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Medien: Kino

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Ketzerische Gedanken zu einem angeblich politischen Liebesroman

Die Leichtigkeit des Seins (c) Monika Tugcu/pixeli
Die Leichtigkeit des Seins (c) Monika Tugcu/pixeli
Die bekannte Erfahrung, daß die Verfilmung eines Buches meist recht wenig zu tun hat mit der Buchvorlage selbst, ist banal; ein Drehbuchautor muß anders vorgehen als ein Schriftsteller, und ein Film ist durch seine vorgegebene Visualisierung bereits eine Einschränkung der inneren Bilder und eigenen Interpretationen, die dem Leser eines Buches noch möglich sind.

In diesem Fall ist das Problem allerdings noch komplizierter: bereits das Buch wurde nach Auffassung des tschechischen Autors Milan Kundera meist (oder gern) mißverstanden, nämlich als "politischer" Roman. Seiner Auffassung nach hätte man es jedoch vor allem als "Liebesroman" verstehen sollen.

Stattdessen wurde es aber immer wieder gern als "Schlüsselroman" verkauft, nur weil die Geschichte mit Liebesleid und Liebesfreud auch vor der historischen Kulisse das Prager Frühlings spielt. Das Nichtverstehen geht sogar soweit, daß der Titel des Buches "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" andeutungsvoll und vermeintlich bedeutungsschwanger auch von Menschen, die das Buch nur aus Rezensionen kennen, als ironische oder erotische Anspielung in Diskussionen geworfen wird - egal, ob es gerade inhaltlich paßt oder nicht.

Woher rührt dieses hartnäckige Mißverstehenwollen?

Die Leichtigkeit des Steins (c) KH/pixelio
Die Leichtigkeit des Steins (c) KH/pixelio
Ein klassisches Problem der Wahrnehmungspsychologie ist die "selektive Wahrnehmung": man sieht (nur) das, was man sehen will. Das Interesse steuert die Wahrnehmung. Und aus deutscher Sicht - speziell nach 1945 - ging es eben immer wieder auch um die Schuld, um den unterlassenen Widerstand, um die fehlende (nationale) Identität; insofern ist es naheliegend, daß die Eckpfeiler des deutschen Selbstbewußtseins besonders schwer auf Ereignissen wie der Stalinallee 1953, Ungarn 1956, Berlin 1961, CSSR 1968 ruhen - und natürlich auf den täppischen und läppischen Versuchen des Grafen von Stauffenberg, nicht zu vergessen; gerade auf letzteres sind die meisten Deutschen ja aus unerfindlichen Gründen besonders stolz... Was lag da näher, als einen Beziehungsroman in eine politisch schwergewichtige Botschaft vom Widerstand gegen den Kommunismus umzudeuten?

Widerstand, ein deutsches Wort. Widerstand, keine deutsche Handlung. Bekanntlich kaufen sich die Deutschen ja noch eine Bahnsteigkarte, bevor sie zur Revolution fahren. Und nehmen andere Ersatzhandlungen vor, um bei den Mächtigen nur nicht unangenehm aufzufallen.

Deutscher Faschist lobt seine Soldaten (c) Hoepner
Deutscher Faschist lobt seine Soldaten (c) Hoepner
Ein Freund, der 1968 gerademal 10 Jahre alt war, erzählte mir einige Jahre später, er sei damals in den Sommerferien zu Besuch bei seiner Großmutter gewesen, und die habe ihn damals im August morgens geweckt mit den ängstlichen Worten: "steh auf, es gibt Krieg." - Mich hat diese Erzählung schon immer stark fasziniert: wie damals, im Kalten Krieg, alle im Westen auf den Ostblock starrten wie das Kaninchen auf die Schlange... ja, man glaubte an den Krieg. Man rechnete täglich mit ihm. Man baute in jedem zweiten Keller Atomschutzräume und deckte sich mit Vorräten für vier Wochen ein, incl. Klopapier selbstverständlich. Inzwischen haben deutsche Gutmenschen dieses Thema "uns droht ein Krieg" leider verloren, weswegen sie es wahrscheinlich so dringend in Afghanistan, Irak und Iran suchen müssen, aus sicherem Abstand, zuhause an der modernen Form des Stammtischs, der PC-Tastatur...

