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Politik: Soziales & Bildung

Neuer Pass? Für Behinderte Thais in Deutschland kaum möglich (Teil 1)

Die neuen E-Pässe erfordern mehr Aufwand – Mangelnde Kooperationsbereitschaft

Foto: © Axel Ertelt
Foto: © Axel Ertelt
An einem authentischen Fall möchte ich hier einmal berichten, wie problematisch es für behinderte thailändische Staatsbürger, die in Deutschland leben, ist einen neuen Pass zu bekommen…

Die Vorgeschichte

Eine lebens- und unternehmenslustige, in Deutschland verheiratete Thai im Alter von 50 Jahren, erleidet im Frühjahr 2005 plötzlich, aus heiterem Himmel, einen Schlaganfall. Nachdem sie sich davon völlig erholen konnte schien erst einmal alles wieder in Ordnung zu sein. Doch dann kam Ende August 2005 der Nachschlag. Die Diagnose war beängstigend: Auslöser war eine extreme Gefäßverengung im Gehirn. Sie wurde zur Behandlung ins Haus Hüttental (gehört zum Kreisklinikum Siegen) gebracht, wo ihr ein Stent eingesetzt werden sollte.

Der Aufenthalt dort war der größte Fehler ihres Lebens: Der den Eingriff vornehmende Arzt rutschte beim Einführen des Stents ab. Dabei riss das Gefäß und es gab eine Blutung im Gehirn, in deren Folge es zu einem weiteren Schlaganfall kam. Zu allem Unglück fing das Gehirn an zu schwellen, was mit Medikamenten nicht in den Griff gebracht werden konnte. In einer Not-OP wurde die Schädeldecke geöffnet um das Gehirn zu entlasten. Die Folge: rechtsseitige Lähmung und so extreme Sprachprobleme, dass heute keine Unterhaltung mit ihr mehr möglich ist. Sie kann sich nicht mehr richtig äußern und spricht nur vereinzelte Worte – sowohl in Deutsch als auch in Thai, ihrer Muttersprache. Zudem benutzt sie viele Phantasiewörter deren Bedeutung man kaum erraten kann.

Nächste Katastrophe: Die behandelnden Ärzte waren sich einig und behaupteten: „Sie kann nicht schlucken! – Vielleicht nie wieder. – Also muss sie künstlich ernährt werden!“ Da sie sich den hierfür durch die Nase eingeführten Schlauch immer wieder herausriss, nachdem sie nach einem achttägigen künstlichen Koma wieder einigermaßen bei sich war, musste auf dringendem Anraten der Ärzte eine Magensonde gesetzt werden. Diese musste am Folgetag wieder entfernt werden, weil sich die OP-Wunde mit der Magensonde infiziert hatte. Das ganze sah sehr unappetitlich aus, war etwa handtellergroß und fast pechschwarz. So blieb sie zwei Tage im Krankenhaus liegen, in denen die Wunde lediglich mit Salbe eingekleistert und einem losen Verbandstuch abgedeckt wurde. Dann endlich ging auch den verantwortlichen Ärzten ein Licht auf: „Die Wunde muss jetzt mal dringend operativ gesäubert und verschlossen werden.“ (!)

Nun lese und staune man: Das war im Haus Hüttental nicht möglich! Also wurde sie verlegt – ins ebenfalls zum Kreisklinikum Siegen gehörende Haus Siegen. Die Verlegung fand freitags vormittags statt, die OP am Freitagabend. Am Sonntagvormittag, noch auf der Intensivstation, wurde sie von den Schwestern in einen Rollstuhl gesetzt und ans Fenster gefahren. „Ja, ist das denn möglich?“ fragte der verdutzte Ehemann. „Warum denn nicht“, antworteten die Schwestern, „sie muss doch mal etwas anderes sehen, kann doch nicht immer nur im Bett liegen und die Decke anstarren!“ – Im Haus Hüttental wäre dies undenkbar gewesen. Dort hieß es immer nur „unmöglich“

Am Nachmittag des nächsten Tages (Montag) wurde sie auf eine normale Station verlegt. Kurz darauf kam ein Pfleger mit einem Löffel und einen Becher Joghurt in der Hand ins Zimmer. „So, Frau …“, sagte er, „jetzt wollen wir mal schauen, ob Sie wirklich nicht schlucken können.“ – Und siehe da: Die Patientin konnte schlucken! Offenbar kannte man hier die fragliche Praktik aus dem Haus Hüttental und traute denen nicht (zu recht, wie sich nun bewiesen hatte). Das Einsetzen der Magensonde war also völlig überflüssig gewesen. Das endgültige Verheilen der Wunde war erst nach mehr als vier Monaten (im Februar 2006) geschehen. Heute „ziert“ den Bauchbereich ein harter, handtellergroßer Narbenbereich!

