Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Sonstiges: Kultur & Religion

"Zeugen Jehovas" - Das Verhältnis zum Staat (6)

Die uralte christliche Frage: kann man "zwei Herren" dienen?

Wachtturmgesellschaft in Selters/Ts.
Wachtturmgesellschaft in Selters/Ts.
Über das Verhältnis der "Zeugen Jehovas" gegenüber dem Staat ist schon viel geschrieben und noch mehr spekuliert worden, und dies in einer Weise und Intensität, wie sie gegenüber anderen christlichen und auch nichtchristlichen Religionsgesellschaften nicht gezeigt wurde. Dabei ist das Verhältnis der Christen gegenüber "dem Staat" und "weltlicher Obrigkeit" innerchristlich generell schon immer heftig umstritten gewesen und war somit Gegenstand ausgeprägter theologischer Spekulationen und Diskussionen; das Thema an sich ist also kein Spezifikum der "Zeugen Jehovas", wie man an der Situation der "Bekennenden Kirche" während der Nazi-Zeit in Deutschland gut sehen kann.

Um die beiden Extrempositionen zu markieren, zwischen denen sich aus christlicher Sicht eine Vielzahl theologischer Positionen befindet:

  1. Christen haben argumentiert, gerade weil sie Christen seien, müßten sie im jeweiligen Staat Verantwortung übernehmen und in ihm aktiv mitarbeiten, der Staat wird hier sozusagen als die irdische Form einer göttlichen Ordnung verstanden, oder
  2. Christen haben sich aus dem "Irdischen" zurückgezogen, weil man nicht "zwei Herren gleichzeitig dienen" könne.

In diesem Kontext sei auf die vielfältigen Auslegungen zu Matthäus Kap. 6 Vers 24 verwiesen sowie auf die religiösen Auswirkungen der "Zwei-Reiche-Lehre". Ohne dazu nun inhaltlich Position zu beziehen, sei hier nur angemerkt, daß man in der letzgenannten Position natürlich einen recht alten Dualismus sehen kann: das jenseitige gute Reich Gottes, das diesseitige böse Reich "Satans".

Was ihr Verhältnis zum Staat betrifft, so wenden die "Zeugen Jehovas" ihr Verständnis der Bibel selbstverständlich auch auf die Art der Unterordnung unter die Macht des Staates an, indem sie nämlich konkret

  • sich nicht an politischen Veränderungen (ob nun gewaltsame Revolutionen, friedliche Demonstrationen, oder aber auch bloße Teilnahme an Wahlen oder Parteitagen) beteiligen, weil sie die Worte Jesu, "kein Teil der Welt" (Joh 17,16) zu sein, als Aufforderung zu einem politisch passiven Verhalten verstehen. Aus diesem Grund bekleiden sie auch keine politischen Ämter (siehe Joh 6,15).
  • die staatlichen Organe als von Gott geduldet und mit Autorität ausgestattet betrachten (siehe Röm 13,1-7) und
  • sich deswegen an die staatlichen Gesetze halten (sofern diese nicht im Widerspruch sind zu religiösen Geboten, siehe Kriegsdienstverweigerung).

Bei Konflikten zwischen staatlichen Forderungen und den Forderungen des Glaubens berufen sich die "Zeugen Jehovas" auf die Bibelstelle: "Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg 5,29). Auch hier ergibt sich konkret:

  • Verweigerung des Militärdienstes
  • Verweigerung aller Handlungen , die eine Verehrung des Staates oder seiner Repräsentanten bedeuten, wie
  • Fahnengruß,
  • Singen der Nationalhymne oder
  • zur Zeit NS-Deutschlands den "Hitlergruß".

Watchtower USA 1916
Watchtower USA 1916
In Deutschland hat in der Diskussion um die Staatstreue der "Zeugen Jehovas" ihre theologische Position des Rückzuges vom Weltlichen und der Abgrenzung vom Staat immer die entscheidende Rolle gespielt. Für Deutschland war dies nach 1949 jedoch insofern bemerkenswert, als eine besondere Staatstreue zwar von Beamten, nicht aber von den Staatsbürgern gefordert war und dies auch in der Verfassung gar nicht formuliert ist; auch die Frage der Teilnahme an Wahlen war nie als Kriterium einer positiven Einstellung zum Staatswesen gedacht oder verlangt. Es wurde und wird lediglich gefordert, die demokratische Verfassung nicht zu bekämpfen; daraus also abzuleiten, die "Zeugen Jehovas" könnten nicht als Religion anerkannt werden, weil ihre Mitglieder nicht an Wahlen teilnehmen, ist nicht ganz logisch und vor allem nicht konsistent.

Doch mittlerweile haben die Gerichte ja hier ihre frühere irrige Auffassung korrigiert. Korrigieren müssen, nach Intervention des angerufenen Bundesverfassungsgerichts, das die Religionsfreiheit hiermit eindeutig gestärkt hat.