Ein Jahr zuvor, im Juni 1967, gab es wirklich, echt, und sehr real Krieg, nämlich mal wieder einen jener Kriege ums Überleben, den Israel gegen die arabischen Daueraggressionen führen mußte. Im Vergleich dazu kam mir die Ängstlichkeit einer deutschen Großmutter, 500km entfernt von Prag, dann doch einigermaßen übertrieben vor. Übrigens fanden das damals fast alle in Europa ganz toll, was die Israelis da im Sechs-Tage-Krieg geleistet haben. Sogar die deutsche Linke, auch die Sowjets waren voller Anerkennung.

Bekanntes Plakat aus der CSSR 1968 (public domain/
Bekanntes Plakat aus der CSSR 1968 (public domain/
Die unerträgliche Schwierigkeit jüdischer Existenz inmitten antisemitischer "Gojim", auf supernationaler Ebene also die unerträgliche Schwierigkeit israelischer Existenz inmitten antisemitischer Araber, schien mir von größerer Bedeutung als die Peanuts zwischen Fulda Gap und Checkpoint Charlie. Das Interesse steuert die Wahrnehmung.

Von daher fand ich Milan Kunderas Roman philosophisch und psychologisch interessant; mehr aber auch nicht. Es geht um den "Kampf der Geschlechter", um Treue und vor allem Untreue, um Gefühle und Auseinandersetzung, um Abhängigkeiten und Entscheidungen, um Beziehungsfähigkeit und um Bindungsangst. Also alles keine Themen, die mich vom Hocker reißen; doch immerhin sehr gut geschrieben. In dieser unerträglichen Leichtigkeit einer Geschichte von Irrungen und Wirrungen in der Beziehung zwischen Mann und Frau konnte ich mich einfach nicht wiederfinden. Mit der gelegentlich unerträglichen Schwierigkeit der anderen Themen kenne ich mich einfach besser aus.

Vielleicht ist es abschließend noch interessant, einen bedeuterenden Textkritiker als mich zu Wort kommen zu lassen. Auf die Frage "Halten Sie Milan Kunderas 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins' für sexistisch?" antwortete Marcel Reich-Ranicki in unnachahmlicher Trockenheit und Präzision:

"Nein, nicht Milan Kunderas Roman ist sexistisch, sondern das Leben in Europa in unserer Epoche. Was aber viele Menschen für sehr angenehm halten."

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Schlüsselwörter: Milan Kundera | Exil | Film | Liebesroman | Prager Frühling | boy meets girl | Beziehung | Philosophie | la condition humaine | Kommunismus | DDR | Widerstand
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Kommentare

Rainer Karow
am 26.07.2009 17:18:16 (91.65.38.xxx) Link Kommentar melden
Lieber caim. Darf ich diesen Artikel übernehmen? Bereich Kultur. Mit Bezug auf onlinezeitung24.de. Denn er entspricht dem, was wir beobachtet haben und schätzen die Dinge, in allen Punkten genauso ein. Was eigentlich auch in den bisherigen Beiträgen von uns, zu erkennen ist. Mich erinnert der Buchtitel und das angesprochene Thema noch der berühmte Film "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" aus der damaligen Tschechei. Zusammenhänge mögen rein zufällig sein. Aber irgendwie....., nun da ist der Weg der Gefühlsaussage einer gewissen Melancholie zu Herrn Schjek nicht mehr allzu weit.
OZ24
am 26.07.2009 18:09:59 (84.183.143.xxx) Link Kommentar melden
@ Rainer Karow

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@Chaim

Sehr gut geschriebener Artikel!

Bekanntlich kaufen sich die Deutschen ja noch eine Bahnsteigkarte, bevor sie zur Revolution fahren.


Das deckt sich mit meiner Erfahrung und ich war schon sehr erstaunt, als 1989 die Ostdeutschen so gebündelt auf die Barrikaden gegangen sind. Warum es damlas funktionierte und in anderen Fällen wiederum nicht entzieht sich meiner Kenntnis.

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