Wissenschaft: Umwelt & Naturschutz

CO2-freie Kraftwerke: Sauber und unsicher?

Erstveröffentlichung: www.readers-editon.de Autor: Sarah Benecke
16.11.2006 23:26:23 eingesandt von Rene Thurow für OnlineZeitung 24.de


In Kenias Hauptstadt Nairobi ist Halbzeit für den Klimagipfel. Und immer wieder wird gefordert, das Kyoto-Protokoll solle strenger befolgt werden. Innovationen müssten her für eine Absenkung des CO2-Ausstoßes. Doch die alternativen Energien aus Wind und Sonne sind längst noch nicht ausgereift – und von der Atomenergie will Deutschland weg. Was bleibt, ist die Kohle. Ein Energieträger, von dem jeder weiß, dass er der Kohlendioxid-Produzent schlechthin ist. Deshalb muss aber nicht gleich das Klima leiden, dachten sich die Forscher der großen Energiekonzerne, zum Beispiel von Vattenfall und RWE. Gerade beginnen sie, die ersten CO2-freien Kohlekraftwerke aufzubauen.

“Aber diese Bezeichnung”, sagt Vattenfall-Pressesprecher Damian Müller schnell, “ist natürlich völlig falsch.” Kohlendioxid entsteht beim Verbrennungsprozess immer noch in rauhen Mengen. Aber in den neuen Kraftwerken soll es nicht in die Luft entlassen, sondern verflüssigt, abtransportiert und unterirdisch gespeichert werden.

Ein Problem hierbei ist jedoch, dass mehr Kohle verbraucht wird, um Energie für die CO2-Verflüssigung zu haben. Im Klartext: Der “Gewinn” des Kraftwerks an Energie sinkt im Endeffekt um etwa zehn Prozent. Damian Müller meint dazu nur: “Uns treibt die Hoffnung, dass wir den Verlust irgendwann ausgleichen können, indem wir effektiver werden.”

Dem Bund für Umwelt und Naturschutz reichte das nicht, er nannte das Projekt das “Feigenblatt von Vattenfall”, hinter dem es seine klimaschädlichen Aktivitäten verstecken wolle. Die Testanlage für das emissionsfreie Kraftwerk, die gerade neben den riesigen Schornsteinen des Kohlekraftwerks “Schwarzen Pumpe” entsteht, ist noch vergleichsweise winzig. In zehn Jahren soll das jedoch anders aussehen. Die Bundesregierung trägt ihren Teil dazu bei. Sie pumpt jährlich bis zu 20 Millionen Euro in die Erforschung der CO2-Abscheidung.

Und die Vattenfall-Testanlage ist nicht die einzige ihrer Art. Auch der Stromriese RWE baut fleißig an einer mit ähnlicher Technologie. Das fertige Werk soll 2014 stehen. “Unseres sollte eigentlich bis 2015 in Betrieb gehen”, sagt Damian Müller. “Aber dann kam RWE und die Ingenieure haben gesagt: Wir schaffen das bis 2012.”.

Wo das ganze Kohlendioxid letzten Endes eingelagert werden soll, darüber sind sich die Forscher allerdings noch uneinig. Die Lagerung in erschöpften Erdgasfeldern oder salzhaltigen Gesteinsschichten wird noch erprobt. Zehn Jahre lang ist es in einem Erdgasfeld vor Norwegen bereits gut gegangen. Was aber in hundert oder tausend Jahren sein wird, weiß keiner. Denn die Verbindung baut sich nicht ab und die Mengen, die gelagert werden müssten, wären gewaltig. Aus jeder Tonne Kohle entstehen drei Tonnen Kohlendioxid, also käme man alleine in Deutschland auf hunderte Millionen Tonnen im Jahr.

Greenpeace argumentiert zudem, die neuen Kraftwerke blockierten die “dringend erforderliche Energiewende hin zu erneuerbaren Energien”. Bis diese mehr als ein paar Prozent des bundesweiten Strombedarfs decken, können aber noch Jahrzehnte vergehen. Die deutschen Kohlevorkommen reichen noch für fünfzig Jahre. So sind die Kraftwerke auch eine Möglichkeit, Deutschland auf dem Energiemarkt mittelfristig ein wenig Unabhängigkeit gegenüber Staaten zu sichern, mit denen sich die politischen Beziehungen gerade zunehmend verschlechtern. Und wenn eine sichere Einlagerung des flüssigen CO2 gewährleistet werden kann, wäre auch etwas für Kyoto getan.

Erstveröffentlichung bei "Readers Edition" Autor Sarah Benecke Grundlage für Zweitveröffentlichung Creative Commons-Lizenz