Politik: Welt

Entscheidet denn die Mehrheit, was richtig, sinnvoll und gut ist?

Ich gehöre gern einer Minderheit an...
30.07.2009 07:00:27 eingesandt von Chaim für OnlineZeitung 24.de

Sokrates-Büste
Sokrates-Büste
Bei Sokrates habe ich gelernt, daß man eine Meinung - auch wenn sie als solche zu respektieren ist - besser nicht allzu hoch ansetzt in ihrem Erkenntniswert, und daß man sie vor allem nicht mit der Wahrheit verwechseln darf.

Für Sokrates war eine Meinung nur eine Art "Scheinwissen", sozusagen die Mitte zwischen Nicht-Wissen und der Wahrheit. Im Griechischen heißt "Meinung" nämlich "doxa", daher kommt übrigens das Dogma, was bekanntlich nichts mit Wahrheit zu tun hat, sondern ein Glaubenssatz ist, der nicht bewiesen werden kann. Ein besonders von Religionsgemeinschaften (also christlichen Kirchen, Fundi-Pazifisten, Mutter-Theresa-Anbetern oder Dalai-Lama-Jüngern) gern verwendeter Ersatz für Rationalität und Argumentationskraft.

Nun gibt es im Bereich der Politik natürlich wenig echte Wahrheiten und besonders viel Nicht-Wissen, doch was mich tröstlich stimmt: mein verehrter Freund Sokrates war im Peloponnesischen Krieg sehr aktiv mit von der Partie, als schwerbewaffneter Hoplit... - und das als Philosoph!

Heute wäre ein Hoplit wohl zwischen "Infanterist" und "Panzergrenadier" anzusiedeln. Ganz so schief kann ich also nicht liegen, wenn ich - unter Berufung auf den ausgezeichneten, mutigen und tapferen Soldaten Sokrates - die deutschen militärischen Aktivitäten in Afghanistan befürworte...

Und hiermit befinde ich mich - ich ahnte es inmitten einer Minderheit wieder. Nun könnte man gemaß dem bekannten Graffiti "Eßt mehr Schei*e, denn Millionen Fliegen können nicht irren" argumentieren, daß Mehrheitsmeinungen an sich noch kein Argument sind, aber ich halte es, wie gesagt, hier argumentativ lieber mit Sokrates, schon aus ästhetischen Gründen. - Doch ein wenig bedrückt war ich schon, als ich eben im STERN an einer Umfrage teilnahm, die da lautete:

Soll die Bundeswehr in Afghanistan bleiben?

Meine Antwort steht da, angekreuzt, ich war der fünftausendeinhundertachtzehnte Abstimmende; so weit, so gut. Doch das Ergebnis ist bedrückend, denn man möchte doch einerseits (angeblich) so gerne dem Terror des Islamismus Einhalt gebieten, tut es aber andererseits nur mit Worten statt mit Taten, was natürlich feige, unethisch und vor allem verlogen ist:

Schmeißfliegen auf Kuhfladen (c) Adrian Michael/Wi
Schmeißfliegen auf Kuhfladen (c) Adrian Michael/Wi
Soll die Bundeswehr in Afghanistan bleiben?

Vielen Dank für Ihre Teilnahme. Bisher haben 5118 User abgestimmt.

Ergebnis:

  • 44% Ja
  • 56% Nein

Nun ja. Gutmenschen zeichnen sich dadurch aus, daß sie angeblich das Gute wollen (jedoch ohne wirklich etwas dafür zu tun). Gleichzeitig befällt sie dabei eine besondere Krankheit, die sogenannte "Unfähigkeit zur Selbstreflexion"; eine neurotische Amnesie, wie man sie satirisch auch hier sehen kann:

Der Kuhfladen-Witz

Zwei Fliegen sitzen auf einem Kuhfladen und essen.