Warum beschäftigen wir uns ausgerechnet mit den Zeugen Jehovas? Wen spricht das eigentlich noch an? Nicht dass ich Minderheiten diskriminieren möchte. Aber es gäbe doch genug interessantere Themen.

Hier kurz einmal die Übersicht, welcher Wege es bedurfte, um einer christlichen Gemeinschaft in einem säkularen und pluralistischen Staat die Rechte einer Religionsgemeinschaft zuzuerkennen:

  1. Das Verwaltungsgericht Berlin (25.10.1993, VG 27 A 214/93) stellt fest, daß die Religionsgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuerkennen sei. - Das Land Berlin geht gegen dieses Urteil in Berufung.
  2. Das Oberverwaltungsgericht Berlin bestätigt das Urteil der ersten Instanz und verurteilt das Land Berlin, die Anerkennung auszusprechen (14. 12.1995, OVG B 20/95). - Das Land Berlin legt dagegen erneut Rechtsmittel (Revision) ein.
  3. Das Bundesverwaltungsgericht nun verwirft die Urteile der ersten Instanz (15.05.1996, BVerwG 7 C 11.96 bzw. 3.6.1996, BVerwG 7 B 117.96 und 26. Juni 1997). - Interessant ist die Begründung, "die Religionsgemeinschaft sehe sich mit ihrem religiös begründeten Verbot der Teilnahme an Wahlen und dem entsprechenden Verhalten ihrer Mitglieder in Widerspruch zu dem für die staatliche Ordnung konstitutiven Demokratieprinzip." - Die Religionsgemeinschaft legt hiergegen Verfassungsbeschwerde ein.
  4. Das Bundesverfassungsgericht hob die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts auf (Urteil vom 19.12.2000, 2 BvR 1500/97), weil das Verbot der Teilnahme an Wahlen die Verweigerung der Körperschaftsrechte allein nicht rechtfertige. Die Sache wurde an das Bundesverwaltungsgericht zurückverwiesen mit dem hinweis, es sei im verwaltungsgerichtlichen Verfahren vor allem zu klären, ob die Religionsgemeinschaft die Gewähr dafür bietet, dass ihr künftiges Verhalten die dem staatlichen Schutz anvertrauten Grundrechte Dritter nicht gefährde. Gemeint war hier die Frage der Bluttransfusion bei Minderjährigen.
  5. Das Bundesverwaltungsgericht verweist die Sache an das Oberverwaltungsgericht Berlin zurück (17.05.2001), wobei zwei Aspekte genannt werden: a) machen die Richter klare Vorgaben zur weiteren Untersuchung des Verhaltens der Religionsgemeinschaft, wenn Kinder von Zeugen Jehovas Bluttransfusionen erhalten sollen und wenn Familienangehörige aus der Religionsgemeinschaft ausscheiden; und b) stellt es darüber hinaus fest, daß eine Gefährdung des Kindeswohls durch Erziehungsvorgaben der Religionsgemeinschaft nicht angenommen werden könne.
  6. Das Oberverwaltungsgericht Berlin macht den Parteien einen Vergleichsvorschlag (2.12.2004), den die "Zeugen Jehovas" annehmen, den das Land Berlin jedoch ablehnt.
  7. Das Oberverwaltungsgericht Berlin verkündet am 24.05.2005 seinen Beschluß, wonach den "Zeugen Jehovas" die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts zustehe. - Die Berufung gegen das Urteil wird nicht zugelassen. Gegen die Nichtzulassung der Revision reicht das Land Berlin Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht ein.
  8. Das Bundesverwaltungsgericht weist die Nichtzulassungsbeschwerde des Landes Berlin zurück (01.02.2006, 7 B 80.05 ). Das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Berlin ist damit rechtskräftig.
  9. Der Berliner Senat beschließt am 13.06.2006 die Anerkennung der "Zeugen Jehovas" als Religionsgemeinschaft.
  10. Am 5. Juli 2006 wird die Urkunde zur Verleihung der Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts an die "Zeugen Jehovas" überreicht.

Dieser Vorgang ist in der Lage, sehr anschaulich das funktionierende Rechtskontrollsystem unseres Landes aufzuzeigen. Bedenklich scheint es jedoch, wenn an eine christliche Religionsgemeinschaft durch staatliche Institutionen (Gerichte, Behörden) andere Maßstäbe an gelegt werden als an andere Konfessionen. Und der Verdacht liegt nahe, daß weder die Behörden des Landes Berlin noch die Richter der beiden ersten Instanzen hier vorrangig rationale Motive an den Tag gelegt haben. Befremdlich wirkt es zudem, daß etliche Bundesländer diese Anerkennung bis heute noch immer nicht vollzogen haben.

