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Medien: Buch

Der Report der Magd

Wenn religiöse Fanatiker regieren

Foto vom Buch by m.o.d.
Foto vom Buch by m.o.d.
Vorweg: Gute Nerven braucht man für dieses Buch! Denn es wirkt stellenweise einerseits zunächst lähmend spannungslos, wenn es die Sicht der Erzählerin, der Magd, auf einen sinnentleerten ziellosen Alltag schildert, dann aber wieder ist es brutal, weil es die Brutalität einer Gesellschaft zeigt, die auf der Basis einer fundamentalistischen Bibelauslegung durch die an die Herrschaft gelangte Gruppe christlicher Fanatiker aufgebaut wurde. Margaret Atwood ist damit ein großartiger Wurf gelungen, der fesselt und auch in der deutschen Übersetzung von Helga Pfetsch sprachlich überzeugt. Thematische und stilistische Anleihen bei George Orwells "Nineteen Eighty-Four" sind sicher nicht zufällig, doch im Gegensatz zu Orwell, der den Stalinismus und den Hitlerfaschismus in seinem Roman in den Mittelpunkt stellt, geht es bei Margaret Atwood um die feministische Perspektive auf den religiös motivierten Faschismus.

Dieser fiktive Bericht über ein totalitär-religiöses Regime ist leider gar nicht so utopisch wie es den Anschein hat. Angefangen mit der Verschleierung der Magd, die mit anderen jungen Frauen sozusagen als menschlicher Fortpflanzungs-Cyborg gehalten wird, über das Verbot für Frauen, zu lesen und zu schreiben, bis hin zu den unbeschränkten Befugnissen der Religionspolizei... - dieses Buch strotzt nur so von Parallelen zu der Diktatur der Mullahs im Iran oder anderen islamischen Staaten, in denen Frauen unterdrückt werden. Andererseits läßt das Buch aber auch Bezüge auf biblischen Fundamentalismus erkennen, wie er in den USA bei bestimmten christlichen Gruppen vorkommt, im Rassismus des Ku-Klux-Klan und der White Aryans, im Gesellschaftstypus des WASP (White Anglo-Saxon Protestant), aber natürlich auch im Kreationismus.

Kurzbeschreibung: "Gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben fanatische religiöse Sektierer im Norden der USA die sogenannte Republik Gilead installiert, deren oberstes Ziel die Sicherung der Fortpflanzung ist, nachdem die "europiden" Rassen seit Jahren einen drastischen Geburtenrückgang zu verzeichnen hatten. Perfide Machtstrukturen sollen die größtmögliche Ausbeutung der weiblichen Gebärfähigkeit gewährleisten; dazu gehören die totale Entmündigung der Frauen und ihre Klassifizierung in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen. Wer nicht funktioniert oder sich widersetzt, wird zur "Unfrau" erklärt und in die Kolonien zur Giftmüllbeseitigung abgeschoben. Eine dieser jungen, zu Reproduktionszwecken rekrutierten Frauen, der sogenannten Mägde, die den männlichen Führungskräften von Gilead als Zweitfrau zugewiesen werden, ist Desfred, die Hauptfigur und Erzählerin des Romans." (Klappentext)

Eine solche Form der "negativen Utopie", genauer genannt Dystopie, hat einen eigenen Platz in der Literaturgeschichte, im Prinzip bilden sich darin pessimistische Gegenpositionen zu optimistisch schwärmerischen Utopien nach Art des Thomas Morus aus. Klassische und bekannte Vertreter sind George Orwell (1984) oder Ray Bradbury (Fahrenheit 451).

Ein gutes Buch, schön geschrieben, ein ganz aktueller Stoff! Im Rückblick, wenn man es zu Ende gelesen hat, wirken die spannungslosen Längen und teilweise langatmig wirkenden Detailschilderungen gar nicht mehr so sehr störend, sondern eher erholsam; mehr Dichte wäre vielleicht gar nicht auszuhalten gewesen. - Insgesamt also eine hochpolitische Warnung vor der Machtergreifung religiöser Fanatiker jeder Couleur.

