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»Ich schreibe, also bin ich«

Brüche und Wandlungen im Leben eines an sich selbst verzweifelten Menschen

Schnaken bei der Fortpflanzung
Schnaken bei der Fortpflanzung
Meine erste Begegnung mit Karin Struck liegt etwas mehr als drei Jahrzehnte zurück... - und dieses Ereignis war fast so kraß, wie man es aus mehreren TV-Talk-Shows kennt (eine davon sieht man unten im Video), immerhin aber zog sie sich bei meiner Begegnung mit ihr nicht aus und warf auch keine Gläser: sie war gerade dabei, einen ihrer Söhne in einem "alternativen" Café in Münster zu stillen, die Tochter war schon älter, und Frau Struck, damals noch keine Katholikin, doch ein offensichtlich hitzköpfiger Rotschopf, giftete mich blitzeschleudernd und funkensprühend an, ich solle nicht so auf ihren Busen glotzen; da ich mir allerdings keines Vergehens hinsichtlich irgendwelcher unzüchtigen Gedanken bewußt war (als Vater kannte ich das Verfahren, wie man Säuglinge satt macht), verzichtete ich auf eine unerquickliche Diskussion mit einem offensichtlich hormongestörten Muttertier und selbstverständlich auch auf jede Art einer Rechtfertigung oder gar Entschuldigung. Ein Gentleman übergeht manches einfach, vielleicht allenfalls noch mit einer angedeuteten Verbeugung. Sowie mit einer - nur für das unbeteiligte, aber sehr interessierte Publikum sichtbaren - mokant verzogenen Augenbraue, selbstverständlich.

Ein »extrem deutsches Buch, auf eine imponierende und beängstigende Weise« (Heinrich Böll über »Die Mutter«)

Die Begegnung war aber vor allem dadurch etwas peinlich, weil ich diese Dame damals gar nicht kannte, nicht einmal ihre ersten vier Bücher waren mir bekannt, am fünften arbeitete sie oder hatte es gerade eingereicht. Meine ungewollte Ignoranz war aber gar nicht persönlich oder böse gemeint von mir, ich stand (und stehe) einfach nicht auf dieses weinerliche Getue der "Neuen deutschen Subjektivität". Meine Begleiter, die sie kannten, flüsterten mir aufgeregt und voller lokalpatriotischem Stolz zu, "Mensch, das ist doch die Karin Struck, die berühmte Schriftstellerin", ich aber kannte sie einfach nicht - und das hat sie mir vermutlich nie verziehen...

Später dann gab es einige private Begegnungen, die etwas mehr von Lockerheit gekennzeichnet waren; daher auch das Bild oben: da wir beide gern gärtnerten, ernteten wir unter dem Spott anderer münsterländischer Hobbygärtner gemeinsam säckeweise Brennesseln, um daraus leckeren Brennesselspinat und weniger gut riechende Brennesseljauche als stickstoffreichen Tomatendünger zu gewinnen. Dabei erzählte sie mir freimütig von ihren mißglückten Liebesgeschichten und ihrer gerade heftig kriselnden zweiten Ehe. In jener Zeit machte ich mich dann, mehr aus Höflichkeit als aus echtem Interesse, auch ein bißchen kundig im Werkverzeichnis, doch so recht fand ich keinen Zugang. Als Philosoph mochte ich dieses expressionistische Gedudel über Intimitäten und Innereien nicht so sehr, was ich sie auch weniger direkt, also höflich, wissen ließ. Dennoch bekam ich von ihr ein Frei-Exemplar der "Klassenliebe" auf niederländisch geschenkt, weil ich damals gerade diese Sprache erlernte... - das fand ich nett und habe es mit artigem Dank entgegengenommen (dann aber zur Jahrtausendwende bei einem Umzug entsorgt, trotz Widmung).

Meine Wirklichkeit war eine andere, und ich hatte vor allem anderen Zugang zur Wirklichkeit als die Gefühlswelt anderer; davon hatte ich, durch Studien und gesprächstherapeutische Ausbildungen, ohnehin mehr als genug. Ihre überschäumend begeisterte Entdeckung durch Martin Walser empfand ich also als etwas überzogen, und ihre Werke als literarisch stark überbewertet. Das war noch lange vor seinen antisemitischen Entgleisungen.

