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Hinweise für einen entspannten Umgang mit einer Minderheit

Runder Tisch (Polen 1989)
Runder Tisch (Polen 1989)
In den letzten Jahren ist immer so gern und sehr oft vom sogenannten "interreligiösen Dialog" die Rede. Damit soll gemeint sein, daß sich Vertreter verschiedener Religionen an einen Tisch setzen und miteinander reden, vor allem über... - ja, worüber eigentlich? Der Stuttgarter Runde Tisch der Religionen hat es sehr klar benannt: man möchte - ohne anderen Gremien Konkurrenz zu machen - eine Basis schaffen für den alltäglichen Umgang, aber auch für schwierige Situationen.

Lesen: Manifest für ein friedliches und aktives Miteinander der Religionen in Stuttgart

Die vertretenen Gruppierungen setzen sich ein für ein Miteinander, in dem die Konflikte ohne Gewalt gelöst werden, das sich für Chancengleichheit und Integration einsetzt, und in dem gemeinsame Begegnungen und Dialoge organisiert werden. Das hört sich vielleicht nach Blauäugigkeit und Naivität an, ist aber sicher nichts Schlechtes und allemal besser als Aufrufe zum Djihad.

Ignatz (Yitzchak) Bubis
Ignatz (Yitzchak) Bubis
Und besser auch als diejenigen Formen und Auswüchse des "interreligiösen Dialogs", die letztlich eine versteckte Missionierung sind und nicht grundsätzlich den Anderen ihr Anderssein und damit ihre andere Religion auch lassen, und dies bedingungslos und ohne Vorurteil. Hier haben ganz speziell Juden - aufgrund einer zweitausend Jahre andauernder Missionierung oder Verfolgung und Diskriminierung durch Christen - eine etwas empfindlichere Grundhaltung, die sich in den beiden folgenden Zitaten zeigt.

Das erste eher betroffen, irritiert, zu recht empört, das zweite eher ironisch gebrochen:

Ich bekomme sogar schon ein leichtes Schüttern, wenn jemand, der mir guten Tag sagt, mir gleich sagen muß: Die besten Freunde meiner Großeltern waren Juden. Ich frage dann zurück: Würden Sie einem Katholiken auch sofort erzählen müssen, daß die Freunde Ihrer Großeltern katholisch waren?" - Ignatz Bubis, Interview in konkret 2/99

Der Journalist Michael Wuliger hat ein kleines Vademecum verfaßt, aus dem hier auszugsweise zitiert ist:

9 Tipps für den Umgang mit Juden
  1. Sie dürfen ruhig "Jude" zu uns sagen, das Wort an sich ist nicht beleidigend. Wenn Sie Schwierigkeiten mit diesem Wort haben, könnte das damit zu tun haben, dass noch Rudimente aus früheren Zeiten in Ihrem Hinterkopf stecken, das ist dann aber Ihr Problem.
  2. Judentum ist keine Frage der Bruchrechnung. Es gibt keine Halb-, Viertel- oder sogar Achteljuden. Erzählen Sie auch nichts von einer Oma namens Sarah. Falls sie es doch tun, erwarten Sie nicht, dass ihr Gesprächspartner mit Ihnen deshalb sofort Freundschaft schließt.
  3. Erzählen Sie bitte keine jüdischen Witze. Es könnte sein, dass Sie einen "Judenwitz" statt eines jüdischen Witzes erzählen. Das trübt dann die Stimmung. Außerdem könnten Sie ihren Gesprächspartner langweilen - der kennt nämlich die meisten jüdischen Witze schon: und er kann sie wahrscheinlich besser erzählen.
  4. Die meisten Israelis sind Juden, umgekehrt stimmt das nicht. Die meisten Juden sind keine Israelis. Deshalb sind sie für z. B. Kritik an der israelischen Sicherheitspolitik nicht unbedingt zuständig.
  5. Nicht alle Juden sind reich. Deshalb sollten Sie zum Beispiel bei einer Diskussion über Sozialabbau einem Juden nicht gönnerhaft auf die Schulter klopfen und zu ihm sagen: "Sie als Jude betrifft das ja nicht so."
  6. Nicht jeder Jude ist Einstein, trotz des verbreiteten Klischees sind Juden auch nicht schlauer als andere Menschen. Glauben Sie nicht, dass Ihr Gegenüber Spezialist für die "Frankfurter Schule" ist, wahrscheinlich hält er Adorno für einen italienischen Rotwein.
  7. Die Mehrheit der Juden ist nicht besonders fromm und nur eine sehr kleine Minderheit trägt Bart und Schläfenlocken, es kleiden sich auch nur wenige in die Tracht der polnischen Landedelleute des 18. Jahrhunderts. Knifflige theologische Fragen sind also als Partygesprächsstoff nicht besonders angesagt. Über die Schriftrollen vom Toten Meer zum Beispiel wissen die meisten Juden auch nur das, was sie beim Friseur in der Illustrierten gelesen haben, genau wie Sie.
  8. Es ist zwar wahr, das Juden Jahrtausende lang verfolgt wurden, aber daraus ergibt sich nicht automatisch, dass alle Ungerechtigkeiten der Welt ihr beliebtester Gesprächsstoff sind.
  9. Und zuletzt: Ihre Vergangenheit müssen Sie schon selber bewältigen. Wenn Sie unter Schuldgefühlen leiden, weil Ihr Opa zum Beispiel in der SS war, ist kein Jude sonderlich daran interessiert darüber Einzelheiten zu erfahren. Suchen Sie lieber einen guten, möglichst nichtjüdischen, Psychotherapeuten auf.

Der koschere Knigge von Michael Wuliger, bearbeitet von Wolfgang Seibert (Zitiert nach: "christen-juden.de") Fundstelle: ebay

Tja, leider scheinen solche Anleitungen notwendig zu sein. Vor ein paar Wochen fragte mich eine gute Bekannte, die immerhin über eine Mittlere Reife und eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt, während eines Dialogs über Schule, Ethik- bzw. Religionsunterricht und ähnliche Themen ganz naiv-harmlos: "Sag mal, wie ist das eigentlich, Ihr Juden glaubt doch auch an Jesus, oder?" - Ich war etwas schockiert darüber, daß eine Christin den wesentlichen Unterschied zwischen Christen und Juden nicht verstanden hat... - die einen glauben, der "Messias" sei schon dagewesen (sie nennen ihn Jesus, und der war bekanntlich frommer orthodoxer Jude), und die anderen warten eben noch auf den maschiach.

Ist doch wirklich nicht so schwer. Nur - warum müssen Juden so etwas ständig erklären? Na ja, vielleicht deshalb, damit man ihnen vorwerfen kann, sie wüßten alles besser und würden einen ständig belehren.

Bildquellen:

  • Ignatz (Yitzchak) Bubis (c) 1997 Túrelio/Wikipedia CCL 2.0
  • Runder Tisch (Polen 1989)/Wikipedia, public domain

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Schlüsselwörter: Knigge | Respekt | Toleranz | Dialog | Wissen | Juden
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