Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Politik: Politische Meinung

Rassismus - heute noch aktuell?

Überlegungen zu einem unsinnigen Denken

Rassisten-Wahlkampf, Pennsylvania, 1866
Rassisten-Wahlkampf, Pennsylvania, 1866
Rassismus ist ein im politischen Raum gern verwendeter Kampfbegriff, der der Schmähung des politischen Gegners dient. Zum Beipiel wird er derzeit häufig verwendet in der Auseinandersetzung um Dr. Thilo Sarrazins Äußerungen. Dieser machte sich bekanntlich Gedanken, die er pointiert in einem Interview vortrug, nämlich über die Probleme der deutschen Gesellschaft, Menschen aus anderen Kulturen und mit anderen Religionen eine Integration nicht nur anzubieten, sondern abzuverlangen und diese weniger kulturelle als vielmehr soziale Anpassungsleistung als Voraussetzungen für Aufenthalt bzw. staatliche Transferleistungen zu definieren.

Diese Vorüberlegung ist wichtig, wenn man als zweiten Gedanken die inzwischen klassische Rassismus-Definition von Albert Memmi heranzieht und die Anmerkungen Sarrazins daraufhin prüft, ob der von Stephan J. Kramer inzwischen wiederholte "Rassismus"-Vorwurf objektiv haltbar ist.

Rassismus-Definition von Albert Memmi

Wohl eine der am meisten akzeptierten Definitionen von Rassismus lieferte der Wissenschaftler Albert Memmi. Seit ihrer Aufnahme in die Encyclopaedia Universalis ist diese Rassismus-Definition von Albert Memmi grundlegend für Forschung und Lehre. Er selbst hat sie in zahlreichen Publikationen präzisiert. In dem Buch "Rassismus" (Erstausgabe Athenaeum, Frankfurt 1987) beschäftigt sich Memmi ausschließlich mit dem Phänomen Rassismus: dem biologisch, oder besser biologistisch argumentierendem Rassismus, dem Antisemitismus, dem auf Rassismus gründenden Kolonialismus und dem Fremdenhaß.

In dem folgenden Statement Kramers - das offenbar weniger einer offiziellen Stellungnahme des Zentralrats der Juden in Deutschland gleichkommt als vielmehr eine vom ZJD abgeforderte kramersche Distanzierung von der ersten kramerschen Entgleisung bedeuten dürfte - ist einiges in vielfacher Hinsicht interessant; am deutlichsten scheint allerdings eine darin enthaltene Aussage selbst den Vorwurf Kramers zu widerlegen, nämlich seine eigene Bezugnahme auf die Ursache der von Sarrazin angesprochenen Probleme: "Die Integrationsprobleme sind sozialen und kulturellen Ursprungs, nicht aber genetisch bedingt." Damit hat Kramer ein Eigentor geschossen, denn Sarrazin spricht ebenfalls gerade nicht von genetischen bedingten Unterschieden. Allenfalls positiv macht er sich spekulative Gedanken über einen angeblich höheren IQ von aschkenasischen Juden. Es dürfte jedoch hinlänglich bekannt sein, daß der IQ multifaktoriell entsteht und somit polykausal untersucht werden muß - von genetischem Rassismus keine Spur. Warum also das Gezeter? Sarrazin redet doch genauso, wie Kramer es fordert: "Die Integrationsprobleme sind sozialen und kulturellen Ursprungs, nicht aber genetisch bedingt." Damit ist es legitim, zwischen türkischen Gemüsehändlern oder arabischen Taxifahrern, zwischen vietnamesischen Wäschereibesitzern oder angolanischen Studenten bzw. zwischen syrisch-schiitischen Ärzten oder russisch-jüdischen Ärzten Vergleiche zu ziehen oder soziokulturelle(!) Unterschiede zu vermerken. Wer - außer Kramer - spricht hier von Genetik?