Foto: © Axel Ertelt
Foto: © Axel Ertelt
Auf den Rollstuhl zwingen angewiesen ist sie heute abhängig von fremder Hilfe für jedwede Tätigkeit. Sie kann nicht einmal alleine auf die Toilette gehen und das Essen muss ihr mundgerecht fertig gemacht werden. Nach ihrem Schwerbehindertenausweis ist sie zu 100 % schwerbehindert und hat die Merkmale G, aG, H und RF.

Der Pass läuft ab

Der Thai-Pass dieser Frau lief Ende Oktober des Jahres 2006 ab. Der Ehemann, der auch gleichzeitig die gerichtlich bestellte Betreuung hat, schrieb daraufhin (Monate vor Ablauf des Passes) die zuständigen Thai-Behörden (Königlich-Thailändische Botschaft, Berlin und Königlich-Thailändisches Generalkonsulat, Frankfurt/M.) an, schilderte den Fall seiner Frau ausführlich und bat um Stellungnahme, was man bezüglich eines neuen Passes (der alte war bereits einmal verlängert worden und konnte deshalb nicht mehr verlängert werden, außerdem waren zwischenzeitlich die neuen E-Pässe eingeführt worden) machen könne, da ihr ein persönliches Erscheinen aus gesundheitlichen Gründen unmöglich sei, sie auch nicht mehr lesen könne und erst recht nicht mehr schreiben kann.

Bezeichnend: Weder von der Botschaft noch vom Konsulat kam bis heute eine Antwort oder Stellungnahme dazu! Auch auf weitere Anfragen nicht! Kooperationsbereitschaft oder gar die Bemühung nach einer Lösung sind bis heute seitens der offiziellen thailändischen Stellen vollkommen ausgeblieben.

Das gleiche Schicksal haben noch weitere betroffene behinderte Thais. So ist uns beispielsweise ein Fall bekannt geworden, wo eine erblindete und behinderte Thailänderin auch keinen neuen Pass bekommen kann. Deren Pass ist auch schon seit Jahren abgelaufen. Auch hier will niemand seitens der offiziellen thailändischen Stellen zu dieser Angelegenheit Stellung beziehen und man beruft sich darauf, dass keine Ausnahmen möglich sind - auch nicht aus humanitären Gründen.

Die Aufenthaltsgenehmigung in „unserem“ Fall ist unbefristet. Deshalb wurden die Bemühungen im Jahr 2006 für einen neuen Thai-Pass erst einmal zurückgestellt, zumal ja eh keinerlei Hilfestellung kam. Doch dies ist selbstverständlich kein Dauerzustand. Wie es weiterging (und noch weitergeht, denn die Sache ist noch lange nicht ausgestanden) das erfahren Sie demnächst auf der OnlineZeitung24

  1. Fotolegende: Der abgelaufene Thai-Pass. Die wichtigsten Daten wurden unkenntlich gemacht. Foto: © Axel Ertelt.
  2. Fotolegende: Seite 2 des Schwerbehindertenausweises mit dem Grad der Behinderung und den Merkmalen. Foto: © Axel Ertelt.

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Schlüsselwörter: Thai-Botschaft | Thai-Konsulat | Thai-Pass | E-Pass | Pass | neuer Pass | Behinderte | schwerbehindert | Thais | Thailänder
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Kommentare

am 11.08.2009 19:21:19 (84.62.173.xxx) Link Kommentar melden
So schnell können Medizinfehler entstehen!
Ja, und die Reaktion aus Thailand könnte ich so interpretieren, sich definierten Beeinträchtigten elegant so zu "entledigen"!

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