Sonstiges: Kultur & Religion

War am Anfang wirklich das Wort...?

Reflexionen über Sinnveränderungen bei Übersetzungen
11.09.2009 08:01:46 eingesandt von Chaim für OnlineZeitung 24.de

Johannes-Evangelium
Johannes-Evangelium
"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott."So fängt das "Evangelium nach Johannes" in der Luther-Übersetzung an, nebenstehend der Originaltext, der so gesprochen wird:

1.1 en archä än ho logos kai ho logos än pros ton theon kai theos än ho logos

1.2 hutos än en archä pros ton theon.

Schön, nicht? Besonders im Griechischen klingt das richtig gut. - Übrigens: Luther hat in seiner Übersetzung kraft souveräner Willkür eine Überschrift eingefügt, die im Original gar nicht da ist, damit man alles auch "richtig", also in Luthers Sinn, verstehen möge: "Das Wort ward Fleisch". Man könnte es auch Textfälschung nennen (nach der jüdischen Tradition darf ja kein "Häkchen" - damit ist der kleinste, der unbedeutend erscheinende Buchstabe "jod" gemeint - an der Heiligen Schrift verändert werden), aber das spielt jetzt hier mal keine Rolle. Tatsache jedoch ist, daß die redaktionelle Äußerung Luthers, also die Behauptung "Das Wort ward Fleisch" nicht im Urtext steht, sondern vom Übersetzer hinzugefügt wurde. Vermutlich aus dem Motiv heraus, seine Übersetzungsvariante zu bekräftigen.

Ich habe es schon vor vielen Jahren - ich lernte damals in der Schule gerade Altgriechisch und hatte Lust, mal meine Kenntnisse an einfachen Texten auszuprobieren - nicht verstanden, wie das gehen soll mit dem Fleisch und dem Wort, auch deshalb, weil ich wußte, was "logos" noch alles heißt im Griechischen - eben mehr als nur "Wort".

Logos

"Logos (logos): Wort, (ausgesprochener) Gedanke, Begriff, Definition, Vernunft, göttlicher, schöpferischer Gedanke, Weltgedanke, Weltvernunft. Die Lehre vom Logos als dem die Welt durchdringenden, alles beherrschenden Gedanken Gottes, als der von Gott ausgehenden Vernunft, als dem schöpferischen Wort ist alt. Im Rig-Veda ist der Logos (»vak« = lateinisch vox) die von der Gottheit ausgehende Weisheit (vgl. WILLMANN, Gesch. d. Ideal. I, 89). Im Zendavesta geht aus dem Urwesen (»zuruana akarana«) das Schöpferwort (»ahuna-vairja, honover«) hervor, durch welches die Welt erschaffen wird. Nach der biblischen Genesis ist die »Sprache« Gottes bei der Schöpfung wirksam (Gen. I, 3, 6, 9 ff.). - ANAXAGORAS lehrt einen alles beherrschenden »Geist« (s. d.). HERAKLIT bezeichnet zuerst die Weltvernunft als logos. Er ist das ewige Weltgesetz, dem zufolge alles geschieht (tou logou toud', eontos aiei - gignomenôn gar pantôn kata ton logon, Fragm. 2; Sext. Empir. adv. Math. VII, 132). Der logos ist zugleich die heimarmenê, das Schicksal (Stob. Ecl. I 2, 60), die eherne Gesetzmäßigkeit des Alls. Der logos; (oder die gnômê, dikê) ist den Dingen immanent, aber ohne Bewußtsein seiner selbst (logou toud' eontos aei axynetai gignontai anthrôpoi kai prosthen ê akousai kai akousantes to prôton). Jeder soll dem allgemeinen logos im Denken und Handeln gehorchen (dio dei hepesthai tô xynô toutesti tô koinô. tou logou de eontos xynou zôousin hoi polloi hôs idian echontes phronêsin (Sext. Empir. adv. Math. VII, 133). ARISTOTELES versteht unter logos Begriff (s. d.) und Vernunft (s. d.). Er unterschiedet den exô logos (Wort) vom esô logos (Gedanke in der Seele) (Anal. post. I 10, 76 b 24). Der orthos logos ist die richtige Vernunft, der sittliche Takt (Eth. Nic. VI 13, 1144b 23). Das göttliche Sich-selbst-denken (noêsis noêseôs) ist das höchste Prinzip der Welt (vgl. Met. I, 3). Die Stoiker nennen das Schicksal (s. d.) auch logos, es ist das alles durchdringende sittlich-vernünftige pneuma (s. d.). Es ist die heimarmenê aitia tôn ontôn eiromenê ê logos, kath' hon kosmos diexagetai (Diog. L. VII 1, 149); das Schicksal ist logos tôn en tô kosmô pronoia dioikoumenôn - kath' hon ta men gegonota gegone (Stob. Ecl. I 5, 180). Die logoi spermatikoi, die Vernunftkeime, vernünftigen Potenzen, sind Kräfte, die in allem wirken (Diog. L. VII 1, 157), sie treiben zur vernünftigen Entwicklung an (vgl. L. STEIN, Psychol. d. Stoa I, 49). Vom logos endiathetos, der innern Rede, d.h. dem Gedanken, wird der logos prophorikos, das Wort, die äußere Rede unterschieden. Ersterer besteht tê athresei tôn oikeiôn kai phygê tôn allotriôn, tê gnôsei tôn eis touto synteinousôn technôn, tê antilêpsei tôn kata tên oikeian physin aretôn tôn peri ta pathê. Der logos prophorikos ist phônê dia glôttês sêmantikê tôn endon kai kata psychên pathôn, er ist exô proiôn (Sext. Empir. Pyrrh. hyp. I, 65; Porphyr., De abstin. III, 3). Der logos endiathetos ist to kinêma tês psychês to en tô dialogistikô ginomenon (Nemes., De nat. hom. C. 14). (...)"