Wer vor der Lektüre noch weitere Informationen braucht, die gibt es reichlich:

  • Leseprobe und Rezensionen bei "Mein-Lesesstoff.blog.de"
  • Rezension bei "Ceiberweiber.de" (gute Darstellung der Bezüge zu der US-Politik)
  • Leser-Rezensionen bei amazon.de (positiv/negativ)
  • Bundeszentrale für politische Bildung über das Theaterhaus Jena (Interpretation als "Gedankenexperiment über Rollenverständnis, demografischen Wandel, religiösen Fundamentalismus und Selbstbestimmung")
  • Informationen und Meinungen zur Verfilmung von Schlöndorff, (der selber zu seinem Werk sagte: "Ich schob diese Auftragsarbeit ein, um Geld zu verdienen. Keine sehr gute Idee, wie sich herausstellte, denn diese 'Geschichte der Dienerin' lag mir nicht")

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
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Schlüsselwörter: Margaret Atwood | Science Fiction | Dystopie | Utopie | Gilead
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Kommentare

Pater Lingen
am 01.11.2009 17:00:46 (77.178.108.xxx) Link Kommentar melden
Wie können nichtkatholische Gemeinschaften überhaupt von einer "Bibel" i.S.v. "Heilige Schrift", "Gottes Wort", ..., kurz: von einer "Autorität" sprechen?
Allein die Kirche hat festgelegt, was zur Bibel gehört und was nicht.
Man muss schlichtweg eine menschliche Autorität annehmen, es sei denn, man könnte nachweisen, dass Jesus selbst das Neue Testament verteilt hätte.

Seit Jahren frage ich immer wieder diese ganzen vermeintlich "Bibeltreuen" nach einer vernünftigen Erklärung für ihren "Bibelglauben". Eine Antwort habe ich bis heute nicht erhalten.
Alex Mais
am 01.11.2009 17:42:43 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
Pater Lingen am 01.11.2009, 17:00:46 Uhr:
Wie können nichtkatholische Gemeinschaften überhaupt von einer "Bibel" i.S.v. "Heilige Schrift", "Gottes Wort", ..., kurz: von einer "Autorität" sprechen?
Allein die Kirche hat festgelegt, was zur Bibel gehört und was nicht.
Man muss schlichtweg eine menschliche Autorität annehmen, es sei denn, man könnte nachweisen, dass Jesus selbst das Neue Testament verteilt hätte.
(Anmerkung: Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen.)

„Allein die Kirche hat festgelegt…“ – Also „Menschen wie du und ich“ und damit ebenso eine „menschliche Autorität“. Eine menschliche Autorität wie es all die Priester, Pater, Pastoren, Pfarrer, Bischöfe und selbst der Papst sind.

Folge ich Ihren Zeilen, so muss ich zwangsläufig und logischer Weise Ihre Frage ausweiten und fragen: Wie können katholische Gemeinschaften überhaupt von einer Bibel i. S. v. Heilige Schrift, Gottes Wort und Autorität sprechen?

Ein schönes Beispiel für katholischen Irrglauben sind da auch die Heiligen Drei Könige, dessen angebliche Gebeine im Dreikönigsschrein im Kölner Dom verehrt werden. Sie sind jedenfalls nicht die, die sie sein sollen. Aber das Gegenteil können Sie mir gerne beweisen, indem Sie mir handfeste, wissenschaftlich akzeptable Beweise vorlegen - kein katholisches Glaubensgerede ohne jede Beweiskraft...
300
am 03.11.2009 13:10:45 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
@ Pater Lingen, das Buch ist eine Fiktion und handelt von religiös motivierten Fanatikern allgemein. Da in diesem Roman Frauen weder lesen noch schreiben dürfen, haben sie auch keinen Zugang zu den Texten, mit denen diese Fanatiker ihre Relionsauslegung und ihre Macht begründen. Ähnlich wie die Menschen vor Luther und vor der Übersetzung der Bibel in die einzelnen Sprachen keinen Zugang zur Bibel hatten, sondern nur der lateinsprechende Klerus. So erhält man sich die Macht. Beim Koran ist es ähnlich, welcher Türke kann schon arabisch lesen? Der Koran wird mündlich vorgekaut und auswendig gelernt.

