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Bestattungskultur (IV): Mama, wo bist du?

Preiswert und billig, anonym und pflegeleicht – Zur letzten Ruhe, irgendwo…

Noch vor zwei Jahrzehnten war es die berühmte Ausnahme – eine anonyme Bestattung auf einer Wiese, einem so genannten Gemeinschaftsgrabfeld. Heute lassen sich immer mehr Menschen anonym beerdigen. Viele neue Bestattungsvarianten, die immer ausgefallener werden, tragen dazu bei. Es ist schnell und leicht gesagt: „Ich will anonym beerdigt werden. Dann habt ihr später keine Arbeit und Kosten mit der Grabpflege…“ Doch ist so etwas wirklich sinnvoll? Wollen dies auch die Angehörigen? Wo bleibt da die Bestattungskultur? Wo der doch so wichtige Ort der Trauer? …

„Mama, wo bist Du?“ – Ein wohl beliebter Satz. Das beweist allein die Google-Suche hierzu. Da gibt es diverse Gedichte, Bücher und einen Songtext von Elisabeth. All dies geht zwar teilweise auf die Thematik hinaus, ist hier aber nicht gemeint. Auf Friedhöfen, vor allem auf kirchlichen Friedhöfen, findet man oft ein Plakat mit dieser Überschrift. Abgebildet ist da ein kleines Kind, das diese Frage stellt. Das Ganze zielt auf eben jene (Un-) Sitte einer anonymen Bestattung. Es macht deutlich: Es gibt kein Grab! – Kein Ort der Trauer, keinen Ort des Gedenkens und keinen Ort an dem dieses kleine Kind vielleicht eine imaginäre Zwiesprache mit der Mutter, die gerade gestorben ist, halten könnte.

Wo ist die Mama geblieben? Warum ist sie nicht hier? Hier auf dem Friedhof, in einem Grab, so, wie die anderen Menschen auch, die verstorben sind. Nun steht das Kind vor der großen Wiese. Hier soll die Mama sein? Aber wo? Hier gibt es doch gar kein Grab, keinen Grabstein an dem man ein paar Blümchen ablegen und mit der Mama sprechen könnte…

Gerade kleine Kinder, die den frühen Tod eines lieben Angehörigen sowieso nicht begreifen und ihre Trauer um den endgültigen Verlust kaum bis gar nicht verarbeiten können, erhalten nach einer anonymen Beisetzung den nächsten Schock. Doch es trifft nicht nur kleine Kinder. Auch Erwachsene werden oft nicht fertig mit dieser Art der Bestattung. Manche sprechen da auch schon mal von Entsorgung, anonym, billig und weg…

Ein tatsächlicher Fall aus der Praxis: Kommt eine Witwe zum Bestatter um die Beerdigung ihres gerade verstorbenen Mannes zu veranlassen. Es soll eine Feuerbestattung geben und die Urne soll auf dem Gemeinschaftsfeld des Friedhofes beim Krematorium (ca. 25 km entfernt) beigesetzt werden, denn „mein Mann hat ausdrücklich eine anonyme Bestattung gewünscht“.

Der Bestatter hakt nach. „Ging es Ihrem Mann denn wirklich um das Anonyme im Sinne des Wortes Anonym? Oder wollte er vielleicht nur nicht, dass Sie über viele Jahre hinweg das Grab pflegen müssen?“ – Und genau um dieses war es ihrem Mann gegangen. Es sollte keine Grabpflege anfallen!

„Nun,“ sagte der Bestatter, „da gibt es doch hier, auf dem örtlichen Friedhof, die Urnenreihengräber. Das sind Rasenstreifen, auf denen die Urne beigesetzt wird und auf die, in den Rasen eingelassen, eine Namensplatte mit dem Namen, dem Geburts- und dem Sterbedatum enthalten ist. Diese werden vom Friedhof gepflegt und es fällt keine Grabpflege an. Aber Sie haben dann immer einen Ort, an den Sie gehen können und an dem Sie ihrem verstorbenen Mann gedenken können.“

„Ja, aber er hat doch immer von der Wiese beim Krematorium gesprochen…“ Dies, weil er die Urnenreihengräber gar nicht kannte. Sonst hätte er sich sicherlich diese Art ausgesucht. Das ging deutlich aus dem Gespräch hervor. – Nun, es kam, wie es wohl kommen musste. Die Beisetzung fand schließlich auf der Gemeinschaftswiese beim Krematorium statt. Das geschah sogar im Beisein der Angehörigen.

Gut 14 Tage später kommt es zu einem weiteren Gespräch zwischen dem Bestatter und der Witwe. Darin drückt die Witwe ihre Verzweifelung aus. Sie hat keine Grabstelle zu der sie gehen und gedenken kann. Dies wurde schon jetzt, nach nur zwei Wochen, zu einem großen psychischen Problem für sie. Es stellte sich heraus, dass sie jeden Tag zu dem Gemeinschaftsgrabfeld gefahren war und davor gestanden hatte. Mit jedem Tag verschlechterte sich ihr psychischer Zustand. Sie wurde einfach nicht damit fertig, dass keine Grabstelle vorhanden war zu der sie gehen konnte, an der sie Blumen ablegen und an der sie still gedenken konnte.

Foto: © Axel Ertelt
Foto: © Axel Ertelt
Die Folge: Die Urne wurde kurzum wieder ausgebettet, zum Friedhof des Heimatortes überführt und dann dort beigesetzt – in einem ganz normalen Urnenwahlgrab, dass sie selber pflegen konnte und in dem sie selbst später auch einmal beigesetzt werden kann. Nur so konnte ihr geholfen werden…

Sehr häufig erlebt der Bestatter bereits im Beratungsgespräch bei einem Sterbefall, dass über die Bestattungsart einer anonymen Beisetzung nicht innerhalb der Familie geredet wurde. Da gibt es dann unter den Angehörigen schon beim Beratungsgespräch die ersten Differenzen und Meinungsunterschiede. Zwar sollte man generell den Wunsch des Verstorbenen berücksichtigen, doch sollte dies auch im Vorfeld ausführlich mit der ganzen Familie abgesprochen sein. In den meisten Fällen wollen gerade die Kinder eine Grabstelle haben, zu der sie gehen und die sie bepflanzen und pflegen können.

Nun besteht bei solchen anonymen Beisetzungen oft die Möglichkeit einer nachträglichen Umbettung – wie im oben geschilderten Fall. Doch bei all den anderen anonymen Bestattungsarten ist die Art der Bestattung endgültig, unwiderrufbar. Ist die Urne erst einmal im Meer versenkt, die Asche auf einer Wiese, am Berghang, am Gletscher oder aus einem Flugzeug verstreut, dann ist dies nicht mehr rückgängig zu machen. Darum sollte das Thema um die eigene dereinstige Beerdigung kein Tabu sein. Ausführliche Gespräche innerhalb der ganzen Familie sind nicht nur sinnvoll sondern für die Angehörigen geradezu unerlässlich, denn um deren psychische Situation im Todesfall, nach der Beerdigung, geht es.

Fototext: Urnen-Wahlgräber auf einem Friedhof. Text und Foto: © Axel Ertelt.

Bestattungskultur (I): Dramatische Veränderungen im Verlauf der letzten Jahre

Bestattungskultur (II): Individuelle und innovative Bestattungsarten

Bestattungskultur (III): Wohin nur mit der Totenasche?

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Schlüsselwörter: Bestattung | Erdbestattung | Feuerbestattung | Naturbestattung | Urne | Asche | Totenasche | anonym | Psyche | psycische Verfassung
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