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Der heilige "Stuhl", Spalter und Irre - Oder: warum Religion sehr lustig sein kann!

Die Realität ist manchmal satirischer, als ein Satiriker sie je erfinden könnte...

Fein gedeckt (c) Rainer Sturm/pixelio
Fein gedeckt (c) Rainer Sturm/pixelio
Ich bin ein Familienmensch. Ich habe zwar gelernt, daß man sich Freunde aussucht, mit der Familie jedoch zurechtkommen muß, aber inzwischen kann ich das. Man wird ja älter und reifer, manche jedenfalls. Und wenn mir meine Familie mal nicht gefällt, denk' ich eben an Einsteins Ausspruch: "Schau ich mir die Juden an, hab' ich wenig Freude dran - fallen mir die anderen ein, bin ich froh ein Jud' zu sein".

In unserer Familie gibt es ein paar Traditionen. Das ist wohl in jeder Familie so, aber hier ist etwas anderes gemeint. Unsere Traditionen haben einerseits etwas mit bestimmten Ritualen zu tun (daß wir immer Servietten bei Tisch benutzen, daß wir gemeinsam beginnen und gemeinsam aufhören mit dem Essen, daß keiner während der Mahlzeit auf Telefon- oder Türklingel reagiert oder ähnliches), andererseits mit klaren Regeln und Handlungsanweisungen für die Tischkonversation:

  • zum Essen gibt es nur positive oder allenfalls höflich-neutrale Kommentare
  • man spricht nicht abfällig über das, was andere mögen
  • es spricht immer nur einer
  • man spricht nicht mit vollem Mund
  • der Gefragte antwortet, und nicht ein anderer für ihn
  • über bestimmte Themen wird bei Tisch nicht gesprochen

Sparschwein (c) S. Hofschlaeger/pixelio
Sparschwein (c) S. Hofschlaeger/pixelio
Für Verstöße gegen die letzte Regel gibt es eine Spardose - sinnigerweise ein Schwein(!!!) - in die der Delinquent dann eine Mark (inzwischen also 50 Cent) zu entrichten hat (von dem Geld gehen wir dann gelegentlich - um genau zu sein: recht selten - auswärts essen). Unzulässige Themen sind alle die, die Ekel, Abscheu, Ärger, Angst oder unschöne Bilder erzeugen, also somit auch alles im Spannungsfeld Krankheit-Krieg-Leiden-Tod oder Streit-Ärger-Auseinandersetzung-Disharmonie und natürlich alles, was mit Körperausscheidungen zu tun hat, insbesondere also Urin, Fäkalien, Eiter, Blut, Sperma, Schweiß, Speichel usw.; hieraus ergibt sich logischerweise, daß TV oder Radio während der Mahlzeiten grundsätzlich ausgeschaltet bleiben, denn die Nachrichten bestehen ja im wesentlichen aus Unfällen, Katastrophen, Mord, Krieg oder anderen nervtötenden Dingen. Meistens jedenfalls. Wir sind einfach seit Traditionen Genußmenschen und finden, daß diese Themen den Genuß des Essers stören können. Natürlich kann das jeder halten wie er will, wir halten es eben so, an unserem Tisch sind wir König. Ach ja, übrigens: "wir", das ist der Haushalt einer Großfamilie mit drei Generationen; der Rest wohnt etwas verstreut.

Und neulich - ein Wort gab das andere - kamen wir im Gespräch auf den diplomatischen Dienst, auf Botschafter, auf das Thema internationale Beziehungen, und der Vater der Familie erwähnte, daß der "Heilige Stuhl" sich mal wieder zum Thema xy geäußert habe... - worauf der Kleinste der Familie, gerade mal Gymnasiast, gleichzeitig empört über das Unwort und begeistert über die "Strafe", die er nun verhängen wollte bzw. einfordern durfte, rief: "das kostet 50 Cent!" Denn er hatte ein paar Tage davor beim Arzt gelernt, was eine "Stuhlprobe" ist.

