Politik: Soziales & Bildung

Die Mythen der Judenhasser (I)

Das Märchen von den "Khasaren" oder: Antisemitismus ist eine Form der Dummheit
03.10.2009 09:01:19 eingesandt von Chaim für OnlineZeitung 24.de

Antisemitisches Hetzblatt
Antisemitisches Hetzblatt
In den letzten Jahren ist zu den vielfältigen Erkennungsmerkmalen und Erscheinungsformen des Antisemitismus ein neues Lieblingsthema hinzugekommen, das sehr anschaulich die innere Dynamik des Antisemitismus zeigt. Wie auch bei den anderen Lieblingsthemen, mit denen sich Judenhasser gern beschäftigen, und die in dieser Reihe vorgestellt werden sollen, in erster Linie Selbstaussagen und Psychogramme derer, die sich zwanghaft damit beschäftigen müssen, ihren irrationalen Judenhaß zu rationalisieren, also vermeintlich "logisch" oder gar (pseudo)"wissenschaftlich" zu begründen.

Es geht hier, im ersten Beitrag zu dieser Reihe, um die Khasaren - andere Schreibweisen sind Chasaren, Kuzarim (hebräisch), Xazaroi (griechisch) - ein ursprünglich nomadisches Turkvolk in Zentralasien. Die Khasaren sind historisch bemerkenswert, weil die Führungsschicht der seßhaft Gewordenen - oder sogar der ganze Stamm, das ist unklar und somit heftig umstritten - etwa im 8./9. Jahrhundert zum Judentum übergetreten sind. Da das Judentum nie missioniert hat und Proselyten gegenüber traditionell stark abweisend ist, stellt dies eine Besonderheit dar. - Zu jener Zeit gab es natürlich bereits in ganz Europa, vor allem in Westeuropa und im späteren Deutschland, schon mindestens 600 Jahre lang jüdische Gemeinden, waren die Juden doch längst Bürger des Imperium Romanum geworden; seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.d.Z. und der "Zerstreuung" (galut) dienten Juden den römischen Herrschern als Kaufleute, als Soldaten oder eben auch als Sklaven. So kamen Juden natürlich auch zu einer Zeit an den Rhein, an den Main und an die Mosel, als es noch gar keine Deutschen gab, sondern allenfalls ein paar vorzivilisatorische Germanenstämme, z.B. die wilden "Chatten". Daß das den deutschen Antisemiten besonders schmerzlich sein muß, ist zwar verständlich, es ist aber nun mal nicht zu ändern.

Verdrängt wurde das alles zugunsten der rassistischen Khasarentheorie: römische Soldaten am Rhein seit dem Beginn der Zeitrechnung, die Existenz der jüdischen Gemeinde Köln bereits vor dem Jahr 321 n.d.Z., die Existenz der jüdischen Gemeinde in Trier im 4. Jahrhundert, die Existenz der großen jüdischen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz (als Akronym "SchUM" aus den Anfangsbuchstaben der Städte, hebräisch Sh'V'M), die Regierungszeit Karls des Großen, der seinen jüdischen Gesandten, den Kaufmann Isaak, von 797 bis 802 zum Kalifen Harun al-Raschid nach Bagdad schickte... - bereits das frühmittelalterliche Deutschland ist voll von jüdischen Spuren. Diese Juden sprachen selbstverständlich das damalige mittelalterliche Deutsch, genauer: Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch (das im heutigen Jiddisch erhalten geblieben ist.

Daß die deutschen Juden dann nach dem ersten und zweiten Kreuzzug nach Polen und Rußland flohen... - wer von den deutschen Judenmördern oder ihren Nachfahren möchte ihnen das vorwerfen? - Nachdem man als Kreuzritter im Namen Christi in Köln, Boppard, Oberwesel, Bacharach, Bingen, Mainz, Worms und Speyer die Juden ersteinmal totgeschlagen hatte, damit man mit ihrem Eigentum den Kreuzzug finanzieren konnte...