Auszu aus Rudolf Eisler, Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 1904

Noch Fragen? Bei Eisler steht mehr dazu.

Das Wort "archä" heißt übrigens auch nicht bloß (räumlich oder zeitlich) "Anfang", sondern ebenso "Grund", "Ursache" oder "Prinzip". - Man könnte also den Prolog des Johannes auch ganz anders übersetzen, statt "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott" wäre es genauso richtig zu übersetzen: "Das Prinzip war die Vernunft, und die Vernunft war beim Schöpfer, und der Schöpfer war die Weltvernunft"...

Wie sehr selbst Christen theologisch an solchen Stellen zu "beißen" haben, soll der Verweis auf den im folgenden nur kurz zitierten Text zeigen:

"Der Abschnitt in Johannes 1,1ff ist einer der am meisten mißverstandenen und von Vertretern der Dreieinigkeits- bzw. Dreifaltigkeitslehre benutzten "Beweisstellen" aus der Bibel für ihre Lehre, daß Jesus Gott sei. Der Abschnitt von Vers 1-18 wird angeführt, um vor dem Hintergrund einer angenommenen realen Präexistenz Jesu darzulegen, daß Jesus Gott ist, daß Gott in Jesus Fleisch wurde (Fleischgestalt annahm), und daß er so der eingeborene Gott ist. Solche Behauptungen entstammen ganz bestimmten Folgerungen und Schlüssen, die aus einigen Versen in diesem Abschnitt gezogen werden. Kein einziger Vers sagt jedoch tatsächlich etwas darüber aus. (...) Hebräer 1,3 (...) Auch dieser Vers bestätigt, was aus Johannes 1 deutlich wird: Jesus ist selbst nicht Gott! (...) Möge diese Studie allen Lesern eine Hilfe sein, den Herrn Jesus Christus besser zu erkennen und zu verstehen, wer er eigentlich ist. Hier wird kein Geheimins propagiert und dessen Schleier dann sorgfältig zugehalten - nein. Mir ist es ein Anliegen, den Schleier der undurchsichtigen Trinitätslehre zu lüften und allen zu ermöglichen, die Herrlichkeit Jesu, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, zu erkennen und letztendlich Gott ihm allein gebührende Ehre und Lob zu geben."

Quelle: ©Wolfgang Schneider/bibelcenter.de

Nein, ich habe das jetzt auch nicht alles verstanden... - außer

  1. dem Problem der für Nichtchristen mit dem Verstand nicht nachvollziehbaren "Trinitätslehre", die bekanntlich selbst innerchristlich umstritten ist, und
  2. der offenbar ebenso umstrittenen Frage, ob (der Jude) Jesus denn als gekreuzigter und wiederauferstandener Christus identisch mit "Gott" ist .

Unabhängig von innerchristlichen Streitereien und theologischen Definitionsproblemen kann man aber sagen, daß es wirklich hilfreich ist, Texte erst dann zu interpretieren, wenn man das Original kennt und verstanden hat.

Interessant wäre nun natürlich die naheliegende - aber nicht zu beantwortende - Frage, was wäre, wenn Martin Luther und Philipp Schwartzerdt eine andere Textübertragung aus dem Griechischen gewählt hätten? Wäre dann das Christentum vielleicht eine "vernünftige" Religion geworden? Die Frage liegt nahe, denn es gibt ja offenbar eine Art intellektuelle Hierarchie unter den Religionen, die meist von Agnostikern - und recht selten von Angehörigen einer Religion selbst - definiert wird:

Houellebecq darf Islam als "dümmste Religion" bezeichnen

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq darf den Islam ungestraft als "dümmste Religion" bezeichnen. Ein Gericht in Paris sprach den Autor der Bestseller "Elementarteilchen" und "Plattform" ... vom Vorwurf der rassistischen Beleidigung und Beihilfe zur Anstiftung zum Rassenhass frei.

Quelle: ©FAZ.net 22.10.2002

Wie gut, daß aus der Perspektive der historischen Wissenschaften - und dazu gehört natürlich auch die Kirchengeschichte - das hätte-wäre-könnte eine belanglose Fragestellung ist, da es nur um die wissenschaftlich exakte Beschreibung der realen Fakten geht, nicht um Spekulation.

Zum Glück ist die Geschichtswissenschaft eine deskriptive Wissenschaft, in der Spekulation, Verschwörungstheorie und Revisionismus keinen Platz haben.

Text: Johannes-Evangelium (public domain), Original, Grafik: ©Chaim Levinson