Selber die Quellen zu lesen, um nicht in der Abhängigkeit von denjenigen zu bleiben die die Texte auslegen, das ist die Botschaft, dies wird in dem Roman thematisiert. Um Streitigkeiten zwischen einzelnen Religionen oder Splittergruppen geht es nicht.
288
am 03.11.2009 18:56:29 (83.35.202.xxx) Link Kommentar melden
Quatsch.
Man sieht, Sie reden wieder über Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben.
Den Koran gibt es zweisprachig, d.h. sowohl die türkische als auch das arabische Original sind auf der gleichen Seite zu finden. Und natürlich lernt man by-the-way- arabisch, wenn man den Koran in seiner ganzen Komplexität erfassen will.
Das kann sich aber nur vorstellen, wer sich einlässt auf fremde Kulturen.
288
am 03.11.2009 19:00:01 (83.35.202.xxx) Link Kommentar melden
Aus der Amazon.de-Redaktion
Wer sich unmittelbar mit den Originaltexten des Korans auseinander setzen möchte, dem sei die zweisprachige Ausgabe Der Koran. Arabisch-Deutsch, herausgegeben von dem ehemaligen Diplomaten Murad Wilfried Hofmann, empfohlen. Hofmann, der 1980 zum Islam übertrat, hat die 1901 erschienene, äußerst originalgetreue Übersetzung von Max Henning neben den arabischen Originaltext gestellt und diese Übersetzungsvorlage -- wie auch die Kommentare des Übersetzers -- überarbeitet und aktualisiert. Die arabischen Suren stehen jeweils neben ihren dazugehörigen Übersetzungen, auch die Erläuterungen und Kommentare zu den einzelnen Koranstellen finden sich in Fußnoten auf der entsprechenden Seite -- beides erleichtert die Lektüre ungemein und vermeidet umständliches Nachschlagen. Um eine höchstmögliche Originaltreue zu wahren, beginnt das Buch gemäß der arabischen Schreibweise für westliche Begriffe von hinten.

In einer Einleitung liefert Hofmann eine kurze Einführung in die Entstehungsgeschichte des Islams und die Offenbarung des Korans. Er verteidigt den Islam gegen Vorurteile abendländischer Nicht-Muslime und plädiert für die Authentizität und Fehlerlosigkeit sowie die überzeitliche Bedeutung der koranischen Botschaft, für ihn die "einzige ernsthafte Alternative zur westlichen Konsumgesellschaft". Zur Untermauerung seiner These führt Hofmann moderne wissenschaftliche Forschungserkenntnisse zur Autorschaft des Korans sowie zu dessen naturwissenschaftlichen Aussagen, die zu Zeiten des Propheten noch nicht bekannt waren, an. Abschließend erläutert und begründet er die Änderungen, die er an veralteten oder fehlerhaften stilistischen Eigenheiten der Übersetzung Hennings sowie an dessen zeitbedingten islamfeindlichen Kommentaren vorgenommen hat...

--Susan Radwan

Falls Sie sich mal wieder ein bisschen Bildung und Kultur antun wollen, sollten Sie das Buch mal lesen:
http://www.amazon...3720521885
Danach können Sie sich wieder lustig machen...
286
am 04.11.2009 08:19:59 (88.68.106.xxx) Link Kommentar melden
Er ... plädiert für die Authentizität und Fehlerlosigkeit sowie die überzeitliche Bedeutung der koranischen Botschaft, für ihn die "einzige ernsthafte Alternative zur westlichen Konsumgesellschaft".
Das sieht man ja in Dubai ganz deutlich, diese Alternative zur Konsumgesellschaft. Grin
288
am 04.11.2009 11:21:31 (94.76.176.xxx) Link Kommentar melden
Als Ethnologe habe ich damit überhaupt kein Problem.