Dies alles also zeitlich parallel zum Khasarenreich, in dem ein ehemals nomadisierendes Turkvolk auf die verrückte Idee kam, jüdisch werden zu wollen. Außer einem jüdischen Schriftsteller und Journalisten namens Arthur Koestler, der aus dem Stoff einen Roman machte. Daß ein Schriftsteller, selbst wenn er Jude ist, weder als Historiker noch als Genom-Forscher durchgehen kann, steht auf einem anderen Blatt... - doch viel spannender bei der Khasaren-Story ist wie immer die Frage: cui bono?

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Von Faschisten, Juden und Khasaren

Und hier wird es spannend. Ganz spannend.

So spannend, daß selbst der satanisch-geniale Hetzer und Demagoge Goebbels neidisch werden müßte bzw. sich aufgegeilt in seinem Berliner Grab wälzen wird...

Denn es fällt auf, daß speziell Antisemiten, Nazis und Araber das Thema "Khasaren" in ihrem Portfolio haben. Warum eigentlich? - Na, das ist doch klar. Diese Gruppen sagen es doch immer und überall recht deutlich: es geht darum, die historische, persönliche und auch die genetische Verbindung der Juden zum heutigen Israel zu zerschneiden. Wären - wie es in den einschlägigen Internet-Foren immer so gespielt naiv gefragt wird - wirklich nur 5% der heute lebenden Juden "echte" Juden und der Rest Khasaren, dann entfiele (Konjunktiv!) natürlich der historische Anspruch auf und die religiöse, historische wie politische Bindung der Juden zu Israel.

Neben dem Hinweis, daß die Aschkenasim "seltsamerweise" Mittelhochdeutsch mit russischen und polnischen Bestandteilen sprechen und nicht etwa Türkisch oder Farsi, ist doch interessant, daß bevorzugt

also Gruppen, die sehr oft sehr viele Gemeinsamkeiten haben, dieses Thema "Khasaren" aufkochen.

Die Quelle hierfür ist schnell ausgemacht, dem Internet und der Allgemeinbildung sei Dank! Erst seit den 70er Jahren wurde das Thema "Khasaren" für den multinationalen Dienst der antisemitischen Goyim nutzbar gemacht.

Und von wem? Na, von den russischen Antisemiten natürlich. Nach dem erfolgreichen 6-Tage-Krieg, der die Israelis auf der ganzen Welt die Sympathie kostete... - überlebt hat man, aber genau dafür wurde man gehaßt.

THE MYTH OF THE KHAZARS

Victor A. Shnirelman

The Myth of the Khazars: Intellectual Antisemitism in Russia in the 1970s--90s

Forthcoming from the Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism at the Hebrew University, Jerusalem.

The history of state antisemitism in the USSR is well-known: the struggle against "rootless cosmopolitans" in the late 1940s, the "Doctors' Plot" of the early 1950s, and from the late 1960s the struggle against "World Zionism," accused of striving for world domination. What is less well known is how antisemitic propaganda has developed in late Soviet and post-Soviet Russia, the role it has played in the rebirth of the "Russian idea," and how this development has affected aspects of Russian historiography and belles-lettres. One fascinating aspect of this problem is the use of the euphemism "Khazars" for Jews and its relation to the image of the "Jewish Khazars" in the rhetoric and worldview of contemporary Russian nationalists. This is the focus of my book.

Like any other ethnocentric myth of the past, in order to be viable the Russian Idea required the discovery and publication of certain "truths." The first concerned the origin of the Russian people and stressed their original ownership of the whole territory of the former Russian Empire or USSR. The second focused on the evil agent who brutally distorted and thwarted Russia's development. The third emphasized that this malevolent agent continued to be a force throughout Russian history. Thus the struggle against this agent was and continues to be Russia¹s raison d¹etre. Russian history was seen to be both cosmic and messianic, with the Russian people serving as the savior of humanity.

