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Sport: Sonstiges

Saubermänner und Lügenbarone – Wie sich der Radsport aus dem Dopingsumpf ziehen könnte, wenn er denn wollte

Erschienen auf www.wissenswerkstatt.net Autor Marc Scheloske

Diesmal kann Jan Ullrich nichts dafür. Die 94. Tour de France ist vergangene Woche zwar glücklich in Paris, aber zugleich an einem historischen Tiefpunkt angekommen. Der einstige Mitfavorit Alexander Winokurow ist des Blutdopings überführt und die Namen Moreni und Sinkewitz verlängern die Liste derjenigen, die versucht haben, sich mit Testosteron aufzuputschen. Und erstmals sah man das Peloton in seiner langen Tradition ohne gelbes Trikot an den Start gehen: der massiv unter Druck geratene Däne Michael Rasmussen wurde von seinem eigenen Sponsor zur Aufgabe gedrängt. Und somit war der Weg frei für den Spanier Alberto Contador. Auf den beschlagnahmten Unterlagen des Dopingarztes Fuentes findet sich allerdings auffällig oft das Kürzel „A.C.“ Wer also heute eine Prognose abgeben will, ob Alberto Contador auch noch in einigen Monaten auf den Siegerlisten geführt wird, kann genausogut versuchen die Lottozahlen vorherzusagen. Noch nicht einmal in ihrem Krisenjahr 1998 stand die Tour so heftig in der Kritik. Und Jan Ullrich, der sich beharrlich-schweigend selbst demontiert, ist bald der einzige, der nicht eingesteht, daß dringender Handlungsbedarf gegeben ist. Aber – so hört man allenthalben – das Problem sei erkannt. Der neue Tour-Direktor Christian Prudhomme sparte nicht mit deutlichen Worten, mit denen er all den betrügerischen Machenschaften den Kampf ansagt. Doch reichen die gebetsmühlenhaft vorgetragenen Anti-Doping-Statements tatsächlich aus, um erfolgreich gegen die universale Dopingkontamination des Radsports anzugehen? Denn man sollte sich von all den Stimmen, die neuerdings vehement gegen Doping Stellung beziehen, nicht darüber hinwegtäuschen lassen: das Immunsystem des Radsports ist mehr als geschwächt. Das Virus der jahrelang hinter den Kulissen praktizierten und tolerierten Leistungsmanipulation hat tiefe Spuren hinterlassen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, daß Michael Rasmussen über eine Woche das gelbe Trikot trug, obwohl eindeutige Zweifel hinsichtlich seiner Integrität bestanden. Sicher, auch und gerade für Radsprofis muß die Unschuldsvermutung gelten. Aber Rasmussen hatte in eindeutiger Weise gegen die Regularien der Welt-Anti-Doping-Agentur und auch diejenigen seines eigenen Verbandes verstoßen. Dennoch fuhr er tagelang in gelb. Aber erst die Buhrufe und Pfiffe der enttäuschten Fans, die sich nicht länger für dumm verkaufen lassen wollten, waren schließlich Anlaß für Rasmussens Rennstall und Sponsor Rabobank, den Teamkapitän aus dem Rennen zu nehmen. Ein überfälliger Schritt. Doch er kam von einem um sein Prestige besorgten Sponsor und nicht von den Veranstaltern, die hier längst konsequent hätten handeln müssen.