Ihre Definition von Ethnologe würde ich gern mal kennenlernen*lach*
reicht es jetzt schon, wenn man andere Glaubensformen verunglimpfen und ganze Völker diskriminieren kann, um als Ethnologe zu gelten?
Hier aus einer Rezension des Korans zweisprachig:
Ich halte sehr viel von dem Koran, den Murad Wilfried Hofmann neu herausgegeben hat. Die von ihm überarbeitete Übersetzung Max Hennings ist wirklich eine gelungene. Außerdem ist es die erste arabisch-deutsche Koranausgabe. Was ich sehr gut an dieser Ausgabe finde, ist, dass Murad Hofmann die Erläuterungen zu einzelnen Koranstellen nicht im Anhang aufgeführt, sondern auf der jeweiligen Seite als Fußnote hinzugefügt hat, was ein ständiges Umblättern vermeidet.
der Koran ist an sich einfach einmalig und sprachlich einfach unglaublich schön.
Wenn jemand gerade arabisch lernt, ist dieser Koran von Vorteil, da die jeweiligen Suren mit der dazugehörigen Übersetzung immer auf der gleichen Seite stehen.

Οὔτοι συνέχθειν, ἀλλὰ συμφιλεῖν ἔφυν
die Auslegung dieser Worte überlasse ich dem -nicht hoch genug zu verehrenden- "Ethnologen"Grin
288
am 04.11.2009 11:40:26 (94.76.176.xxx) Link Kommentar melden
Nun, Sie wollen ja oft irgendwelche Randthemen aufgreifen. Insofern würde mich schon interessieren, ob Sie zu den von Ihnen gemachten Angaben (Ethnologe mit guten Kenntnissen) zu sein auch die entsprechenden Nachweise (bitte nicht irgendwelches Schlauschwätzertum aus der Phrasendreschmaschine) liefern können, dann, aber nur dann, werde ich Ihre Qualifikation anerkennen, ansonsten aber halte ich es - gelinde gesagt- für einen Titel ohne Mittel.
Veröffentlichungen? Wissenschaftliche Auszeichnungen? Eintragung in einer Liste deutscher Ethnologen? Universitätsanerkennung wo?
Vielleicht geben Sie dazu man ein paar Fakts und nicht nur vage Behauptungen.
Sonst verrat ich an dieser Stelle noch, dass ich eigentlich Prinzessin von Beruf bin und täglich mit meinem rosa Nilpferd durch mein Königreich reite...vielleicht glaubt das dan auch einer, so, wie Ihren Ethnologen. Wenn Sie aber den dezent zurücknehmen, ok, dann nehm ich wenigstens das Nilpferd zurück, ok?Wink
288
am 04.11.2009 14:53:21 (94.76.176.xxx) Link Kommentar melden
Du verwechselst hier etwas. Denn ich bin nicht in der Pflicht, Dir etwas "nachzuweisen";

nun, wenn man öffentlich behauptet, einen akademischen Grad zu tragen, dann sollte man denken, dass es nicht nötig wäre, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken.
Ich denke schon dass ich dass Recht habe, dies kritisch zu beleuchten und einen Beweis für Ihre Behauptungen anzufordern.
Ansonsten: alles heisse Luft, wie alle Ihre Beiträge, Schaumschlägerei und pseudointellektuelles Gequake.
300
am 04.11.2009 14:56:57 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
hier ging es um ein sehr lesenswertes Buch (und um eine, wie ich finde, gelungene Besprechung).


Smile Danke. Hatte schon befürchtet, das Buch würde in der Diskussion untergehen.
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