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Sonstiges: Kultur & Religion

Geraubte Kindheit - Kinderknast hinter den Klostermauern von Kallmünz

Über die Schuld der Kirche an ehemaligen Heimkindern

Blick in die Freiheit
Blick in die Freiheit
Sie ist heute 55. Eine moderne, eine nach außen stabil wirkende Person. Was sich in ihrem Inneren verbirgt, hat sie bis heute niemandem offenbart. Nicht offenbaren können, denn zu groß war die Angst, sich an das Erlebte erinnern zu müssen.

Mit den älteren Brüdern wurde sie, erst knapp 6jährig, aus der Wohnung der Mutter unter Polizeigewalt abgeholt. Schon dieser Polizeieinsatz reichte zur vollkommenen Einschüchterung aus, aber es kamen noch weitaus größere Schrecken auf das Kind zu. Bei der Ankunft im "Heim" wurde sie erstmal von den älteren Brüdern getrennt, eine Schwester brachte sie, nachdem man ihr die eigene Kleidung gegen Anstaltskleidung getauscht hatte, zu einer anderen Schwester. Da das kleine Mädchen aus einer Flüchtlingsfamilie stammte, und demnach kein deutsch verstand, kam das Kind der Aufforderung, sich auszuziehen nicht sofort nach, woraufhin sie bereits kurz nach ihrer Ankunft die erste Ohrfeige erhielt. Danach wurde sie Herrn Direktor Mehler "vorgeführt", dem Kind wurde nichts erklärt.

Sie wurde in einem grossen Saal einem älteren Mädchen namens Elisabeth übergeben. Bereits am Ankunftstag wurde sie zusammen mit Elisabeth zum Abwaschdienst befohlen, was bedeutete, dass das gesamte Geschirr aller Kinder gespült werden musste. Die älteren Brüder wurden indessen anderweitig untergebracht, der Kontakt wurde unterbunden.

Sie berichtet, dass gegen 6 Uhr der Arbeitstag begann, erst beten, kurzes Frühstück, gegen 8 Uhr Schulbeginn war. Obwohl sie noch nicht mal 6 Jahre alt war, wurde sie unmittelbar eingeschult. Da sie auch hier die Anordnungen sprachlich nicht verstand und insofern keine Folge leistete, wurde sie erneut ins Gesicht geschlagen und verbrachte den ersten Schultag kniend in einer Ecke des Klassenzimmers.

Das vorgesetzte Essen, das eher den Begriff "Frass" verdiente, Sagosuppe im Volksmund Froschaugensuppe genannt, konnte das 6jährige Mädchen nicht aufessen, woraufhin sie erneut die schlagenden Argumente der katholischen "Erzieherinnen" erfahren durfte. Erst im Laufe der nächsten Tage begriffen die Nonnen, dass die vermeintlich störrische 6jährige kein Wort deutsch sprach.

Das ganze Thema der Einlieferung ins Heim liegt bis heute im Dunkeln: die Eltern waren geschieden, ehemals ungarische Flüchtlinge. Während der Vater erneut geheiratet und eine bürgerliche Existenz aufgebaut hatte, benötigte die Mutter staatliche Hilfe, insbesondere weil sie an grauem Star litt und wegen diverser Erkrankungen teilweise nicht arbeiten konnte. Während der Heimeinweisung wurde den Eltern jeder Kontakt zu den Kindern verwehrt, der Vater beantragte, die Kinder in seine neue Familie aufnehmen zu dürfen, jedoch im ersten Jahr erfuhren die Eltern nicht einmal wo sich ihre Kinder befanden.

Erst als der Kindesvater den damaligen Jugendamtsleiter am Kragen gepackt hatte und ihm unter Androhung körperlicher Gewaltanwendung den Aufenthalt der Kinder entlockte, konnten die Eltern Kontakt und Besuchsrecht einfordern. Diese Besuche erfolgten 1 - 2 mal im Jahr unter spezieller Beobachtung durch eine Schwester in einem Besucherraum.

und vergib uns unsere Schuld
und vergib uns unsere Schuld
Durch die Entfremdung der Kinder und die obligatorischen Drohungen der Schwestern, falls das Kind irgendetwas preisgebe, (also nur auf Fragen der Schwester zu antworten) würde nach dem Besuch ein Aufenthalt in einer "Sterbekammer" (eine der Kapelle angeschlossene Aufbahrungskammer) fällig werden. Wie frei solche "Besuche" waren, kann sich der Leser selbst denken.

Noch schlimmer erging es den Brüdern der Betroffenen: mit Riemen, Besenstilen und Bambusrohrstock wurde ihnen der Arbeitseifer auf dem Feld nähergebracht. Auch die Mädchen durften diese Erziehungsmaßnahme erleben, jedoch wurden die Jungen wesentlich härter verprügelt, bis Blut floss oder einer am Boden liegen blieb.

Unter ihren Geschwistern hat sich einer der Brüder, der bis ins Erwachsenenalter unter Bettnässen litt, mit 27 Jahren durch Selbstmord von dem erlittenen Trauma befreit. Er berichtete innerhalb der Familie von sexuellem Missbrauch im Heim, von Übergriffen des Direktors und von schwersten Misshandlungen, von denen er sich niemals erholen konnte. Seine Leiche wurde in einem Waldstück aufgefunden, wo er sich durch Autoabgase in seinem eigenen Fahrzeug umgebracht hatte, als ihm die Ausweglosigkeit seines Daseins unerträglich schien.

