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Politik: EuropaWas darf man eigentlich (noch) sagen? (Teil IV)

Integration oder Kopftuchstreit?
Bekannte Beispiele sind das ursprünglich als unverfänglich wahrgenommene "Neger" (aus lateinisch niger, nigra, nigrum = schwarz; den Ausdruck kennen Deutsche zumindest von der Porta Nigra in Trier, dem ehemaligen Augusta Treverorum). Dieses Wort wurde dann im Zuge des Kampfes gegen die südafrikanische Apartheidspolitik durch den Begriff "Farbige" (englisch colored people) ersetzt, der in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts als geistiger Fortschritt und als sprachlicher Ausdruck der Befreiung wahrgenommen wurde. Dann aber kamen die Black Muslims, die bereits 1930 gegründet worden waren, dann ab 1977 mit oder unter Louis Farrakhan zu neuer Aktualität und Radikalität... - die Betreffenden nannten sich im Zuge jener politischen Entwicklung selbst voller Stolz "Schwarze". Heute dagegen dominiert der Begriff "African American", obwohl er inhaltlich natürlich fragwürdig ist. Doch an der Wortentwicklung und an der willkürlichen Veränderung der Konnotationen läßt sich deutlich zeigen, was Political Correctness an Verbiegung in den Köpfen zu leisten vermag. In jedem Fall kann man feststellen: der Begriff wurde aus politischen Gründen geschaffen und dann manipulativ installiert.
Heute wird der fragwürdige Begriff genüßlich und vor allem sinnfrei inszeniert; er ruft die gutmenschlichen Blockwarte auf den Plan, die immer auf der Lauer liegen, ob man die derzeit gültige Sprachregel auch ja einhält, andernfalls wird man nahezu lüstern denunziert und gemobbt. Dies geht soweit, daß man Bundeskanzlerin Angela Merkel des Rassismus verdächtigte, weil sie Barak Obama öffentlich als den "ersten farbigen US-Präsidenten" bezeichnet hatte. Vor 40 Jahren hätte man ihr genau diesen heute verpönten Begriff abverlangt, tempera mutantur, nos et mutamur in illis.
Ebenso wären also als von der Political Correctness gewalttätig durchgesetzte Sprachreinigungen zu nennen: die Entwicklungsreihe Krüppel - Invalide - Behinderter - Mensch mit Behinderung - disabled; ebenso natürlich gay bzw. schwul, während "Homosexueller" inzwischen nahezu als Schimpfwort gilt, ganz zu schweigen vom altertümlichen "Sodomiten". Zu Zeiten der Gebrüder Grimm nannte man "Schwule" noch "Päderasten", und in den Anfängen des 20. Jahrhunderts war gern vom "Uranismus" und von den "Uraniern" die Rede. Für die weibliche Homosexualität gab es zu jener Zeit Begriffe wie "Tribadie" bzw. "tribadische Liebe", "sapphische" oder "lesbische Liebe". Die antike griechische Dichterin und Philosophin Sappho, eine bedeutende Lyrikerin des klassischen Altertums aus Mytilene auf der entsprechend bekanntgewordenen Insel Lesbos, läßt grüßen...
Bis zum Oktober 1990 war der breiteren US-Öffentlichkeit der Begriff politically correct unbekannt. Eine Analyse ausgewählter US-amerikanischer Medien ergab für den Zeitraum von 1989 bis 1994 einen rasanten Anstieg der Verwendung des Begriffs:
- 1989: 15 Fundstellen
- 1990: 65
- 1991: 1 570
- 1992: 2 835
- 1993: 4 914
- 1994: 6 985
Von der Political Correctness dagegen abzugrenzen ist die natürliche Entwicklung einer Sprache. War das Wort "Dirne" im Niederdeutschen (siehe hamburgisch seute deern = süßes Mädchen) nicht negativ wie in unserem heutigen Verständnis konnotiert, ebenso hat auch "Hure" hat eine Bedeutungswandlung erfahren (sie Autoverhuur = Autoverleih im Niederländischen), während "Nutte" eindeutig negativ besetzt ist, scheint heute der Begriff "Prostituierte" als normal und neutral zu gelten, obwohl Prostituierte sich selbst als "Huren" bezeichnen. Da blicke einer noch durch.