Da fragt die eine die andere: "Darf ich dir einen Witz erzählen?" Die andere Fliege stimmt zu. Also erzählt sie: "Zwei Fliegen sitzen auf einem Kuhfladen und essen..." "Hör auf!", schreit die andere. "Mir wird sonst schlecht"

Helmut Schmidt hatte in seiner Zeit als Kanzler (siehe auch RAF, LH Landshut, Schleyer-Entführung, Stammheim, Mogadischu) zu recht auf den Unterschied zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik hingewiesen. - Gutmenschen verkörpern für mich dagegen die Erfahrung: Das Gegenteil von "gut" ist "gut gemeint". Daß die Verantwortungsethik ethisch höher steht, kann man auch an einer Erfahrung aus der Kommunikationswissenschaft zeigen: nicht das Motiv oder die Absicht eines Menschen, der kommuniziert, ist von Bedeutung; es zählt allein die Wirkung, die er mit seiner Kommunikation erzielt: "Kommunikation ist Wirkung, nicht Absicht".

Hoplit (c) Robth (Air War College)/Wikipedia
Hoplit (c) Robth (Air War College)/Wikipedia
Zurück zu dem Artikel im STERN. Hier erzählen die Soldaten, die ausgezeichnet wurden, was sie bewegt. Hiervon fand ich zwei Aussagen besonders interessant, die eine über das Wesen oder besser gesagt das Unwesen der Taliban: "In einem Krieg sind die Kombattanten klar zu erkennen. Die Taliban aber kommen daher wie normale Bauern, lachen dich an und schießen dir dann von hinten in den Rücken." Für den, der den Mohammedanismus wirklich kennt, ist das keine Neuigkeit, man nennt diese von Mohammed ausdrücklich erlaubte Lüge gegenüber den "Ungläubigen" im Arabischen auch "das Gesicht weißmachen", doch das führt hier zu weit; die andere Äußerung:
Kritik übten die drei Soldaten an der mangelnden Unterstützung der Deutschen für den Auslandseinsatz der Bundeswehr. Jeder, der rufe "Raus aus Afghanistan", biete "nur Futter für die Jungs, die uns dort angreifen". Während die US-Amerikaner zu ihren Truppen stünden, klagt Lukács, seien die eigenen Landsleute nur dann patriotisch, "wenn Deutschland Fußball spielt". Insofern sei ein "militärischer Orden für einen militärischen Einsatz" richtig und die Verleihung durch die Kanzlerin ein "gutes Zeichen" gewesen.

Das sehe ich auch so. Wichtiger wären aber nicht mehr Orden, sondern mehr Soldaten. Auch mehr Bundeswehrsoldaten. Denn wenn man etwas tut, soll man es richtig tun, mit ganzem Herzen, oder, wie Pestalozzi forderte: mit Herz, Hirn und Hand.

Mit diesem Stichwort zurück zu Sokrates, dem tapferen Krieger der Demokratie Athens; oder doch besser gleich zu seinem geistigen Enkel Aristoteles, der bekanntlich der Lehrer und Erzieher, Berater und Coach von Alexander dem Großen war (man möge es mir nachsehen, daß ich als Philosoph und Coach auf dieses historische Faktum immer mit einem gewissen Genuß hinweisen möchte). Alexander der Große, von Aristoteles erzogen und beraten, war bekanntlich viel in der Welt unterwegs, und hat dabei auch Bildung und Kultur verbreitet. Also eine nicht ganz abwegige Parallele zu den Bemühungen des Westens, in Afghanistan einen Mindeststandard an neuzeitlicher Kultur zu gewährleisten. Um es kurz zu machen: Alexander war ja auch in Afghanistan!

Das Reich Alexanders des Großen / Wikipedia
Das Reich Alexanders des Großen / Wikipedia
Afghanistan (c)  Vardion/Wikipedia CCL
Afghanistan (c) Vardion/Wikipedia CCL
Und das war - unterm Strich betrachtet - für den Fortschritt der Menschheit ein großer Gewinn!

Bildquelle Sokratesbüste (c) Eric Gaba/Wikipedia CCL