Für Heimkinder gab es keine bezahlten Therapien, niemand nahm von deren schweren Schicksalen Notiz. Hilfe gab und gibt es nicht, auch nicht für die nunmehr 55jährige Ehemalige. Die anderen Brüder haben die Heimzeit auch nicht ohne Folgen überstanden. Ihr älterer Bruder ist weitgehend unfähig zu engen menschlichen Bindungen, er leidet unter schwersten psychosomatischen Erkrankungen bis hin zur Pflegebedürftigkeit.

Horror im Namen der Kirche
Horror im Namen der Kirche
Obwohl er in der Schule gute und sehr gute Leistungen erbrachte, wurde auch er in der vom Heim geleiteten Schule mittels Rohrstock zur Leistung getrieben. Schwerste und sadistisch anmutende Prügel bezog er insbesondere von Schwester Sigismunda, die er von Herzen hassen lernte, wenn sie wie besessen auf die Jungen eingeprügelt hatte. Wehrlos mussten sie sich ihrem Schicksal fügen, und durften dabei noch Geld verdienen für die klerikale Kasse, wobei sie für ihren Arbeitseinsatz, auch mit Zwangsarbeit vergleichbar, nie bezahlt wurden.

Neben den Arbeiten auf dem Feld und in der Wäscherei mussten die Kinder auch in der Metzgerei beim Schlachten helfen, insbesondere Gedärme von gerade geschlachteten Tieren waschen und dem Töten der Tiere zusehen. In einem besonders schlimmen Fall wurde ein anderes Mädchen coram publico verprügelt. Es tauchte nicht mehr auf, später hiess es jedoch gerüchteweise, das Kind sei bei einem Unfall aus dem Fenster gestürzt und dabei ums Leben gekommen.

Als eine Gruppe von Kindern einen Ausbruch wagte, wurden sie erwischt. Man hat sie eine Woche lang nicht mehr gesehen, vermutlich wurden sie eingeschlossen. Dabei war auch der Bruder, die Spuren der erfolgten "Erziehungsmaßnahmen" waren auch nach Tagen noch als Hämatome am ganzen Körper sichtbar.

Die Schuld an derartigen Schicksalen trägt zum einen ein Staat, der sich seiner Verantwortung entzog, indem er einer Organisation, die schon aufgrund ihrer Struktur denkbar ungeeignet ist für derartige Erziehungsaufgaben (denn Nonnen und Priester sind nunmal allein aufgrund ihrer Lebensführung und Erfahrung nicht prädestiniert um mütterliche und erzieherische Aufgaben zu erfüllen) allumfassend übertragen hatte.

Zum anderen aber liegt die Schuld bei der Kirche, die sich bereichert hat auf Kosten von unschuldigen Kindern, die nichts verbrochen hatten außer in einem System von Unrecht und Willkür aufzufallen durch Migrationshintergrund. Wie lange noch sollen die Betroffenen schweigend das erlittene Unrecht hinnehmen müssen, wie lange wird der Mantel des Schweigens gebreitet über fortgesetzten Machtmissbrauch eines Staates und seiner klerikalen Helfer, die Menschen und Kinder entrechten und missbrauchen?

Staatliche Hilfe soll und darf nicht darin münden, dass organisierte Willkür und richterlich abgesegnete Familienzerstörung betrieben werden darf. Solange diese Vergehen nicht gesühnt werden, nicht geächtet werden, solange die Kirche keine finanzielle Entschädigung leisten muss, können wir als Gesellschaft nie sicherstellen, dass derartige Vorfälle nicht wieder passieren, denn wenn schon die früheren Fälle nicht geahndet werden, weshalb sollte sich dann jemand abhalten lassen, dies zu wiederholen, wenn es offensichtlich keine Folgen hat?

Unter http://www.kinder...;Itemid=16 präsentiert sich das ehemalige Heim wie die perfekte Illusion einer heilen Welt. Das dunkle Kapitel geht aus der farbenfrohen Präsentation der Website nicht hervor, was in den Augen der Betroffenen wie Hohn erscheint.

Die erwirtschafteten Gewinne durch die kindlichen und jugendlichen Zwangsarbeiter werden wohl ebenfalls dazu beigetragen haben, den nunmehr paradiesisch anmutenden Charakter des Heimes zu finanzieren. Das Mindeste, was die Betroffenen erwarten können, wäre eine angemessene finanzielle Entschädigung für die jahrelange Qual, die verlorenen Jahre kann ihnen kein Geld der Welt zurückbringen.

Abschliessend sagt die mit den Tränen kämpfende "Ehemalige": "Ich werde mich nun, falls sich seitens der kirchlichen Träger kein Kompromiss findet, einen Musterprozess anstreben, denn nur so kann ich verhindern, dass sich mein Schicksal tausendfach wiederholt." Passend zum Thema auch eine Broschüre von einem weiteren Heiminsassen in Kallmünz: http://www.antips...l/doll.htm oder auch: http://www.heimki...02-06.html

Bilderquelle Pixelio

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Schlüsselwörter: Kinderheim Kallmünz | geraubte Kindheit | Schicksal | Heimkind | Jugendamt | Schläge | Misshandlung | Kinderarbeit | Kirche | Staat | Zwangsarbeit | Hunger | Prügelstrafe | Doll Josef | Caritas | Kloster | Heimkinder
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