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Politik: Soziales & Bildung

Bildung in Deutschland

Das Land der Dichter und Denker?

Wilhelm Busch: Lehrer Lämpel
Wilhelm Busch: Lehrer Lämpel
Vor einigen Jahren hat man entdeckt, daß deutsche Akademiker zu lange studieren, im internationalen Vergleich. Die durchschnittliche(!) Studiendauer in Deutschland beträgt an Universitäten sieben Jahre, an Fachhochschulen immerhin noch fünf Jahre. Die Gymnasialzeit dauerte bisher 13 Jahre, danach kommen in vielen Studienfächern erhebliche Wartezeiten hinzu.

Das Ergebnis: in Deutschland ist es eine Seltenheit, daß ein Akademiker unter 30 Jahren von der Universität kommt, in England ist es statt dessen die Regel, daß er unter 25 Jahre alt ist, wenn er ins Berufsleben startet. Die Auswirkungen auf das Steueraufkommen und auf die Sozialkassen sind bekannt. - Diese Zahlen gehen übrigens aus einer Studie des "Bundeselternbeirats" hervor. Die Zahlen datieren zwar von 2001, doch bei der Schwerfälligkeit des deutschen Bildungssystems dürfte dieser zeitliche Abstand keine allzugroße Rolle spielen.

Stichwort Bildungssystem: eigentlich müßte man von Bildungssystemen sprechen, jedes Bundesland hat ja sein eigenes. Diese Länderhoheit ist übrigens ein politischer Reflex der jungen Bundesrepublik auf das zentrale Propagandaministerium eines Dr. Joseph Goebbels.

Als ich studierte (Abitur in Baden-Württemberg), konnte ich im Prinzip jedes Studienfach wählen, das ich wollte, in jedem Bundesland und im Ausland ohnehin. Und dabei hatte ich nur - hauptsächlich aus Gründen einer altersgemäßen Bequemlichkeit und einer daraus resultierender Aufwandsminimierung einen Schnitt von 2,5 als Matura. Heute haben manche Abiturienten einen Schnitt von 0,8 oder 0,9 und sind - wenn man sich mit ihnen unterhält - seltsamerweise aber nicht besonders breit gebildet.

Dann kam jene Phase der deutschen Bildungspolitik, in der ein Schulwechsel von Bremen nach Bayern praktisch automatisch zu einer Nichtversetzung führte. Und das Abitur mancher Länder machte ein erfolgreiches Studium in einem der südlichen bildungsstarken Bundesländer so gut wie unmöglich. Na ja, Schwamm drüber. Denn inzwischen haben sich alle Bundesländer dem schwächsten Niveau angepaßt, was ja auch eine Lösung des Problems ist.

Max und Moritz. Vierter Streich.
  • Also lautet ein Beschluß:
  • Daß der Mensch was lernen muß.
  • Nicht allein das A-B-C
  • Bringt den Menschen in die Höh';
  • Nicht allein im Schreiben, Lesen
  • Übt sich ein vernünftig Wesen;
  • Nicht allein in Rechnungssachen
  • Soll der Mensch sich Mühe machen;
  • Sondern auch der Weisheit Lehren
  • Muß man mit Vergnügen hören.
  • Daß dies mit Verstand geschah,
  • War Herr Lehrer Lämpel da.
  • Max und Moritz, diese beiden,
  • Mochten ihn darum nicht leiden;
  • Denn wer böse Streiche macht,
  • Gibt nicht auf den Lehrer acht.

Wilhelm Busch: "Max und Moritz", Vierter Streich

Da sich so peu à peu der früher geltende Bildungskanon aufgelöst hat, sich allerdings auch kein neuer entwickelt hat und erst recht keiner von den Bildungspolitikern oder Schulbeamten entwickelt wurde, haben wir die Verflachung der früher so genannten Allgemeinbildung als zwangsläufiges Ergebnis. Bei einer Diskussion mit ca. 17 - 18 Jahre alten Gymnasiasten am Rande eines philosophischen Vortrags wurde mir ganz unverblümt gesagt, daß man sich z.B. für Geschichte nicht interessiere, weil man "damit ja eh nix anfangen" könnte. Der Effekt ist: isoliertes Fachwissen wird nur für eine Prüfung gelernt, Wissen wird nicht interdisziplinär vernetzt, eine breite Bildung im Sinne Dietrich Schwanitz' ist eine Seltenheit geworden. Die Utilisierung der Bildung, also die lediglich unter dem Aspekt der materiellen und pekuniären Nützlich- und Nutzbarmachung vorgenommene Bewertung erlernten und vernetzten Wissens, stellt das vorläufige Ende der Bildungslosigkeit dar. Heidegger hat diesen Effekt die Ver-Nutzung genannt.