Kleingeld (c) Gerda Mueller/pixelio
Kleingeld (c) Gerda Mueller/pixelio
Zunächst wurde er beruhigt und aufgeklärt, worum es sich bei diesem Begriff handelt, also um das Völkerrechtssubjekt Vatikan bzw. Papst als Vertreter und Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Dann entspann sich eine lustige Diskussion darüber, daß Sprache zweideutig sein kann, und es bildeten sich zwei Fraktionen: die eine plädierte auf "nicht schuldig" (weil etwas anderes gemeint gewesen sei), und die andere auf "schuldig" (mit dem Hinweis darauf, daß Sprache Handlung sei und es nur darauf ankomme, welche Bilder beim Zuhörer erzeugt würden, Kommunikation sei Wirkung und nicht Absicht). - Kurz und gut, es kam zu einer Verurteilung zu einer Gesamtstrafe von einem Euro wegen eines besonderen schweren Verstoßes in zwei Fällen (1. ein Religionsthema, dann auch noch "katholisch", und 2. das zweideutige Wort). Der Verurteilte verzichtete auf Rechtsmittel, bat jedoch um eine Tilgung in Raten. - Seine Beschwerde, der Ankläger habe seine Anklage mit vollem Mund formuliert, wurde wegen Geringfügigkeit verworfen.

So kann es kommen. Irgendwann ist jeder Schüler besser als der Meister. Das ist ja der Sinn der Sache.

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  • Ist das nicht irre? Toll, wie manche Menschen jonglieren können.
Apropos "Irre". Heute fand ich doch zufällig die Aussage eines - jedenfalls formal - relativ gebildeten Menschen, der (immerhin am 3.10.2008) behauptete, "es gibt nämlich gar nicht Deutschland", und die Bundesrepublik Deutschland sei "ein besetztes Land mit über 80 Millionen Insassen, die von Politikern und Richtern geknechtet werden". Eine Position, die zwar rational und wissenschaftlich nicht haltbar ist, aber genau deswegen ja von den "Revisionisten", Neu- und Altnazis - sprich von erkenntnisfreien, bildungsfernen und belehrungsresistenten Deppen - vertreten wird, deren Gesellschaft manche offenbar begeistert suchen. Gleich und gleich gesellt sich gern.

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  • Ist das nicht krank? Manche Wahrnehmungsverzerrungen sind vermutlich nur durch pathologische Befunde zu erklären.

Solche Menschen bekommen nichts mehr mit, was außerhalb ihrer eingebildeten Wirklichkeit existiert. Sie verlieren das Maß, weil sie ja nur sich und ihr verschrobenes Weltbild als Maß kennen. Da sie - krankheitsbedingt - nicht dialogfähig sind, können sie auch nicht aus ihrer selbstgebastelten Zwangsjacke heraus.

Ganz erstaunlich ist jedoch, mit welchem Haß und mit welcher sprachlichen Gewalt sie gegen all jene hetzen, die sich ihnen nicht unterwerfen (Katholiken, Portestanten, Juden, Befürworter einer liberalen Praxis des Schwangerschaftsabbruches, Karnevalisten, Agnostiker, Homosexuelle). Da sind sie als Spalter unterwegs und haben als Propheten einer neuen Sekte die vermeintlich alleinigseligmachende Wahrheit (in Wirklichkeit eine taube Nuß) im Gepäck. Folglich: eine faschistoide Gesinnung auf neurotisch-paranoider Grundlage.

Quod erat demonstrandum.

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Schlüsselwörter: Satire | Realität | Spinner | Bekloppte | Irre | Paranoiker | Kultur | Tischsitten | Harmonie | Konversation | Friedensvertrag | Völkerrecht | KRR | faschistoid | Homophobie
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Kommentare

Tepes
am 02.08.2009 09:43:14 (84.183.145.xxx) Link Kommentar melden
Also den Artikel muss ich mal meiner Familie ausdrucken. Das mit den Regeln bei Tisch ist ja mal richtig "geil" (im positiven Sinne!)

p.s. sehr schön geschriebener Artikel

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