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Lokales: Sonstiges

Die Geschichte des Schattenspiels in Asien

Heute fast in Vergessenheit geraten war es früher das Ereignis beim Volk für Jung und Alt

Ein Schattenspiel ist wie eine Theateraufführung für das Publikum gedacht. Mittels so genannter Schattenspielfiguren, einer Lichtquelle und einer Projektionswand werden auf letztere sich bewegende Schatten projiziert, die eine Szenerie darstellen. Diese ist in ihrer Handlung die eigentliche Aufführung, zu der ein wichtiger Bestandteil auch durch den gesprochenen Text gebildet wird.

Ein Schattenspiel kann in einem geschlossenen Raum - ähnlich einem Theater - oder mit einfachen Mitteln auf der Straße aufgeführt werden. Die Figuren bestehen aus den verschiedensten Materialien, die manchmal auch kombiniert sein können. Es handelt sich dabei überwiegend (regional verschieden) um Papier, Pappe, Leder, Holz, Metall oder um Zelluloid und Pergament. Mit den beiden letzten Elementen können auch farbige Effekte erzielt werden. In der Regel sind die Schattenspielfiguren zweidimensional - das heißt keine Puppen im eigentlichen Sinne. Man unterscheidet zwischen beweglichen und unbeweglichen Spielfiguren.

Mittels einer Lichtquelle - ursprünglich mit offenem Feuer, Kerzen, Öl- oder Petroleumlampen; heute auch mit elektrischem Licht - wird das eigentliche Schattenspiel als Aufführung auf eine Projektionswand übertragen. Diese kann aus Pergament, Papier oder Stoff - in seltenen Fällen auch aus Glas - bestehen. Beheimatet ist das Schattenspiel in Asien, vor allem auch im südostasiatischen Raum. Vierfach wird sogar Thailand als Ursprungsland angenommen.

Das Beijinger Schattenspiel in China

Piyingxi - das ist der heutige Name in China für das Schattenspiel. Der Name setzt sich aus drei Begriffen wie folgt zusammen: Pi = Leder/Haut; Ying = Schatten; Xi = Theater. Übersetzt lautet es also: „Ledernes Schattentheater“.

Nach der chinesischen Überlieferung liegt das Entstehen des Spiels in der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.), wo es während der Regentschaft des Kaisers Wu (140 - 87 v. Chr.) entwickelt worden sein soll. In einer um das Jahr 320 verfassten Sage von Gan Bao und in einem Bericht von Sima Qian, dem Vater der chinesischen Geschichte, wird dazu eine Legende überliefert:

„Nachdem die Lieblingsgemahlin des Kaisers Wu verstorben war, musste dieser unaufhörlich an sie denken. Da meldete sich der Zauberer Shaoweng aus Qi bei ihm zu Wort und sagte, dass er den Geist der verstorbenen Gemahlin herbeirufen könne. Das war im Jahre 121 v. Chr. Nach erfolgtem Einbruch der Dunkelheit spannte er einen Vorhang auf, der von Fackeln beleuchtet wurde. Hinter einem anderen Vorhang musste der Kaiser Platz nehmen und aus der Ferne zuschauen. In dem Vorhang gewahrte er das Bild einer schönen Frau, das seiner verstorbenen Gemahlin stark ähnlich war.“

In der Song-Dynastie (960 - 1278) war das Schattenspiel vor allem in den Provinzen Sichuan, Shanxi, Shaaaxi, Shandong, Hunan und Hubei sehr populär und erreichte während der Qing-Dynastie (1644 - 1911) seinen Höhepunkt. Seit der Republik (1911) wird es immer mehr vernachlässigt und verliert in China an Bedeutung.

Die Themen des chinesischen Schattenspiels sind überwiegend Märchen und Fabeln, während in Taiwan hauptsächlich traditionelle Stücke aufgeführt werden. Doch während es in China noch einige hundert Schattenspielgruppen gibt, sind aus Taiwan nur noch zwei bekannt.

Das Schattenspiel in Indien

Die Verbreitung des Spiels beschränkt sich in Indien fast ausschließlich auf den südlichen Raum. Über sein Alter und seine Herkunft ist nichts bekannt, da bislang nur zögernd erste Untersuchungen stattfinden. Die Figuren wurden aus Leder hergestellt und sind in den Gelenken der Arme und Beine – manchmal auch die Köpfe – beweglich. Somit sind sie im Regelfall die beweglichsten Schattenspielfiguren überhaupt. Jedenfalls sind sie weitaus beweglicher als die in Indonesien oder Thailand gebräuchlichen. Der Effekt ist verblüffend, da hierdurch die Aufführungen bewegter und lebendiger wirken als im ganzen südostasiatischen Raum.