"Da hilft auch Sarrazins plumpe Anbiederung nicht, osteuropäische Juden hätten einen um fünfzehn Punkte über dem Durchschnitt liegenden Intelligenzquotienten. Die Integrationsprobleme, die die deutsche Gesellschaft im frühen 21. Jahrhundert plagen, sind sozialen und kulturellen Ursprungs, nicht aber genetisch bedingt. Eine genetische Einteilung der Menschheit in Superkluge und Dumme, Nutzbringende und Nutzlose, Oberschicht und Unterschicht – das ist Rassismus pur."

Stephan Kramer in seiner "Entschuldigung" für den Hitlervergleich laut "Tagesspiegel"

Stimmt das? Ist das, was Sarrazin in jenem Interview sagte, wirklich Rassismus? Ist es

  1. auf Rassismus gründender Kolonialismus?
  2. Ist es Antisemitismus?
  3. Ein biologistisch argumentierender Rassismus?
  4. Oder einfach nur Fremdenhaß?

Prüfen wir an der Meßlatte der wissenschaftlichen Definition den Rassismus-Vorwurf. Kolonialismus wird man wohl ohne weiteres ausschließen dürfen, das Zeitalter ist vorbei, für einen selbst multiethnischen Europäer wie Sarrazin (eine Großmutter Engländerin, eine Italienerin, die Familie entstammt den Hugenotten und floh aus dem absolutistischen Frankreich, wo es den Genozid der Bartholomäusnacht gab, über Basel und Genf, später nach Westfalen). Insofern kann man Sarrazin durchaus als "integrationspolitisches Vorbild mit Migrationshintergrund" bezeichnen. Ein echter Europäer, ein Deutscher, wie man ihn sich nur wünschen kann. Er ist integriert, aber kein Kolonialist.

Antijüdisches Verbotsschild aus Karlsruhe, um 1940
Antijüdisches Verbotsschild aus Karlsruhe, um 1940
Die erste Facette des Rassismus-Vorwurfs ist also vom Tisch. Die zweite Spielart des Rassismus, als Antisemitismus, ist noch schneller erledigt. Sarrazin spricht über Türken und Araber in Berlin und in Deutschland, und zwar über jene, die sich nicht integrieren, weil sie es verweigern, die Sprache zu lernen, und weil ein großer Teil von ihnen vom Kindergeld lebt. Das war Sarrazins Kritik. Antisemitismus richtet sich gegen Juden, nur und ausschließlich, es ist ein anderes Wort für Judenhaß. Auch dieser Aspekt einer Rassismus-Unterstellung ist somit falsifiziert, erledigt. - Der dritte Punkt, ein biologistisch argumentierender Rassismus, kommt auch nicht vor bei Sarrazin; er spricht ausschließlich über soziales Verhalten und kulturelle Desintegration, ausgehend von der zu integrierenden Gruppe selbst. Auch die nicht unbedingt gefällige Wortwahl ("kleine Kopftuchmädchen", "türkische Wärmestuben") mag zwar manchem zu hart klingen und ist bestimmt gegen die verordnete politische Korrektheit, ist aber weder von Fremdenhaß noch von Rassismus geprägt; es ist einfach eine klare, schonungslose Sprache. Sarrazin differenziert in kluger Weise, der integrierte türkische oder der mehrsprachige erfolgreiche arabische Geschäftsmann wird sich gar nicht angesprochen fühlen, er ist auch nicht gemeint. Unwiderlegbar weist Sarrazin darauf hin, daß z.B. Vietnamesen der zweiten Generation sowie russische, polnische oder moldawische Juden der ersten Generation besser deutsch können und bessere Schulnoten haben als Türken oder Araber. Solche Fakten wird man ohne Scheuklappen zu interpretieren haben. - Der Vorwurf des Fremdenhasses schließlich geht völlig fehl bei Sarrazin; er differenziert die "Fremden" sehr präzise und korrekt; von Emotion keine Spur, die ist sicher stärker bei seinen Kritikern, er selber ist ein nüchterner, kühler Kopf.

Was ist Rassismus?

