Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Medien: Witziges & Skurriles

Deutschland - Dein unbekanntes Wesen?

Die Irren von der „Kommissarischen Reichsregierung“

Wilhelm Voigt (Fahndungsfoto, 1906)
Wilhelm Voigt (Fahndungsfoto, 1906)
Die Geschichte des ostpreußischen Schusters Friedrich Wilhelm Voigt (13. Februar 1849 – 3. Januar 1922), bekannter unter der Bezeichnung „Der Hauptmann von Köpenick“, hat vermutlich Generationen deutscher Schüler beschäftigt, vor allem aufgrund der literarischen Verarbeitung des Geschehens durch Carl Zuckmayer. Dessen antimilitaristisches Stück, die Komödie „Der Hauptmann von Köpenick. Ein deutsches Märchen.“ wurde 1931 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt und war ein unglaublicher Erfolg. Die Tendenz dieses Bühnenstückes war übrigens, dies sei nur am Rande erwähnt, einer der Gründe, warum Carl Zuckmayer den Nazis so verhaßt war. Der andere Grund war natürlich: er war Jude.

Ähnlich wie beim „Schinderhannes“ und bei „Robin Hood“ haben wir auch bei Wilhelm Voigt eine erstaunliche Verklärung der jeweils doch recht problematischen historischen Person zu einer (angeblich sozialkritischen) Phantasiefigur; hier kann man deutlich sehen, wie schwer es dem Publikum oft fällt, Literatur und Bühnenkunst von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Denn der „Der Hauptmann von Köpenick“ war ein ganz gewöhnlicher Krimineller, der im Alter von 14 Jahren seine „Karriere“ begonnen hatte (Diebstahl). Allein bis zu seinem 52. Lebensjahr wurde er viermal wegen Diebstahls sowie zweimal wegen Urkundenfälschung verurteilt und verbrachte somit viele seiner Jahre im Gefängnis. Ein Knacki, wie wir heute sagen würden. Eine lange Latte an Vorstrafen; mit knapp 58 Jahren wurde er 1906 nach einer 15-jährigen Zuchthausstrafe wegen Einbruchs und schweren Raubs entlassen... – das armseliges Leben eines unsozialen Nichtsnutzes: 27 Jahre von 73 Lebensjahren hinter Gittern, also die Hälfte seines Lebens als Erwachsener!

Der Schuster Wilhelm Voigt plante seinen bekannt gewordenen Coup am 16. Oktober 1906 mit einer recht hohen kriminellen Energie; er nutzte neben dem Überraschungsmoment und der deutschen Verehrung von Abzeichen und Uniformen etwas aus, was bei vielen Menschen übermäßig stark ausgeprägt ist – eine soziale Verhaltensweise des Herdentriebes, die heißt: nur nicht auffallen! Wenn die anderen da jetzt mitmachen, ist es besser, ich spiele auch mit. Eine Parallelversion gibt es übrigens in Kishons später auch verfilmten Hörspiel „Der Blaumilchkanal“. – Interessant in beiden Geschichten ist vor allem die Wirkung von Uniformen und Phantasiedokumenten auf das Denken mancher Menschen, das nämlich offenbar dann einfach abgeschaltet wird.

Ähnliches geschah übrigens vor nicht allzulanger Zeit in Deutschland, als der Journalist für das angebliche Projekt „Google Home View“ in deutschen Schlafzimmern fotografieren wollte; sein entsetztes Resümee: „Jeder Dritte hat uns hereingelassen“. Das Prinzip von damals ist also immer noch sehr lebendig. Die Story war so erfolgreich, daß RTL sie auch sofort abkupferte...