Der Körper der Figuren ist von vorne zu sehen, wahrend das Gesicht stets im Profil gezeigt wird. Allerdings ist es beim Auge wieder so, als ob man es von vorne betrachtet. Die Beine und Arme sind wieder seitlich dargestellt und Hände und Zehen stehen wieder so, wie man sie von vorne aus betrachtet.

Zur Ausstattung einer Truppe gehören mindestens 50 Figuren – oft jedoch viel mehr. Sie stellen alles Mögliche dar, wie Gottheiten, Fürsten, Damen, Adlige, Gefolgsleute, Spaßmacher, Dämonen, Affen und andere Tiere, aber auch Pflanzen. Die Schattenspielfiguren werden beim Spiel von je einem Spieler bedient. Wird es allerdings kompliziert, wie bei einem Tanz, wo alle Körperteile bewegt werden müssen, ist ein zweiter Spieler für eine Figur notwendig. Der eine hält die Figur und bewegt den Kopf, während der andere die Arme und Beine führt.

Die Aufführungen finden in Indien überwiegend während der trockenen Jahreszeit, zu religiösen Festen oder familiären Ereignissen wie Geburt oder Hochzeit statt.

Das Schattenspiel auf Java

Archiv: Siam Journal
Archiv: Siam Journal
Auf Java nimmt das Schattenspiel einen besonderen Platz im Leben der Bevölkerung ein. Es hat sich hier etwas von seinem magisch-religiösen Charakter bewahrt. Bereits um 1000 n. Chr. wird es in der javanischen Literatur als beliebtes und verbreitetes Spiel erwähnt. Bezeichnet wird es hier als Wayang-Spiel oder wayang-kulit (wayang = Schatten, Schattenbild, Gespenst; kulit = Leder).

Die Frage nach dem Ursprung des Spiels auf Java kann nicht beantwortet werden. Das chinesische ist zweifellos bedeutend älter und das javanische schließt sich thematisch eng an die indischen Epen an. Eine Übereinstimmung der Figuren zwischen Java und Indien ist jedoch nicht gegeben. Seit jeher sah der Javaner jedoch in den Figuren und ihren Schattenbildern die materialisierten Silhouetten der Geister seiner Ahnen, was dem Spiel seine religiöse Bedeutung verlieh. Mit den Aufführungen versucht man drohendem Unheil zu begegnen. Und so ist jeder Zuhörer während der Zeit des Spieles, das vom Abend bis zum Morgen dauert, vor allen bösen Einflüssen sicher – heißt es.

Auf Java werden überwiegend Spielfiguren aus Büffelleder benutzt, die einen Bambus-, Hörn- oder Holzstiel zum Halten haben. Lediglich die Arme sind beweglich. Sie werden mit kleinen Stäben geführt. In einer jüngeren Variante des wayang-kulit, dem wayang-golek (golek = rund) werden inzwischen auch dreidimensionale Spielfiguren benutzt.

Interessant ist, dass die Schattenseite auf Java als die schlechte Aufführungsseite angesehen wird, und dass hier Männer und Frauen streng getrennt die Vorführungen erleben. Die Männer sitzen hinter der Projektionswand, so dass die Spieler zwischen ihnen und der Wand sind. Sie sehen also die Puppen direkt, während die Frauen die „schlechte“ Seite betrachten und somit vor der Projektionswand sitzen – so, wie es anderenorts allgemein üblich ist.

Die meisten Aufführungen beginnen gegen 19.30 Uhr und bestehen bis 21.00 Uhr aus einer Art Einleitung in Form einer Beschreibung von Ort und Zeit der Handlung. Von 21.00 Uhr bis gegen 0.00 Uhr folgt die Einführung in das Stück und seine Probleme; von 0.00 Uhr bis 3.00 Uhr folgen Komplikationen und danach, bis etwa gegen 6.00 Uhr, erfolgt die Lösung aller Probleme, wobei auf Java immer das Gute siegt.

Das Schattenspiel auf Bali

Auf Bali gibt es nur eine Art des Schattenspiels, die mit dem javanischen wayang-kulit vergleichbar ist. Allerdings weisen die balinesischen Figuren nicht die starke Überstilisierung der Gesichter auf, sondern haben viel mehr Ähnlichkeit mit dem menschlichen Gesicht. Im Gegensatz zu Java beschränkt sich auf Bali eine Aufführung auf einige Stunden und dauert niemals die ganze Nacht. Sie ist auf Bali stets Teil einer religiösen Zeremonie und niemals findet eine Aufführung als bloße Unterhaltung statt.