Nun hat bekanntlich das derzeitige enfant terible der politisch-kulturellen Szene mal wieder voll zugelangt. Das SPD-Mitglied Dr. Thilo "Rumpelstilzchen" Sarrazin hat es gleich mit zwei gesellschaftlich relevanten Gruppen aufgenommen:
- mit den beiden größten integrationsunwilligen Ausländer-Gruppen, den Türken und den Arabern, sowie
- mit den Hartz-IV-Empfängern

Arbeitslos und Spaß dabei
Kurz: sie maßen sich einen Raum an, der ihnen gar nicht zusteht, da sie zwar gern beherzt und vor allem lautstark für sich fordern, aber nichts für die Gesellschaft leisten. Bei beiden Gruppen existiert eine hervorragend organisierte Lobby-Arbeit, die als politische pressure group ihresgleichen sucht. Übrigens ein Verdienst besonders zweier Parteien, nämlich der GRÜNEN wie auch der LINKEN. - Daß diese Relevanz beider gesellschaftlicher Gruppierungen in der skizzierten Form überhaupt bestehen kann und besteht, ist aus zwei Gründen besonders brisant:
- schaffen beide Gruppen neue rechtsfreie Räume, die einen als no-go-areas wie in Kreuzberg oder im Hamburger Schanzenviertel, die anderen per Schwarzarbeit und Leistungsbetrug
- verliert der Staat hier sein Gewaltmonopol ebenso wie die durch ihn zu gewährleistende Rechtssicherheit, in der Folge also seine Glaubwürdigkeit... - es ist attraktiver und in der Regel straffrei, Leistungsmißbrauch vorzunehmen, es ist also besser als zu malochen und Steuern zu bezahlen; zu deutsch: wenn man nichts mehr zu verlieren hat, kann man sich alles erlauben
Eine wertelos und damit wertlose Gesellschaft, die sich weiter selbst entwertet, ist die Folge. Eine Gesellschaft, in der die nachwachsenden Generationen die prägende Erfahrung machen, daß sich Leistung nicht nur nicht lohnt, sondern geradezu bestraft wird, oder jedenfalls doch Leistungsverweigerung besser honoriert. Auf diese Gefahr hat Sarrazin hingewiesen, that's all. In der umgekehrten Perspektive zeigt sich dieser Zusammenhang auch an der Entwertung jener Generation, die Deutschland doch erst wirtschaftlich nach vorne gebracht hat, und die heute als Rentner belächelt, bestraft und betrogen wird.
Was darf man eigentlich (noch) sagen?
- Die Unbestimmtheit der Wörter und der vergebliche Versuch, politisch korrekt zu sein
- Sprachliche Traditionen und Beleidigungsprozesse
- Denkverbote und Sprachhygiene - die Debatte um Peter Singer
- Über "Political Correctness" - Thilo Sarrazin und die gespielte Empörung
- Förderung Hochbegabter? - Die unselige Gleichmacherei in der Bildungspolitik Deutschlands - folgt demnächst
Sowie auch:
Sarrazins Verdienst liegt nun insbesondere darin, daß er die allgemeine Vorgabe der Political Correctness nicht nur in Frage stellt, sondern das Tabu bewußt und gezielt bricht. Dies ist besonders konstruktiv und daher sehr löblich; denn wo eine Diagnose fehlschlägt, ist jede Therapie nur ein hilfloses Herumdoktern. Sarrazin dagegen diagnostiziert hart, klar und präzise, mit gekonntem chirurgischen Schnitt. Manche Untersuchung tut eben weh, sowohl von der Methode her als auch in Bezug auf das Ergebnis der Diagnose.
Es ist übrigens besonders erstaunlich und zeigt den desolaten Zustand der deutschen politischen Kultur, daß er bei denen, die als Leistungsträger und Steuerzahler von den Politikern und vor allem von den Beamten für dumm verkauft werden, nicht deutlich für Sarrazin in die Bresche springen; denn immerhin beutelt er auch die Politik und die politisch legitimierten Lenker Deutschlands heftig wegen der gänzliche unbearbeiteten drei strukturellen politische Defekte dieses Staates:
- daß die meisten Politiker aus der Kaste der bereits wohlversorgten Beamten kommen,
- daß Beamte nach Dienstalter und nicht nach Leistung bezahlt werden (auch dort, wo sie überflüssig und nutzlos sind)
- und daß die staatlichen Sicherungssysteme (Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung und vor allem Rentenversicherung) ganz bewußt und gewollt an die Wand gefahren wurden - und zwar vom Staat und den Staatsdienern selbst.
