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Politik: Soziales & Bildung

Warum ich so gerne "subversiv" bin...

Versuchte Beleidigungen sind manchmal in Wirklichkeit ein Kompliment

Maulwurf
Maulwurf
Politische Auseinandersetzungen sind das Wesen der Politik; politischer Streit ist demzufolge normal. Ohne Streit geht es nur dort, wo ein Führer die Richtung vorgibt. Das kennen wir ja, man nennt das auch Führerkult und Faschismus. Wo es eine einem Führer nachlaufende Menge gibt, eine Masse, eine Sportpalast- oder Volksgemeinschaft, die als "absolutum" gesetzt wird, dort herrscht friedliche Eintracht, ganz ohne Streit, aber dafür durch autoritätshörige Dummheit entstanden oder notfalls mit Gewalt erzwungen.

Echte Demokraten streiten also gern. Doch ein echter, ein konstruktiver Streit mit sachlichen, rationalen, nachprüfbaren und nachvollziehbaren Argumenten ist das eine, ein destruktiver "Streit" mit persönlichen Angriffen, Rüpeleien, Verleumdungen und Beleidigungen das andere. Ob nun einer im konstruktiven Sinn streiten will und es auch kann, merkt man recht schnell. Faschisten (und dazu gehören auch mobber, stalker und ähnliche verbale Gewalttäter wie Verleumder und Beleidiger) streiten nämlich destruktiv, im Sinn der Hetze, die man vom "Stürmer" kennt. "An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen"(Mt 7,20), der echte Streit ist orientiert an einer Lösung, hat ein Ziel, das in der Sache liegt (das erreichte Ziel kann auch sein, daß es keine Lösung gibt, keinen Kompromiß, daß die Standpunkte nicht anzunähern sind); der destruktive "Streit" dagegen hat das Ziel, den anderen herabzuwürdigen oder um jeden Preis "rechthaben" zu wollen.

Heraklit: polemos panton men pater esti  (c) 2009
Heraklit: polemos panton men pater esti (c) 2009
Demokraten können sich in ihrer Streitkultur auf Heraklit berufen, nämlich auf dessen fast immer falsch übersetzten (und damit auch falsch zitierten) Ausspruch:
"Der Krieg ist aller Dinge Vater." (polemos panton men pater esti.) - Herákleitos ho Ephésios, Fragmente, B 53
Heraklit hat sich bekanntlich viele Gedanken gemacht um die Entstehung der Dinge, um Werden und Vergehen, um Gegensatz und Einheit. Genau in diesen Kontext gehört das Zitat aus den Fragmenten des Heraklit, den man nicht umsonst den "Dunklen" nannte, seine Sprüche waren wegen ihrer Verdichtung schon immer schwer zu verstehen: aus dem Gegensatz (polemos) entsteht Neues, aus der Spannung (polemos), der Auseinandersetzung (polemos). Bilder, die uns vertraut sind als Mann und Frau, Spermium und Eizelle, Sonne und Mond, Licht und Dunkel, Hitze und Frost, Wasser und Erde, Wachen und Schlafen, Arbeit und Freizeit, wie sie auch in der biblischen Schöpfungsgeschichte benannt werden. Darum ging es Heraklit, sein Satz lautet also korrekt übersetzt: "der Gegensatz ist der Vater aller Dinge". - Nichts anderes meint auch das Prinzip von "Yin" und "Yang".

Maulwurf
Maulwurf
Nun streite ich gern, aus familienhistorischen wie auch aus beruflichen Gründen, weiß also, wovon ich spreche. Und aus denselben Gründen interessiert mich nur der konstruktive Streit. - Neuerdings passiert es aber gelegentlich (und immer aus derselben Ecke kommend), daß ich dafür als "subversiv" gescholten werde. Dazu muß man natürlich zweierlei wissen, was die meisten, die den vermeintlichen Vorwurf "Du bist subversiv" für eine Beleidigung halten, die sie mir antun wollen, nicht wissen (können) - vermutlich aus Gründen mangelnder Bildung einerseits wie auch aus Gründen mangelnder mentaler Fähigkeiten andererseits...

Es ist bekannt, daß a) speziell die Herrscher in Unrechtsstaaten (DDR, Nazideutschland, in den südamerikanischen Militärdiktaturen, in der Sowjetunion, oder aktuell die Mullahs in den aktuellen islamistischen Diktaturen) jeden, der sich nicht zu hundert Prozent kon-form verhält oder äußert, sofort der "Subversion" verdächtigen und beschuldigen. Der Vorwurf der Subversion ist also nahezu ein Merkmal für einen freien und intelligenten Geist, der nur unbequem ist. Im Prinzip wird somit "subversiv" zu einer Chiffre für die Opposition, für die Intelligenz, für den, der einem gefährlich wird. Übrigens war das ja auch b) der Grund, warum Sokrates sterben mußte: er war subversiv. Denn in seinem Kampf gegen die Dummheit in Gestalt der Dogmatiker und der Sophisten war er einfach unschlagbar gut.

