Rund um OZ24

Suchen

Unterstütze OZ24

Lokales: Lokale Nachrichten

Nach Anruf Selbstmord

Jobcenter-Vizechef veruntreut sechsstellige Summe

Foto: Pixelio.de
Foto: Pixelio.de
Wilhelmshaven (tj). Jobcenter Wilhelmshaven: Im Büro des Geschäftsführers klingelt das Telefon, sein Stellvertreter sitzt auf der anderen Seite des Schreibtisches. Nach diesem Anruf setzt der 48-Jährige seinem Leben ein Ende.

"Sehr geehrte Damen und Herren, verbreitet wird gerade die Nachricht, dass der Bundesrat die Hartz-IV-Gesetze verschärft habe. Wenn ein Leistungsempfänger dreimal seine Pflichten verletzt und eine Arbeit nicht annimmt, soll ihm jeder Cent gestrichen werden können. Wann aber werden Pflichtverletzungen von Job-Centern schärfer bestraft? Ich habe Dinge erlebt, die ich nur als Versuch der Verspottung bezeichnen kann.

Hintergrund: Als ehemals selbstständiger Redakteur bin ich sofort Hartz-IV-Empfänger geworden. Einen Übergang hat es da nicht gegeben, dafür entwickelte ich aber eine Idee: Internet-Seiten für die Fans aller Fußballvereine. Über diese Idee informierte ich natürlich auch das Jobcenter in Wilhelmshaven. In Aussicht gestellt wurde mir daraufhin Fördergeld für sechs Monate. Ich füllte den entsprechenden Antrag aus, informierte weisungsgemäß das Finanzamt, das Gewerbeaufsichtsamt und die Künstlersozialkasse.

Dann verging die Zeit, bis ich vom Jobcenter einen weiteren Fragenkatalog bekam. Nachweisen sollte ich beispielsweise, dass ich meinen Rechner ausschließlich beruflich nutzen werde. Da habe ich nach gut drei Monaten die Antragswaffen gestreckt und meinen Antrag zurück gezogen. Für mich gilt: Auf den Kosten, die mir entstanden sind, bleibe ich sitzen..."

Keine Antwort

Diesen offenen Brief habe ich am 7. Juli 2006 an den Bundesrat geschrieben und auf vielen Internet-Seiten veröffentlicht, beantwortet wurde er nicht. Vielleicht aber hätten sie nachforschen sollen – dann wären wohl noch ganz andere Pflichtverletzungen viel früher aufgeflogen.

Negative Schlagzeilen machte das Jobcenter in Wilhelmshaven von Anfang an – doch nach dem Selbstmord des stellvertretenden Geschäftsführers befördern eine innere Revision und die Staatsanwaltschaft Oldenburg nach und nach Dnge ans Tageslicht, die einem die Sprache verschlagen.

Die einen so: Die Zahl der Wilhelmshavener Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger, die vor das Sozialgericht in Oldenburg gezogen sind, kennt niemand. Doch einige wurden und werden vertreten von dem Oldenburger Rechtsanwalt Alfred Kroll, der schon im Mai 2005 bei einer öffentlichen Veranstaltung dem Wilhelmshavener Jobcenter "Rechtsbruch" vorwarf.

Ein Anliegen - zwei Entscheidungen

Zu hören gab es in einem rappelvollen Saal starken Tobak: So hatten zwei Langzeitarbeitslose das gleiche Ansinnen und die gleiche Bearbeiterin der Anträge. Doch die entschied in dem einen Fall für, im anderen gegen den Jobcenter-"Kunden"..

Auch die ehemalige stellvertretende Bürgermeisterin Marianne Fröhling hatte mehrfach den Eindruck, sie sei in einem Tollhaus gelandet, berichtete sie kürzlich in einem Interview. So habe sich eine verzweifelte Frau an sie gewendet, die auch nach weit über 100 Bewerbungen keinen Job gefunden hatte, viele Bewerbungen waren nicht einmal beantwortet worden. Und was fiel dem Jobcenter dazu ein? Sie schickte diese Frau zu einem Bewerbungstraining...