Halbherzigkeit im Kampf gegen Doping

Aber wirklich konsequent wird der Kampf gegen das Dopingsystem nicht einmal in Deutschland geführt. Da mag BDR-Präsident Rudolf Scharping noch so oft das Bild von den eisernen Besen bemühen, mit denen er zu kehren gedenke; wenn beispielsweise der einstige Coach von Jan Ullrich und massiv belastete Bundestrainer Peter Weibel zumindest inoffiziell weiterhin Nachwuchsfahrer betreut, so keimen doch Zweifel auf, ob man beim BDR willens und fähig ist, die behauptete Abkehr vom verseuchten Spitzensport in Angriff zu nehmen. Denn wie Kölner Journalisten Anfang Juli berichteten, war der Ende Mai suspendierte U-23-Nationaltrainer Weibel dennoch weiterhin aktiv. Aber anstatt den Hinweisen nachzugehen, ob dieser nicht vielleicht doch engagierter weiterarbeitet als gedacht, reagierte der BDR trotzig wie ein kleines Kind: man konterte wehleidig mit Vorwürfen an die Adresse der Journalisten, verweigert seitdem die Zusammenarbeit und klammert sich an die Pressemitteilung: Weibel arbeite „nicht am Mann“. Andererseits räumt man sogar offiziell ein, daß Weibel weiterhin den 19-jährigen Nachwuchsnationalfahrer Sascha Weber betreue, dabei handele es sich aber um eine Privatsache. Alles in allem: ein Verband, der toleriert, daß eine derart belastete Person weiterhin Nachwuchstalente trainiert und dies als Privatangelegenheit deklariert, hat die Zeichen der Zeit längst nicht erkannt. Wenn der BDR nicht in den Verdacht geraten möchte, die gesamte Antidopingarbeit doch nur höchst halbherzig zu betreiben, sollte man hier dringend umdenken. Diee bislang vorgeschlagenen Konzepte sind zwar löblich, greifen aber viel zu kurz. Ein rigoroser Antidopingkurs, mit dessen Umsetzung sich der Radsport aus der selbstverschuldeten Dopingmisere befreien könnte, bestünde aus drei Komponenten: erstens dem zeitlich befristeten Angebot einer Kronzeugenregelung, zweitens der Erweiterung der Dopingtestpraxis durch eine sogenannte „C-Probe“ und drittens durch eine staatliche Anti-Dopinggesetzgebung, die diesen Namen auch verdient. Die Frage dabei ist nur, ob man in der Riege der Funktionäre für eine solche Roßkur tatsächlich bereit ist. Aber der Reihe nach. Denn eines steht fest: selbst diejenigen, die jahrelang alle positiven Dopingtests als Einzelfälle dargestellt haben, gestehen mittlerweile ein, daß es sich dabei nicht nur um wenige schwarze Schafe handelte. Doping ist ein systemisches Problem. Deshalb gilt es zuerst die schwarzen Schafe zu identifizieren. Und dazu zählen neben den Fahrern – trotz der unbestreitbar individuell vorliegenden Verantwortung – ebenso die Funktionäre, Betreuer, Teammanager und Ärzte. Genau diese Personengruppen sollte man allerdings nicht aus der Verantwortung lassen. Die Rennsportfamilie ist eine verschworene Gemeinschaft, die sich über die Jahre einen höchst fragwürdigen Ehrenkodex zugelegt hat. Solidarität und Verschwiegenheit stehen ganz oben auf der Tugendliste. Und wer sein Insiderwissen preisgibt und Verantwortliche benennt, riskiert viel. Als Nestbeschmutzer beschimpft zu werden ist noch das Geringste. Dieses Dilemma kann nur dadurch überwunden werden, daß eine schnelle, umfassende Offenlegung der Strukturen erfolgt. Und das kann nur gelingen, wenn möglichst viele Insider auspacken. All die Verantwortlichen, die seit Jahren den Sportbetrug durch Doping aktiv praktiziert oder auch durch stillschweigende Kenntnisnahme toleriert haben, müssen benannt werden. Problematisch ist freilich, daß geständige Sünder erstens empfindliche finanzielle Einbußen, zweitens lange Sperren, drittens den Ausschluß aus jeder weiteren Betätigung im Radsportumfeld zu befürchten haben. Wer weiß, daß für den Großteil der heute aktiven Fahrergeneration ein späterer Wechsel ins Lager der Betreuer und Manager eine attraktive Option ist, kann verstehen, weshalb sich viele Radprofis nach wie vor scheuen, hier Roß und Reiter zu nennen. Die Loyalität der verschwiegenen Bruderschaft durchbrechen: Zweite Chance durch Kronzeugenregelung