Subversive Argumentation als Stilmittel
  • In der Rhetorik besteht die Taktik der subversiven Argumentation darin, Inkonsistenzen und Selbstwidersprüche in Ideologie und Argumentation des Gegners wahrheitsgetreu, aber offensichtlich und in für den Gegner möglichst peinlicher Weise herauszuheben. Unter anderem kann der gegnerische Standpunkt mit offensichtlich schlechten, aber vom Gegner nicht ablehnbaren Argumenten verteidigt werden. Diese Art der Argumentation findet insbesondere gegenüber dogmatisch-ideologischen Gedankengebäuden Anwendung.
  • Beispiele für subversive Argumentation sind das Herausstreichen von Selbstwidersprüchen in der Bibel oder die Feststellung der Tatsache, dass in gewissen Homöopathika keinerlei Wirkstoffe enthalten sind. Voltaire benutzt in seinen kirchen- und religionskritischen Schriften ausgiebig subversive Argumentationsmuster ("Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer.", zu deutsch "Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden."
  • Das konkret wohl berühmteste Beispiel für die Anwendung subversiver Methoden in einer modernen Debatte ist die Sokal-Affäre.
Man muß folglich den billigen Vorwurf, man sei subversiv, einfach nur umstülpen, und heraus kommt ein Kompliment. Das Kompliment derer, die nicht argumentieren können, weil sie keine Argumente haben. Das Kompliment der ewigen Verlierer, deren geistige Kapazität nicht ausreicht, um einfache Informationen aufzunehmen oder gar zu verarbeiten. Das sind dann z.B. die Leute, die am Frankfurter Flughafen mit einem Paß des "Deutschen Reichs" ausreisen wollen, sich jedoch statt dessen vor dem Richter wiederfinden, wegen Urkundenfälschung. - Herrlich. Solche Leute können gar nicht beleidigen, die sind allenfalls eine Beleidigung für den "homo sapiens" und können eventuell gerade noch als ein Beispiel des "homo erectus" gelten.

Strafarbeit
Strafarbeit
Alles in allem also: subversiv sein? Aber ja, gern doch, unbedingt! Sokrates war subversiv, Jesus war subversiv, Voltaire war subversiv; kann man denn in besserer Gesellschaft sein? - Ich kann mir keine bessere Ehrenbezeugung vorstellen: wer mich "subversiv" nennt, verbeugt sich vor mir, der hat begriffen, warum ich seiner sehschlitzartigen Sicht auf seine schwarzweiße Welt gefährlich bin.

Die besten Komplimente kommen bekanntlich von "Gegnern" die sich verbissen, aber zahnlos, an einem abmühen. Sie nennen genau das subversiv, was sie liquidieren würden, wenn sie die Macht dazu hätten; das verhindern natürlich alle Intelligenten, alle Guten und alle Subversiven.

Maulwurfsliebe
Maulwurfsliebe
Soviel dazu - ...und außerdem wäre das noch zu sagen: ich liebe Maulwürfe!
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Schlüsselwörter: subversiv | Subversion | Rhetorik | Stilmittel | Voltaire | Regimekritiker | Kritik | konstruktiv | Heraklit | Der Krieg ist der Vater aller Dinge | Masse und Macht
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Kommentare

kommt123
am 15.03.2011 20:28:44 (92.224.151.xxx) Link Kommentar melden
Oft herrschen unterschiedliche Meinungen über eine Angelegenheit.
Es werden Erwartungen an das Gegenüber gestellt, doch leider sind es oft verschiedene Schubladen, in denen man seine persönlichen Ansichten verteilt!

Wenn diese Kommunikationskonflikte nicht geklärt werden, können Antipathien entstehen.

Es entstehen negative Gefühle. Diese Emotionen sind der Antrieb für den weiteren Verlauf der Auseinandersetzung.

Die Aggressivität, die sich oft in verbalen Attacken darstellt, manifestiert sich. Es werden immer mehr giftige Pfeile abgeschossen.

Was zuerst eine Differenz war, eskaliert nun.

So ist das Leben...
563
am 15.03.2011 22:39:44 (141.76.45.xxx) Link Kommentar melden
"Versuchte Beleidigungen sind manchmal in Wirklichkeit ein Kompliment" - gut zu wissen, hehehehehe Wink
kommt123
am 16.03.2011 08:04:54 (92.224.97.xxx) Link Kommentar melden
Zum Teil stelle ich auch dieses Argument in den Raum:

Neid der Besitzlosen. Wink
557
am 18.03.2011 15:54:22 (84.19.165.xxx) Link Kommentar melden
Man muß folglich den billigen Vorwurf, man sei subversiv, einfach nur umstülpen, und heraus kommt ein Kompliment
Das ist paradoxes Denken, das lob' ich mir Smile
kommt123
am 22.03.2011 08:43:41 (92.224.148.xxx) Link Kommentar melden
...und immer locker bleiben.
Grin

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