Das Schattenspiel in Thailand

Archiv: Siam Journal
Archiv: Siam Journal
Das Zentrum des traditionellen Schattenspiels auf dem ganzen südostasiatischen Festland ist zweifellos das alte Siam. Auch wenn teilweise eine Übereinstimmung im Themenbereich (Ramayana) und in der Technik der Puppen (beim Hang Talung) mit dem indonesischen Schattenspiel bemerkbar ist, so nimmt das Spiel in Thailand doch eine ganz andere Stellung in Umfang und Bedeutung ein. Bis auf wenige Ausnahmen dient es in Thailand zur reinen Unterhaltung.

Es gibt zwei Spielarten und die ältere der beiden, das Nang Luong (nang = Leder; luong = königlich) wird heute als die älteste Form des Schattenspiels überhaupt angesehen. Die Figuren sind beim Spiel lediglich Illustrationen zu einem rezitierten Text. Sie sind aus ungegerbtem Büffelleder und unbeweglich. Neben der Darstellung einzelner Personen gibt es hier auch ganze Szenenbilder. Gerd Höpfner schreibt dazu: „Alle Nang Luong Figuren sind ausschließlich auf die Wirkung als Silhouette oder Schattenbild abgestellt. Nur so kommen sie voll zur Geltung und zeigen die meisterhafte Gestaltung der bewegten Körperlinie und die grazile Ausarbeitung in Ornamenten, Schmuck und Kleidung.“

Die nächtlichen Aufführungen finden im Freien statt. Eine feste Bühne in einem Theater gibt es nicht. Hinter einer Leinwand in den Dimensionen von drei bis vier Metern Höhe und einer Breite von 18 bis 20 Metern wird ein offenes Feuer entzündet. Der Betrachter sitzt vor der Leinwand. Der Text wird von ein oder zwei Personen unter Musikbegleitung vorgetragen. Dabei wird ein feierlicher, singender Tonfall benutzt.

Ursprünglich fanden die Nang Luong Aufführungen hauptsächlich bei prunkvollen Leichenverbrennungen fürstlicher Persönlichkeiten im alten Siam statt. Da die Lustbarkeiten bei solchen Feiern kaum noch stattfinden, ist die Spielart des Nang Luong stark zurückgegangen und heute fast ausgestorben. Für das Nang Luong gibt es nur ein Thema, nämlich die thailändische Version des Ramayana, das Rainalden (Lob Ramas). Dieses umfasst 52.086 Verse.

Die zweite und bedeutend jüngere Art des Schattenspiels in Thailand ist das Nang Talung. Sie weicht erheblich von der Form des Nang Luong ab. Es wird vermutet, dass die Bezeichnung Nang Talung eine Verstümmelung von Nang Patalung ist. Patalung ist ein Ort in Südthailand, wo sich diese Variante des Schattenspiels zuerst einbürgerte. Das Nang Talung wird offensichtlich von der javanerischen Variante beeinflusst. Die Figuren sind kleiner als im Nang Luong und vor allem auch beweglich. Stilelemente wie bei den javanerischen Puppen sind jedoch nicht feststellbar.

Die Aufführungen des Nang Talung finden in einer eigens für diesen Zweck gebauten Hütte statt, deren eine Seite mit einer Leinwand bespannt ist. Das Publikum sitzt vor der Leinwand - außerhalb der Hütte. Die Szenerie wird von einer in der Hütte hängenden Lampe beleuchtet und die Spieler sitzen links und rechts in der Hütte vor der Leinwand. Die Schattenspielfiguren werden mit einem Haltestab und einem oder zwei Führstäben bedient. Der Text zur Szenerie besteht meistens in einem Dialog von Rede und Gegenrede, der von den Spielern unter Musikbegleitung vorgetragen wird.

Abschließend schreibt Gerd Höpfner zu diesem Thema: „Nang Talung ist recht populär geworden und hat sich von Südthailand aus weit verbreitet. Im Süden wird dieses Spiel gelegentlich auch zu magischen Zwecken, namentlich zu Dämonenaustreibungen, aufgeführt. – Die Themen der meisten Stücke entstammen dem Ramakien.“

Ich möchte im Zusammenhang mit dem thailändischen Schattentheater auch noch auf das Deutsche Ledermuseum/Deutsche Schuhmuseum in Offenbach am Main aufmerksam machen. Dort befindet sich eine der bedeutendsten und umfangreichsten Sammlungen thailändischer Schattenspielfiguren, die es in Deutschland gibt. Ein Besuch in diesem Museum lohnt sich also für jeden, der näher an diesem Thema interessiert ist. Hier die Anschrift: Deutsches Ledermuseum, Frankfurter Straße 86, 63067 Offenbach a. M., Tel. 81 30 21. Dort erschienen auch zwei Kataloge zum Thema: „Das chinesische Schattentheater“ von Rainald Simon und „Das Thailändische Schattentheater“ von Sangsri Götzfried.

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Schlüsselwörter: Schattenspiel | Thailand | Java | Bali | China | Indien
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