Den Ausweg verspricht einzig eine offensive Kronzeugenregelung, die mit einer Teilamnestie verknüpft sein müßte. Was hindert etwa den BDR daran, die Aktiven aufzufordern, bis zum Stichtag 31.12.2007 ihr Wissen einem noch zu installierenden Aufarbeitungsgremium mitzuteilen? Wer innerhalb dieses Zeitraums umfassend kooperiert und nicht nur halbseidene Andeutungen zu längst verjährten Vorgängen macht, könnte daraufhin in den Genuß einer Kronzeugenregelung kommen. Wer eigenes Fehlverhalten zugibt, würde lediglich mit einer einjährigen Sperre belegt; und – das der zweite und fast wichtigere Teil der Regelung – dürfte nach Ablauf einer gewissen Frist (denkbar wären etwa 5 Jahre) trotz seiner Dopingvergangenheit wieder im Radsport tätig sein. Für alle anderen, die glauben nichts zur Aufklärung beitragen zu können, gilt dieses Entgegenkommen nicht. Wird einem Fahrer nach Ablauf der Beichtfrist (also ab 1.1.2008) ein Dopingvergehen nachgewiesen wird, gilt selbstredend die obligatorische Zweijahressperre und zudem wäre für all diejenigen die Rückkehr in die Radsportfamilie verwehrt. Es ist mehr als traurig, daß bisher nur Jörg Jaksche eine solche Kronzeugenregelung in Anspruch nehmen will; und dies ist auch nur durch den persönlichen Einsatz von Prof. Werner Franke aus Heidelberg möglich geworden, der diese Vorgehensweise mit dem Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) Dick Pound vereinbart hat. Ganz offenbar besteht bislang seitens des BDR wenig Interesse daran. Kenner der Szene unken, daß manch hochrangiges Mitglied in den BDR-Führungsgremien einer solchen Kronzeugenregelung aus genau einem Grund wenig Sympathie entgegenbringt: nämlich aus der Befürchtung heraus, selbst als jahrelanger Mitwisser des Systems entlarvt zu werden. Der zweite Punkt des Maßnahmenpakets betrifft die Dopingtestpraxis. Hier ist zwar durchaus Bewegung in die Szene gekommen, dennoch besteht auch hier noch gehöriger Verbesserungsbedarf. Die chronische Unterfinanzierung der Labors und Antidopingagenturen ist angesichts der bemerkenswerten Summen, die insgesamt im Radsport umgesetzt werden, ohnehin nur schwer verständlich. Und die bloße Intensivierung der Wettkampfkontrollen nutzt nicht viel. Denn wer sich beim Wettkampf selbst erwischen läßt, ist entweder verzweifelt, schlecht medizinisch betreut oder liebt den Nervenkitzel bis zur Öffnung der Probe. Der einzig sinnvolle Weg ist eine Ausweitung der Anzahl der unangemeldeten Trainingskontrollen, denn in der Vorbereitungszeit liegen oftmals die sensiblen Trainingsphasen, in denen sich die Sportler leider häufig zu sicher wähnen.

Doping muß unkalkulierbar werden: C-Probe als Abschreckungsmaßnahme

Darüberhinaus müssen die Dopingproben, die bislang aus getrennt versiegelter A- und B-Probe bestehen, um eine C-Probe ergänzt werden. Prof. Wilhelm Schänzer, der Leiter des nationalen Analytiklabors in Köln, fordert diese Maßnahme seit langem. Denn man sollte sich nichts vormachen: die Radprofis wissen heute genau, welche Substanzen wie lange im Körper nachweisbar sind und vor allem, welche Mittel überhaupt gesucht und gefunden werden können. Es darf als sicher gelten, daß manche Athleten sich mit Substanzen Vorteile verschaffen, von denen sie wissen können, daß in den Dopinglabors bislang keine geeigneten Nachweismethoden verfügbar sind. Allerdings – und aus diesem Grund wäre die C-Probe ein so schlagkräftiges Instrument – macht auch die Dopinganalytik Fortschritte. Das heißt aber auch: niemand kann heute wissen, was in der Zukunft nachweisbar sein wird. Man kann sogar sicher davon ausgehen, daß bestimmte physiologische Parameter (die beispielsweise in 5 Jahren über archivierte Blut- oder Urinproben erhoben werden können) Rückschlüsse auf Doping zulassen werden. Die heute entnommene C-Probe würde also aufbewahrt und zu einem bestimmten zukünftigen Zeitpunkt routinemäßig einer Wiederholungsanalyse unterzogen. Wer auf diese Weise ertappt wird, müßte nicht nur die selbstverständliche Aberkennung all seiner Erfolge befürchten, sondern gleichzeitig empfindliche finanzielle Strafen zahlen. Das Abschreckungspotential einer solchen Erweiterung der Dopinganalysepraxis wäre erheblich.