Das Prinzip, sich Scheinlegitimationen wie „Reichs-Ausweise“, „Reichs-Führerscheine“, „Reichs-Personalausweise“ (oder gar „Reichs-Personenausweise“, was einen ungeheuren Unterschied ausmachen soll) und dergleichen mehr selbst zu drucken, ist speziell in rechten Kreisen zeitweise richtig in Mode gewesen. Zu diesem Zweck (und vor allem wohl deshalb, weil man natürlich mit dem Druck solcher Schein-Dokumente ganz hübsch Geld verdienen kann, wie manche Gerichte inzwischen in ihren Urteilsbegründungen wegen der logischerweise auch fälligen strafrechtlichen Verfolgung der Urkundenfälschung ausgeführt haben) hat man mehrere „kommissarischen Reichsregierungen“ gegründet, die sich selbstverständlich alle gegenseitig für illegitim erklären, sofern sie überhaupt noch existieren. Eine kleine kritische Übersicht dazu findet man hier:

Eins von vielen KRR-Zeichen
Eins von vielen KRR-Zeichen

Erstaunlich, daß die KRR-Deppen noch nicht auf die Idee gekommen sind, den Euro für ungültig zu erklären und mit einer solchen absurden Begründung ihr eigenes Geld zu drucken. Dumme, die dabei mitmachen, würden sich genügend finden in Deutschland, bei Revisionisten, Verschwörungstheoretikern, Silvio-Gesell-Spinnern und Rechten aller Schattierungen. Es gibt auch heute keinen Schwachsinn und keine noch so sinnfreie Köpenickiade, die nicht ihre Zielgruppe unter den Narren dieser Welt fände.

Allerdings: ncht so bei den Beamten der Bundespolizei desjenigen Staates, den die meisten, also jedenfalls die normalen Menschen, als Deutschland kennen, amtlich auch als Bundesrepublik Deutschland bezeichnet. Dieser Staat existiert auf einem Teilgebiet jenes Gebietes, das einmal Deutsches Reich genannt wurde. Doch dieser Staat Bundesrepublik Deutschland ist völkerrechtlich identisch mit dem Deutschen Reich, das logischerweise nie aufgehört hat zu existieren. Nur heißt jener Staat seit 1949 eben anders, nämlich Bundesrepublik Deutschland (und er hat auch andere Grenzen), so hat es auch das Bundesverfassungsgericht im Urteil zum Grundlagenvertrag vom 31. Juli 1973 (2 BvF 1/73, BVerfGE 36, 1 ff.) festgestellt. Für den völkerrechtlichen Laien ganz schlicht formuliert: ein Staat bleibt dasselbe völkerrechtliche Subjekt auch dann, wenn sich seine Staatsform ändert oder seine Grenzen. Ist doch nicht schwer zu verstehen...

Ohne gültige Reisedokumente kann man eben nicht reisen. Das ist ja auch logisch und verwundert den normalen klar denkenden Staatsbürger gar nicht, denn wie schon das Amtsgericht Duisburg 1996 in der Urteilsbegründung mit dem Aktenzeichen 46 K 361/04 vom 26. Januar 2006 (NJW 2006, 3577) festgestellt hat:

Eine "deutsche Reichsverfassung" vom 19.1.1996, eine kommissarische Reichsregierung oder ein kommissarisches Reichsgericht existieren ebenso wenig, wie die Erde eine Scheibe ist (...) Anders lautende Behauptungen und Rechtsansichten beruhen auf ideologischen Wahnvorstellungen. Sie werden gemeinhin allenfalls von rechtsradikalen Agitatoren (vgl. dazu BVerfGE 2, 1 (56 f.); Verfassungsschutzbericht 2003, hrsg. vom BMI, 2004, S. 55, 89 f.) oder Psychopathen vertreten (...)

Dem ist nichts hinzuzufügen, denn ein deutscher „Hauptmann von Köpenick“ reicht völlig aus; man muß den kriminellen Unfug von damals nicht wiederholen.

  • Bildnachweis:
.

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: KRR | Deutschland | Staatsrecht | Deutsches Reich | Bundesrepublik | PRHL
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

Redaktion Tierschutz
am 22.11.2010 22:34:02 (90.169.147.xxx) Link Kommentar melden
Gibt es zu deinem Zitat auch einen Link? Mich würde mal der genaue Hintergrund interessieren. Danke im voraus.

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.05 Sekunden
38,930,604 eindeutige Besuche