Seit spätestens der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt wußte man, daß die Rentenversicherung hätte umgestellt werden müssen, weg vom aufgekündigten Generationenvertrag hin zu einem individuellen Rentenkonto, weg vom Umlageverfahren hin zur Kapitaldeckung. Andere Staaten konnten das auch, nur Deutschland konnte es nicht. Eins der größten politischen Verbrechen in Deutschland nach 1949, das hier zur Erlangung kurzlebiger vordergründiger politischer Vorteile begangen wurde!
Aber auch sonst zieht Sarrazin so gekonnt und wortgewaltig gegen die zumeist überbezahlte Beamtenmafia zu Felde, daß einem das Herz aufgeht. Das eigentlich müßte das Volk doch freuen:
- "Die Beamten laufen bleich und übel riechend herum, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist." 2. Februar 2002
- "Was haben alternde Staatsschauspieler mit drei Auftritten im Monat mit Kultur zu tun?" 8. Januar 2003
- "Momentan ist nicht ersichtlich, wer wo mit welcher Qualität sitzt." 14. Januar 2003 über überzählige Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes
Doch der deutsche Michel kommt lieber in vorauseilendem Gehorsam seiner pc-Verpflichtung nach, sich zu empören über Sarrazins harsche Worte gegen diejenigen Türken und Araber, die sich bewußt und gewollt diesem Staat und vor allem unserer Gesellschaft verweigern.
Recht hat der Mann trotzdem.
Vermutlich haben wir es hier mit einem klassischen deutschen Phänomen zu tun: Unterwürfigkeit. Da mag man einen unabhängigen Denker und Sprachanarchisten wie Sarrazin nicht. Vor allem nicht, wenn er der ungeliebten Königin Angela öffentlich und vor allem frech empfiehlt: "Ich rate ihr, sich mal im stillen Kämmerlein einzuschließen, zwei Tage ruhig nachzudenken und sich zu überlegen, was sie wirklich will - und das dann auch durchzusetzen." So ein Sakrileg mag man in Deutschland nicht dulden. Man zetert zwar - lustvoll an jeder Regierung leidend - aber immer nach Süverkrüps Motto: "Alle meckern, keiner sagt was". Na, vielleicht war es auch einer der anderen drei des 67er Quartetts (Da habt ihr es!, 1967, Quartett Franz Josef Degenhardt, mit Hanns Dieter Hüsch, Wolfgang Neuss und Dieter Süverkrüp). Der Spruch paßt dennoch. Motzen, meckern, bloß nichts ändern. Die Schweizer sind da schon weiter. Am heutigen Sonntag haben sie in einer Volksabstimmung mit ca. 60% NEIN gesagt zu weiteren Minaretten in der Schweiz (die nur 400.000 Mohammedaner hat, wir haben 4 Millionen).
Das kann ja noch lustig werden.
Bern (dpa) - In der Schweiz wird der Bau neuer Minarette verboten. Dafür hat sich bei einer Volksabstimmung eine überraschend klare Mehrheit von 57,5 Prozent ausgesprochen. Dieses Abstimmungsergebnis war selbst von der national-konservativen SVP, die das Referendum mit initiiert hatte, nicht erwartet worden. Die Regierung hatte sich vehement gegen das Bauverbot ausgesprochen. Sie befürchtet vor allem wirtschaftliche Repressalien arabischer Staaten. In der Schweiz, wo etwa 400 000 Muslime leben, gibt es derzeit vier Minarette.
Na also, es geht doch. Man muß es nur wollen. Freuen wir uns also einfach auf das nächste Geschenk von Theo Sarrazin. Vielleicht noch vor Weihnachten?
- Geistlicher und Frauen mit Kopftuch bei einem Tag der offenen Tür in einer Moschee in Biberach/Riß, März 2003. Fotograf: Dierk Andresen, eigenes Foto von The weaver 17:11, 17. Apr 2004 (CEST) in Eigenschaft als Journalist GNU-FDL. Zur Verfügung gestellt von Weberberg.de, der Website für Biberach; Wikipedia, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0
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Lieber Chaim,
dank, dank, dank. Dank für diese wahren Worte.
Ich bitte doch nun in aller Freundschaft, dieser Erkenntnis folgend und sie auch auf "les Art" anzuwenden, da wir eben nichts Anderes machen und auch nichts Anderes wie z.B. Herr Sarrazin oder Du jetzt.
Also, nimme mich bitte wieder in deine erlauchten Sphären auf. Ich habe es jetzt nach Deiner Erkenntnis verdient.
Dank im voraus und neuer Freundschaft.
Dein Rainer
(denn keiner wäscht reiner,
rainer kann sich alleine waschen)