Die anderen so: Wenn jemand einen guten Draht zum stellvertretenden Geschäftsführer hatte, bekam der auch die Genehmigung für eine teure Anschaffung. Doch nicht nur das: Das gerade Erworbene sollte auch noch gegen etwas Billigeres umgetauscht und der Differenzbetrag dem Hartz-IV-Empfänger ausgezahlt werden. Solche und andere Merkwürdigkeiten, wie unrechtmäßig Zahlungen an Unternehmen und weitere Langzeitarbeitslose, flogen bei einer internen Revision auf.

16. Juni 2007: Der stellvertretende Geschäftsführer sitzt im Büro des Geschäftsführers, beide sind nicht nur dienstlich miteinander verbandelt, sondern auch kirchlich, denn sie gehören beide einer Glaubensgemeinschaft an, die sich in ihrem Liederbuch so darstellt: "Über die Erde wandelt eine heilige Schar, sie tragen Kronen unsichtbar..." Der stellvertretende Geschäftsführer des Jobcenters leitet eine Gemeinde im Osten von Wilhelmshaven.

Der Geschäftsführer, der sich gerade von einer komplizierten Operation erholt hat, unterhält sich mit seinem Stellvertreter. Das Telefon klingelt. Bei diesem Anruf bekommt der Geschäftsführer die ersten Informationen über Verdachtsmomente, von Veruntreuung in sechsstelliger Höhe ist die Rede.

Kuhhandel geplatzt

Nach diesem Anruf fordert der Geschäftsführer von seinem 48-jährigen Stellvertreter ein klärendes Gespräch. Doch dazu kommt es nicht mehr. Der stellvertretende Geschäftsführer, der angeblich einen wichtigen Termin hat, verlässt das Büro des Geschäftsführers, just für diesen Freitag hat er einen weiteren Kuhhandel geplant, der das Jobcenter noch einmal 125 000 Euro gekostet hätte.

Niemand hält den offenbar fassungslosen 48-jährigen Vater von elf Kindern auf, in Oldenburg setzt er seinem Leben ein Ende, das schon vor langer Zeit aus der Bahn geraten ist, als er begann, Geld in falsche Kanäle und in die eigene Tasche umzuleiten und sich in einer Grauzone aus Günstlingswirtschaft und Bereicherung bewegte.

Inzwischen hat der Geschäftsführer der Wilhelmshavener Agentur für Arbeit personelle Konsequenzen im Jobcenter angekündigt, Mitarbeiter, die ihrem Chef so sehr vertraut hatten, dass sie alles unterschrieben, was er ihnen vorlegte, sollen haftbar gemacht werden.

Außerdem hat jetzt der Staatsanwalt das Wort. Noch geht man in der Agentur für Arbeit davon aus, dass der 48-Jährige im Jobcenter keine Komplizen hatte...

uploaded

Der Inhalt des vorstehenden Artikels gibt nicht die Meinung der Redaktion von Onlinezeitung24 wieder. Für den Inhalt ist allein der Autor des Beitrages verantwortlich!
Lesen Sie dazu auch:
Drucken Empfehlen
Schlüsselwörter: Hartz-IV-Gesetze | Hartz-IV-Empfänger | Wilhelmshaven | Selbstmord
Sie wollen selber einen Artikel schreiben. Kein Problem, einfach registrieren!

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare geschrieben

Einen Kommentar schreiben







Kommentare von Nichtmitgliedern der Seite Onlinezeitung24.de müssen durch einen Bestätigungslink per E-Mail freigeschaltet werden, für Mitglieder entfällt diese Bestätigung. Diese Maßnahme dient der Diskussionskultur und soll die Kommentarfunktion vor Spam schützen. Wir bitten um Ihr Verständis für diese Maßnahme.

Seitenaufbau: 0.06 Sekunden
38,488,542 eindeutige Besuche