In this context, the history of the Khazar Kaganate, which played an important yet not clearly understood role at the earliest period of Russia's state formation in the 9th-10th centuries, met quite well the demands of the Russian nationalist myth of the past, especially because the Khazar nobility converted to Judaism. This fact provided an appropriate pretext for arguing that Jewish intrigues and dominance were to be found from the very beginning of Russian history. This argument particularly affects Russian nationalists because the Russian state and culture were just emerging at that time and were especially vulnerable to external attacks and influences. For the Russian chauvinists this presents a good opportunity to accuse the Jews of encroaching on Russia from its very birth. This argument also conforms to the Jewish world-conspiracy "logic" of "The Protocols of the Elders of Zion" and explains why the Khazar problem became a focus for antisemitic invective.

The following accusations about the Judeo-Khazars were and are made and elaborated by advocates of the Russian Idea: They brazenly occupied the southern steppes that were originally the homes of the Slavs. They engaged in financial exploitation and benefited from the trade in Slavic slaves. They hindered the formation of Kievan Rus, and then forced it to convert to the oppressive Christian religion. Hence the Khazars supposedly subjugated the Russian people and doomed Rus to 1,300 years of backwardness. At the end of this period, in order to destroy Russian culture, they organized the Bolshevik revolution and established a secret dictatorship that used Stalin as a puppet, with Lazar Kaganovich as the actual ruler (as if this "kagan" were a true heir of the Khazar ruler or "khaqan"). This myth was elaborated by some Russian nationalists in the 1970s and 1980s and disseminated widely in "patriotic" periodicals in the 1990s, when the Jews (Khazars) were blamed for breaking up the USSR.

The "Khazar version" of Russian history provided the old myth of Jewish conspiracy with new, seemingly powerful arguments, as well as a justification for Russia¹s leading role in the struggle against this mortal threat. This view of the past was manifested in several ways. It was developed in the early 1950s by some patriotic archaeologists who tried to prove that the Khazar Empire was just a "parasite state."

The historian Lev Gumilyov made a special contribution to this development by depicting Khazaria as a "chimera" whose goal was to exploit mercilessly the subjugated Slavic population. The Khazars or their most active segment were indiscriminately identified with the Jews. Ironically the book of Arthur Koestler, who argued that the Khazars were direct ancestors of the East European Jews, played a role in this development. My book analyzes how and why the "Khazar issue" has been treated in Soviet and post-Soviet historiography, belles-lettres, mass media, and textbooks, and how this issue is related to antisemitic discourse. Science fiction and belles-lettres are especially important in this respect since neo-Nazi trends expressed in these types of literature have become prominent and have contributed to preparing the ground for "scientific antisemitism" in contemporary Russia.

Ethnocentric myth-building is considered in terms of its content and meaning, social and ethno-political context, its producers and their strategy. This book demonstrates how the "Khazar myth" is embedded into antisemitic discourse and related to the idea of a "Judeo-Mason plot." It also illuminates major differences between various factions within Russian nationalism in their attitude and interpretation of the "Khazar episode." Finally, I argue that the "Khazars" became a euphemism commonly used by those Russian antisemites who would like to avoid being accused of antisemitism.

Note. Victor Shnirelman is a research associate of the Institute of Ethnology and Anthropology of the Russian Academy of Sciences, Moscow. Until November 1991 he is Visiting Professor at the National Museum of Ethnology, 10-1 Senri Expo Park, Suita, Osaka 565-8511, Japan. e-mail: shnirv@idc.minpaku.ac.jp

Im Klartext heißt das:

Wer heute, im Zeitalter der billigen Bildung durch Internet und auf Staatskosten, noch immer die Mär von den Aschkenasim verbreitet, die eigentlich ein Turkvolk seien, der beleidigt nicht nur osteuropäische Juden als "Türken", sondern der ist schlicht und einfach brunzdumm. Oder, wie der Volksmund es nennt, "dumm wie Pferdepisse". Denn die "Ostjuden", die "Aschkenasim", sind eigentlich DEUTSCHE Juden in Polen und Rußland, deswegen sprechen sie ja auch mittelalterliches Deutsch und nicht Türkisch.

So gesehen ist Marcel Reich-Ranicki deutscher als alle seine dümmlichen, der deutschen Sprache nicht mächtigen, haßerfüllten Verleumder.

Anyway, ich verschwinde jetzt (17:48 MESZ) in meiner Laubhütte und sage "viel Spaß noch" sowie "chag sameach"!

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