nicht pervers, nur neu, es gibt auch Milchpulver, Pulversuppen, Pulverfertigmixe aller Art, Warum sollte das beim Wein anders sein?
boemmelburg
am 06.11.2009 13:04:54 (77.177.154.xxx) Link Kommentar melden
Die Oma hat allerdings schon vor 40 Jahren auf der Welle gelegen und sagte immer, daß sie lieber einen Teebeutel nach Hause trägt als fertigen Saft oder Limonade. Pulverform hat schon einige Vorteile, auch wenn der gedanke Wein im Kopf nichts mit Genuß zu tun hat.
303
am 06.11.2009 13:09:32 (86.32.198.xxx) Link Kommentar melden
Ja, ich trinke ja keinen Wein, Aber es kommen ja immer neue Formen der Weinherstellung und der Verpackung, Vor 30 Jahren war ich in Australien, Dort wurde der Wein schon in Kartons , aber in einem Plastiksack drin, verkauft, Für uns war das ein Sakrileg, Aber man gewöhnt sich dran, Beim Weinpulver hätte ich den Gedanken, der Wein wird nie sauer, Also oxidiert nicht, Genuss ist sicher was andres, Aber convenience food ist ja nix Neues,

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