Zahnloses Gesetzeswerk: Reform des neuen Anti-Doping-Gesetzes tut Not

Während die C-Probe dezidiert dem Sportler die unkalkulierbaren Folgen des Dopens vor Augen führen könnte, gilt es ein weiteres Werkzeug zu schärfen, das für den Weg in eine weniger dopingkontaminierte Zukunft des Spitzensports notwendig ist. Das im Schnelldurchgang durch die parlamentarischen Instanzen geprügelte Anti-Doping-Gesetz der Bundesregierung ist noch vor seiner endgültigen Verabschiedung durch den Bundesrat, die im September ansteht, verbesserungsbedürftig. Sicher, gemessen daran, daß sich die Sportverbände und allen voran der Deutsche Olympische Sportbund mit ihrem Präsidenten Thomas Bach jahrelang gegen jede staatliche Einmischung gesträubt haben, ist dieses Gesetz ein Fortschritt. Der Besitz von „nicht geringen Mengen“ an Dopingsubstanzen wird zukünftig unter Strafe gestellt. Wieso aber auch hier so halbherzig? Sollte etwa bei der im September stattfindenden Rad-WM in Stuttgart ein Athlet bei einer Polizeikontrolle mit Dopingmitteln auffallen, so bleibt dies – anders als in Frankreich – irrelevant, solange die Menge nicht den Eigenbedarf übersteigt. Zugegeben, das Gesetz formuliert ausdrücklich den Anspruch, den gewerbsmäßigen Handel mit Dopingsubstanzen unter Strafe zu stellen und den einzelnen Sportler nicht zu kriminalisieren, aber dennoch kann man diese unausgegorene Regelung nur amüsiert zur Kenntnis nehmen. Denn haben die Sportverbände nicht zur Genüge unter Beweis gestellt, daß sie dem Problem nicht gewachsen sind? Wieso kann der mit Steuermillionen finanzierte Sport weiterhin so erfolgreich auf seine Autonomie beharren? Wäre es nicht dringend geboten, die staatlichen Ermittlungsbehörden bei ausreichendem Tatverdacht mit ins Boot zu nehmen? Es wäre also durchaus – sozusagen als flankierende Maßnahme zu Kronzeugenregelung und zur C-Probe – geraten, über eine Erweiterung des Anti-Doping-Gesetzes nachzudenken. Einerseits mit Akzentsetzung auf einen Straftatbestand „Sportbetrug“, andererseits sollte den Staatsanwaltschaften der Weg geebnet werden, um hinsichtlich des Verdachts auf versuchte Körperverletzung tätig zu werden. Innen- und Sportminister Wolfgang Schäuble hatte bei der Bundestagsdebatte Anfang Juli zwar zutreffenderweise darauf hingewiesen, daß in Deutschland die vorsätzliche Selbstschädigung nicht justiziabel ist. Wer sich also potentiell gesundheitsschädigende Substanzen zuführt, wäre demgemäß nicht anders zu behandeln als ein Raucher. Schäuble vergaß aber, daß die meisten der dopenden Spitzensportler dies unter Aufsicht von Ärzten tun. Und unter dieser Perspektive geht es nicht mehr um Selbstschädigung, hier muß im Zweifelsfall mit aller Härte vorgegangen werden. Die andere, ebenfalls massive Selbstbeschädigung geht derzeit nur von einem Radsportsystem aus, das die Kraft zu den genannten Schritten nicht aufbringt. Jan Ullrich mag weiter trotzig schweigen, er macht nur sich selbst lächerlich. An der Demontage des Profiradsports trägt er diesmal keine Schuld. Dieser kann sich nur selbst, am eigenen Schopf aus dem Dopingsumpf ziehen, in den er sich selbst manövriert hat.

Ursprunglich erschienen auf wissenswerkstatt.net. 2. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch den Autor Marc Scheloske

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Schlüsselwörter: Doping | Radsport | Kampf gegen Doping
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