Es macht Schwierigkeiten, eine Definition des Rassismus zu finden, die allgemein akzeptiert wäre. Das ist zumindest erstaunlich bei einem Gegenstand, der so häufig und auf so unterschiedliche Weise aufgegriffen worden ist. Die Gründe für diese Schwierigkeiten werden verständlicher, wenn man sich vor Augen hält, daß das Fundament des Rassismus, d.h. der auf den Menschen angewendete Begriff der reinen Rasse, unzureichend definiert ist und daß es praktisch unmöglich ist, ihm einen exakt abgegrenzten Gegenstandsbereich zuzuordnen. Andererseits ist der Rassismus keine wissenschaftliche Theorie, sondern ein Komplex von obendrein zumeist widersprüchlichen Meinungen, die sich keineswegs aus objektiven Feststellungen ableiten und dem, der sie von sich gibt äußerlich sind, zur Rechtfertigung von Handlungen, die ihrerseits der Angst vor dem anderen entspringen sowie dem Wunsch, diesen anderen anzugreifen, um die Angst zu bannen und sich selbst zum Schaden des anderen zu behaupten. Und schließlich erscheint der Rassismus als der Sonderfall eines allgemeineren Verhaltens: Die Verwendung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede, die aber auch psychologischer oder kultureller Art sein können. Der Rassismus erfüllt demnach eine bestimmte Funktion. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß der Rassismus die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers ist, mit der eine Aggression gerechtfertigt werden soll.

aus: Memmi: "Rassismus", Hamburg 1992, S. 151

Wie man sieht: Sarrazins Kritik hat nicht das geringste mit "Rassismus" zu tun; er kritisiert lediglich in klaren Worten, jedoch ganz emotionslos, die falschen politischen Weichenstellungen der letzten Jahre im Hinblick auf eine jetzt erstmals zu schaffende kluge, sinnvolle Ausländerpolitik. Daß man nach dieser langen Zeit des unkontrollierten Wildwuchses überhaupt noch über Sprachkurse reden muß, ist doch ausgesprochen vielsagend, aber auch frustrierend. Menschen gehen eben immer den einfachsten Weg, der ihnen angeboten wird; warum sollten sie also mühevoll eine fremde Sprache lernen, wenn sie staatliche Geldgeschenke auch so bekommen können? - Doch viel wichtiger scheint der letzte hier zu nennende Aspekt, daß nur der Ton, nicht aber die Sache zum Stein des Anstoßes wurde; nicht übersehen sollte man also, daß Sarrazin zwar für seine Formulierungen angefeindet wird, dies jedoch ohne daß man die Inhalte sachlich widerlegen könnte - das sagt doch eigentlich alles.

Erfreulich, daß Sarrazin in den letzten Tagen wieder neue Unterstützung in der Öffentlichkeit erfährt, die in weiten Teilen überhaupt kein Problem mit Sarrazins Äußerungen hat, wie die Umfragen zeigen; zumal der Text des Interviews von der Bundesbank vorher abgesegnet war, wie sich jetzt herausstellt. Das offenbar am persönlichen Vorteil einer vermeintlich billigen Profilierung orientierte Vorgehen des derzeitigen Bundesbankchefs Weber gegen Sarrazin könnte sich also zu einem Bumerang gegen Weber selbst entpuppen. Das Herodes-Prinzip in der Führung - rechtzeitig den gefährlichen Nachfolger identifizieren und ihn eliminieren - ist nicht immer zielführend, das sollte Axel Weber bedenken. Es hat vor 2000 Jahren schon nicht funktioniert, wie man so hört.

--------------------

Bilder: a) Rassismus: Hetzplakat bei der Gouverneurswahl Pennsylvania, 1866 b) Antisemitismus: Antijüdisches Verbotsschild aus Karlsruhe, um 1940

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Rassismus | Sarrazin | Bundesbank | Deutschland | Multikulti | arabischer Antisemitismus | Sprache | Deutsch | Rassismus-Definition | Albert Memmi | Herodes | NPD
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

Hartmut Holz
am 19.10.2009 15:33:17 (217.80.212.xxx) Link Kommentar melden
Und wer, in Hamburg, einen ausländisch klingenden Namen
besitzt, der bekommt dort keine Wohnung.

Dieses wurde heute, von NDR 90,3, gesendet.

Wie soll dieses denn noch weitergehen? Shock

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.05 Sekunden
39,889,790 eindeutige Besuche