Das Lernen macht stets dann Verdruß, wenn man's nicht will, es aber muß. (Heinz Erhardt)

Auf die Rechtschreibung sollte man sowieso nicht schauen, wenn man keinen Herzkaspar riskieren will, und Kopfrechnen ist wohl ganz aus der Mode gekommen. Ich habe meine Aufgaben im Abitur mit dem Rechenschieber gerechnet, eine Technik, wohl nur noch alte Ingenieure beherrschen, und die ersten Taschenrechner, die es damals gab, waren streng verboten im Unterricht und erst recht bei Prüfungen. Der völlig sinnfreie Unfug der sogenannten Rechtschreibreform hat dem Sprachgefühl der Deutschen dann den Todesstoß versetzt; immerhin aber läßt sich nun mit Buchtiteln wie "Dummdeutsch" oder "Deutsch für Anfänger" wieder ein hübscher Umsatz machen, Bastian Sick läßt grüßen.

Römischer Abakus
Römischer Abakus
Vielleicht ist zu einem großen Teil auch die Spaßideologie der 68er schuld, die fälschlich suggeriert hat, Bildung müsse immer Spaß machen. Verschwiegen wird dabei die Erkenntnis, daß Lernen mitunter mühselig ist, also mühevoll ist, aber dennoch selig macht... - wenn man die Früchte des Erfolgs erntet, genießt, verkauft. Lernen sollte manchmal sogar eine Zumutung sein, wenn's was bringen soll.

Um aber das Faß der verbeamteten Dummheit voll zu machen, hat man sich in Hessen zum Beispiel dazu entschieden, für bestimmte Schulen nach der verbindlichen Umstellung von G9 auf G8 wieder eine Rückführung auf G9 zuzulassen, auf Antrag. Wie das geht? Nun, Bürokraten finden für jeden Schildbürgerstreich die passende wohlklingende Verkaufsargumentation: die Schüler hessischer Gymnasien bekame in den letzten Tagen eine Elterninformation des Kultusministeriums, in dem sinngemäß geäußert wurde, das Kultusministerium sei zwar von der Sinnhaftigkeit von G8 überzeugt, wolle aber den Eltern und den Schulen die Möglichkeit einräumen, wieder zu G9 zurückzukehren.

Toll. Die Regierung führt etwas gegen den Rat der Pädagogen und gegen den Wunsch der Eltern zwangsweise ein, um ein Jahr danach zu erklären, es sei nicht so gemeint gewesen, natürlich könne man auch die alte Version wieder haben, allerdings nur bei "Kooperativen Gesamtschulen". So etwas kann man wirklich nur noch satirisch kommentieren:

Das Bildungssystem in Deutschland und seine Entwicklung.

Mathematik, Realschule, 1960: Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 50,- DM. Die Erzeugerkosten betragen 40 DM. Berechnen Sie den Gewinn!

Sekundarfstufe 1970: Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 50,- DM. Die Erzeugerkosten betragen 4/5 des Erlöses. Wie hoch ist der Gewinn des Bauern? (Rechenschieber nicht erlaubt!)

Sekundarstufe 1980: Korrektur der Formulierung (Identische Neuauflage von 1970): Ein/e Bauer/in verkauft einen/e Sack/in Kartoffel/innen einem/er Kunden/in für DM 50,-. Die Erzeuger/innen Kosten betragen 4/5/innen des Erlöses. Wie hoch ist der/die Gewinn/in des/der Bauer/in? (Keine Taschenrechner/innen verwenden)

Gymnasium 1990: Ein Agrarökonom verkauft eine Menge subterraner Solanum tuberasum für eine Menge Geld (=G). G hat die Mächtigkeit 50. Für die Elemente aus G=g gilt: Die Menge der Herstellungskosten (=H) ist um zehn Elemente weniger mächtig als die Menge G. Zeichnen Sie ein Bild der Menge H als Teilmenge G und geben Sie die Lösungsmenge X für folgende Frage an: Wie mächtig ist die Gewinnmenge?