"Ich sehe mein Kind im Traum" (polnisch)
"Ich sehe mein Kind im Traum" (polnisch)
Buchtitel: "Ich sehe mein Kind im Traum" (polnisch)

Untertitel: "Eine bekannte deutsche Schriftstellerin hat sich getraut, die Wahrheit zu sagen und hat dafür einen hohen Preis bezahlt"

Fußzeile: "Die Autorin widmete die polnische Ausgabe" (Papst) "Johannes Paul II"

Dann - in jener Zeit des harmlosen privaten Austauschs - begriff ich allmählich auch, warum jemand, der selber eine persönliche Wandlung vom SDS-Sozialismus und DKP-Stalinismus über den radikalen Feminismus zum intoleranten Katholizismus durchmacht und damit sich (wie auch anderen) zumutet, in Verbindung mit familienhistorischen Belastungen und charakterlichen Prädispositionen solche daueraggressiven Auseinandersetzungen mit seiner Umwelt sucht... - und, wo er keine findet, sie sich organisiert. - Damals, als Karin Struck noch mehr vom Buddhismus fasziniert und noch nicht in römisch-katholischen Untiefen gestrandet war, konnte es auch mal vorkommen, daß sie einem Juden erklärte, er sei ja gar nicht gottgläubig... - auch solche Entgleisungen einer pommerschen Bauerstochter übergeht man am besten elegant. Das sichert die eigene Seelenruhe. Die ihr leider fehlte... - vor allem zum Thema "Schwangerschaftsabbruch", ihrem einzigen Thema (neben der qualvollen Auseinandersetzung mit ihrer Übermutter Ingeborg Bachmann).

Mitte der 80er Jahre wurde unser Kontakt seltener, aus Gründen unterschiedlicher persönlicher Entwicklungen, wie auch anderer ihrer Freundschaften seltener wurden; aber auch deshalb, weil ich immer weniger Lust hatte, mich mit diesem Zelotentum und seinem verbalen Assassinen-Gehabe zu befassen - es war mir schlicht zu anstrengend, zumal ich aus ethischen und politischen Gründen Befürworter einer Liberalisierung des § 218 war (und bin). Dieser Kontrast zwischen

  • dem angeblichen Denken einer "Lebensschützerin" des sogenannten vorgeburtlichen Lebens
  • und ihrem tatsächlichen Handeln, nämlich ihrer Gewalt gegen das reale nachgeburtliche Leben ihrer Gegner
war mir einfach zu mühselig. Ich empfand es als Widerspruch, wenn jemand nichts dabei findet, seine real existierenden lebenden Gegner zu beleidigen und verbal, ja sogar tätlich, anzugreifen, und dies damit begründet, er wolle das Leben von Zellklumpen, Embryonen oder Föten damit schützen oder verteidigen.

Nur durch ihr leidenschaftliches Engagement gegen Abtreibungen trat die in Schloß-Holte aufgewachsene Autorin gelegentlich in Erscheinung und sorgte für den einen oder anderen medienwirksamen Eklat, indem sie mehrmals bei Fernsehauftritten ihre Kontrahenten persönlich angriff.

Das musste nicht nur TV-Moderator Geert Müller-Gerbes erfahren, sondern auch die damalige Bundesministerin für Frauen und Familie Angela Merkel. Andererseits war man zuvor in der Öffentlichkeit mit der gerne als "Schmerzensfrau" titulierten Autorin auch nicht gerade zimperlich umgegangen.

Vernichtende Kritik von Marcel Reich-Ranicki

Den größten Schaden dürfte ihr Marcel Reich-Ranicki zugefügt haben, indem er ihren beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb eingereichten Text mit den Worten richtete: "Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert?" und damit ihren literarischen Absturz einleitete. Die ausbleibende weibliche Solidarisierung mit Karin Struck, die Reich-Ranicki mit seinem vernichtenden Urteil zum weinenden Rückzug getrieben hatte, bleibt ein missing link der feministischen Bewegung.

©ANTJE DOSSMANN / Neue Westfälische Hervorhebung von mir, C.L. - Der Vorfall in Klagenfurt ereignete sich im Jahr 1977; aus der letztgenannten Quelle ©Michael Hansel in Wespennest Nr.127/2002 hat Frau Dossmann offenbar wörtliche "Anleihen" genommen, wie man leicht amüsiert erkennt.

Das Ende Karin Strucks, literarisch gesehen, war dann ein bitteres für diese verbitterte Frau; das physische Ende folgte offenbar nahtlos. Der Literaturbetrieb mochte sie nicht mehr, nachdem sie sich bereits 1982 mit Suhrkamp zerstritten hatt, doch vor allem mochte man sie nicht mehr nach ihren unflätigen Angriffen, sogar auf unbeteiligtes Publikum in TV-Sendungen knapp 10 Jahre später. Der deutlichste Bruch war also ihre Wandlung zu einer intoleranten, keifenden, haßerfüllten "Abtreibungsgegnerin" oder - wie sich solche Menschen selber gern verfälschend nennen - "Lebensschützerin", die mit rhetorisch primitiven wie auch moralisch niedrigen "Argumenten" Andersdenkende mit Haß und Gewalt überziehen. Diese neue Radikalisierung der Karin Struck endete dann folgerichtig im Jahr 1996 mit ihrer Konversion zum Katholizismus.

Ihre Tochter Sarah schrieb: "Karin Struck konnte provozieren, konnte zum Lächeln, Lachen oder Nachdenken, zum Weinen oder zur Weißglut bringen, gleichgültig blieb sie kaum einem." (Pressemitteilung). Das ist sicher wahr, aber leider weder ein Merkmal schriftstellerischer noch eines menschlicher Qualität. Und so schrieb dieselbe Tochter bemerkenswerterweise ja ebenso: "Sie war in der Sache sehr hart. Sie hat nicht verstanden, dass sie andere damit verletzt. Für uns Kinder war das nicht einfach." (Nachruf in der hier direkt mal lesenswerten taz).