Daß die "Zeugen Jehovas" nach ihrem Verständnis in einer Theokratie leben, die aus ihrer Sicht über der Staatsform Demokratie steht, kann man ihnen als liberaler aufgeklärter Demokrat nicht ernsthaft vorwerfen wollen; denn erstens glauben das auch viele Katholiken, Buddhisten, Pietisten, Juden und Mohammedaner, und zweitens kann das einem säkularen Staat doch letztlich völlig gleichgültig sein, solange daraus kein Kampf gegen diesen Staat abgeleitet wird. In einem interessanten Podiumsgespräch stellt ein Universitätsprofessor der evangelischen Theologie somit auch den Zusammenhang her zwischen "Toleranz" und "Vergleichgültigung". Wir müssen hier in der Tat gleichgültiger werden, statt uns in die Flügelkämpfe christlicher Kirchen und Gemeinschaften verwickeln und uns damit vor deren Karren spannen zu lassen.

~ Fortsetzung folgt ~
Teil 6 von 10

  • Bisher sind zum Thema erschienen:

  • Da aufgrund der ersten Folgen dieser Reihe bereits einige persönliche Nachfragen an den Autor gerichtet wurden, scheint es zur Vermeidung von Mißverständnissen sinnvoll, auf folgende Umstände hinzuweisen:
  • der Autor ist kein Mitglied der "Zeugen Jehovas"
  • er steht zu den "Zeugen Jehovas" in keinerlei familiärer, privater oder geschäftlicher Beziehung
  • die Reihe gibt eine persönliche Sicht wieder, die auf den religionswissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnissen des Autors beruhen
  • der Autor ist scharfer Kritiker der aktuellen gesellschaftlichen Positionierungen und internen Verhaltensweisen der "Zeugen Jehovas", dies übrigens auf der Basis seiner wissenschaftlichen Qualifikation als
  • Philosoph und Religionswissenschaftler mit den thematischen Schwerpunkten Christentum, Islam und Buddhismus sowie dem systematischen Schwerpunkt "interreligiöser Dialog"
  • der Autor ist Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Deutschland
  • Bildnachweis:

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Lesen Sie dazu auch:
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Zeugen Jehovas | Wachtturm | Bibelforscher | Staat | Staatstreue | Verfassung | Grundgesetz | Luther | Zweireichelehre | Zwei-Reiche-Lehre | Mt 6.24 | Theokratie | Toleranz
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

am 19.08.2009 15:41:37 (88.68.102.xxx) Link Kommentar melden
Diese Darstellung eines juristischen Verfahrens über 15 Jahre ffand ich besonders spannend. Doch erstaunlich ist es, daß nicht alle Bundesländer hier nun gleichgezogen haben. Wollen die sich alle erst verklagen lassen?

Auch wenn ich nicht religiös interessiert bin, den "Zeugen" kann man hier nur gratulieren. Sie haben den Rechtsstaat herausgefordert und gewonnen. Gewonnen haben wir alle dadurch: der Rechtsstaat ist kontrolliert und wird an seinen eigenen Spielregeln gemessen.
266
am 18.09.2009 15:40:10 (88.68.109.xxx) Link Kommentar melden
Als areliöser Mensch habe ich immer noch nicht verstanden, warum Christen untereinander sich so heftig bekämpfen bis hin zu Verachtung und Vernichtung. Ein Verhalten, das man bei kleinen Kindern oder pubertären Jugendlichen erlebt, die um jeden Preis "rechthaben" wollen. Dafür, daß Christen immer die Nächstenliebe predigen, hätten sie hier doch eine erste Aufgabe: den nächsten Christen, der eben zu manchen Fragen andere Auffassungen hat oder manches in seiner "Heiligen Schrift" anders liest oder anders versteht.

Ich finde, solche Diskussionen sind immer etwas an den Haaren herbeigezogen. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, hat der "Alte Fritz" zu dem Problem gesagt.
ProstNeujahr
am 21.09.2009 18:37:05 (92.72.205.xxx) Link Kommentar melden
Ganz so super nett und einfach ist die Sache ja leider nicht.
Die Zeugen Jehovas gelten als Sekte, im definierten Sinn.
Das ist ein definierter Begriff, in jedem Lexikon erklärt.
Es ist nicht so, dass da irgendwelche Kirchenfürsten entscheiden: die können wir net leiden, also degradieren wir sie zur Sekte. Oder erkennen ihren christlichen Glauben ab.
Durch Dinge wie Verweigerung von Bluttransfusionen sterben jährlich etliche Anhänger, incl Kinder.
Naja, was sagen denn nun die Supertoleranten?
Mit Toleranz kommt man da nicht weit. Es ist jedesmal ein Kampf mit dem Jugendamt, den Eltern, der Sekte, den Anwälten.

Man sollte sich schon a bisserl auskennen mit der Thematik.

MfG RV
266
am 22.09.2009 10:56:07 (84.59.42.xxx) Link Kommentar melden
@ProstNeujahr: Toleranz in religiösen Dingen ist ein Verfassungsgebot. Gilt auch für Menschen ohne Kenntnisse zum Thema.

Ob "Sekte" oder wie immer man seinen Feind nennen will, ich sehe die Lösung darin, daß jeder den anderen einfach in Ruhe läßt. Den Rest regeln die Behörden.

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.09 Sekunden
39,883,928 eindeutige Besuche