Multikulturelle Gesamtschule 1991: Ein Landwirt verkauft einen Sack Kartoffeln für DM 20,-. Seine Erzeugungskosten, einschließlich Steuern betragen DM 25,-. Er vermietet daraufhin seinen Bauernhof an den Staat als Asylantenheim für DM 80000,- pro Jahr und da er jetzt arbeitslos ist, bezieht er im Monat noch DM 2000,- Arbeitslosengeld. Frage: Wer mistet jetzt den Stall aus?

Autonome Erlebnisschule 1995: Ein Bauer bietet auf dem Ökomarkt Biokartoffeln an. Nehme eine Kartoffel in die Hand. Wie fühlt sie sich an? Wie riecht sie? Schabe etwas Erde ab, zerreibe sie zwischen Deinen Fingern. Atme den Geruch tief ein. Schließe Deine Augen und versetze Dich in die Kartoffel. Du bist Erde. Fühle die Feuchtigkeit, die Dunkelheit. Komme jetzt zurück, öffne die Augen.

Freie Waldorf-Schule 1995: Male einen Sack Kartoffeln und singe ein Lied dazu.

Integrierte Gesamtschule 1995: Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 50,-. Die Erzeugerkosten betragen 40,-. Der Gewinn beträgt 10,-. Unterstreiche das Wort "Kartoffeln" und diskutiere mit deinen 15 Mitschülern aus anderen Kulturkreisen darüber. Waffen sind dabei nicht erlaubt.

Projekt- und fächerübergreifender Unterricht, 1999: Kauft Euch beim Landhandel 6 Kartoffelsäcke und bringt sie zum Sportunterricht zum Sackhüpfen mit. Entstande Löcher werden im Textilunterricht gestopft. Greift das Thema im Gemeinschaftskundeunterricht auf. Präsentiert das Ergebnis eures Projektes bei einem kalten Buffet mit Kartoffelsalat.

Schule 2000 (nach der Rechtschreibreform): Ein kapitalistisch priweligierter bauer bereichert sich an einem sack kartoffeln um 10 euros. Untersuch das tekst auf inhaltliche feler. Korrigiere die aufgabenstellung und denonstrire gegen die Lösung.

Schule 2005 (nach der Bildungs- und Rechtschreibreform): Ein agrargenetiker ferkauft ein sagg gatoffeln für 6,25 euro. Die kosden bedragen 5 euro. Der gewin bedregt 1,25 euro. Aufgabe: margiere den term gardoffeln und maile die lösung im pdf-format an classenleerer@schule.euroba

Jor 2010: Sorrie, es gipt keine gartoffeln meer! Nur noch pom fritt bei mc donels. Es lebe der fordschridd!

Autor: unbekannt (es kursieren unzählige unterschiedliche Versionen im Internet, die ersten Versionen stammen aus den 80er Jahren)

Im deutschen Bildungswesen ist also der Wurm: föderalistische Zentralisierungsphobie statt zielführendem Konzept, besinnungsfreies Basteln an den Symptomen statt pro-aktivem Kurieren der Ursachen. - Dazu paßt dann, daß ein seit Jahren regierender Minister zwei Wochen vor der Bundestagswahl erklärt, er sei dafür, daß die Bundesrepublik allen Schülern Ganztagsschulplätze anbieten solle und selbstverständlich auch allen ein kostenloses Mittagessen. Nur, so hat Herr Gabriel bewußt übersehen, kann man die Ganztagsschule aus ideologischen Gründen gar nicht einführen, und das kostenlose Mittagessen kann man aus Gründen der Staatsverschuldung nicht finanzieren. Zumal weder der Bundesumweltminister noch die Bundesregierung für diese beiden Themen zuständig sind.

In diesem Sinn: es gibt noch so viel zu tun... - lassen wir's liegen! Aber man könnte natürlich auch alle an der Misere Beteiligten (also Politiker und Beamte in der Hauptsache) in einen Sack stecken und draufhauen... - es würde immer den Richtigen treffen. Nein, das war kein Aufruf zur Gewalt, das war eine Metapher. Aber eine lustvolle.

  • Bildnachweis:
  • Wilhelm Busch: Lehrer Lämpel, Wikipedia, public domain
  • Rekonstruktion eines römischen Abakus im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz (1977). Das Original ist aus Bronze und befindet sich in der Bibliothèque nationale de France (Paris), Fotograf: ©Mike Cowlishaw, Wikipedia, GNU-Lizenz für freie Dokumentation

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Schlüsselwörter: Mengenlehre | PISA | Schule | Mathematik | Humor | Rechenschieber | Abakus | Kopfrechnen | GB | Bildung
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