Mönchsgeier (Aegypius monachus)
Mönchsgeier (Aegypius monachus)
Wenn Haß die Seele zerfrißt und wenn Krebserkrankungen eine ihrer psychogenen Ursachen in seelischen Spannungen, Unfrieden oder dauernder Überlastung haben können, wie die Medizin annimmt, dann ist die Krebserkrankung Karin Strucks, die 2002 entdeckt wurde, vielleicht einer inneren Logik folgend. Daß sie, die die Themen "Mutter", "Sexualität, "Schwangerschaft" und "Traumatisierung" durch "Schwangerschaftsabbruch" bis zum Exzeß und zum Überdruß eines verärgerten Publikums inszeniert hatte, dann an "Unterleibskrebs" erkrankte und starb, hat eine frappierende Symbolik. "Ihr Leben selbst war wie ein traurig-verzweifelter Roman aus der alten Bundesrepublik", wie der (SPIEGEL 7/2006) mitleidsvoll formulierte. - Weder Ibsen noch Sophokles hätten eine solche Tragödie über eine "schuldlos Schuldige" besser schreiben können.

Was soll man dem anstrengenden, verbitterten, intoleranten, bornierten und schlußendlich aufgezehrten Hitz- und Trotzkopf nachrufen? Etwa R.I.P.? - Nun, dort wo sie nun ist, hat sie es immer friedlicher als in ihrem unfriedlichen Leben.

Lassen wir sie also in Frieden. Denn die, die sie benutzen und, um mit Heideggger zu sprechen, ver-nutzen, die haben längst angefangen, den Heiligenschein zu installieren und zu polieren. Lassen wir diese dabei auch in Ruhe. Denn ein paar hundert Jahre zuvor hätten dieselben den Rotschopf als Hexe auf den Scheiterhaufen gebracht.

Karin Struck (geb. 14. Mai 1947 in Schlagtow bei Greifswald; gest. 6. Februar 2006 in München)

versus

Familienministerin Angela Merkel

YouTube Video

  • Die Überschrift »Ich schreibe, also bin ich« ist ein Karin Struck zugeschriebenes Zitat, dieses erreicht aber nicht die für den Schutz durch das Urheberrecht erforderliche Schöpfungshöhe
  • Zum Weiterlesen: ein Pamphlet von Karin Struck
  • Bildnachweis:
  1. "tztz auf der Brennnessel", Foto: ©Re. Ko./pixelio
  2. "Widze moje dziecko we snie", Polnische Ausgabe, Foto/Übersetzung: E. D. Kubisa
  3. "Mönchsgeier", Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1905/Wikipedia, public domain

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Schlüsselwörter: Karin Struck | Abtreibungsgegner | radikal | Terror | Krebs | Körperverletzung | NDR | TV | katholisch | Papst | SDS | DKP | Beleidigung | Angela Merkel | Familienministerin | Schriftstellerin | Martin Walser
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Kommentare

OZ24
am 25.08.2009 18:16:29 (84.183.171.xxx) Link Kommentar melden
Schön geschrieben, der Artikel hat meine Neugier geweckt, ich werde mir mal das Leben und Werk der Frau genauer zu Gemüt führen.
am 25.08.2009 21:51:47 (84.59.131.xxx) Link Kommentar melden
Solche "Literatur" lese ich prinzipiell nicht, aber der Film war schon sehr bemerkenswert. Das ist ja Terror pur. Wie kann man sich nur so danebenbenehmen?!

Und diese Frau hat dann auf fromm gemacht? Eine arme, kranke Seele.
Alex Mais
am 26.08.2009 08:05:09 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
Mag sein, dass ich den Namen "Karin Struck" schon mal gehört habe, hätte aber nicht gewusst, wer das ist.

Anhand dieses sehr informativen und sehr gut geschriebenen Berichts und vor allem auch anhand des Filmes kann ich nur sagen:

Nichts verpasst - Thema abgehakt.
266
am 20.09.2009 09:57:24 (88.68.106.xxx) Link Kommentar melden
Oder auf Trolle. :D

Mir ging es jedenfalls so bei der "Kirche zum Mitreden", bei den Foren der intoleranten Christen, die sich als Jäger der "Zeugen" aufspielen und bei dem erwähnten Herrn Steffens.
357
am 15.01.2010 18:51:07 (80.237.152.xxx) Link Kommentar melden
Wie kann man sich so aufführen? Der Film ist ja grausam!!!!!
300
am 17.01.2010 18:14:07 (69.162.66.xxx) Link Kommentar melden
Dieser TV-Auftritt war ja völlig daneben, wie kann man so viel Hass haben? Als Christ auch noch? Da heißt es doch "liebet Eure Feinde" (Matthäus 5, 44)

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