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Sonstiges: Kultur & Religion

Der Golem (1): Gibt es künstliche Menschen aus Lehm?

Golems in der jüdischen Sage – Frei nach dem Motto: „Lasset uns Menschen machen…“

Nicht erst seit der Erfindung des Reagenzglases und der Klon-Technik gibt es ihn, der Traum, einen künstlichen Menschen zu schaffen. Dieser Menschheitstraum ist uralt und der jüdischen Sage nach sollen die Rabbiner bis ins hohe Mittelalter (und vielleicht auch heute noch) in der Lage gewesen sein, Menschen aus Lehm zu schaffen: die Golems.

In seiner Geschichte „Der Golem“ beschreibt Gustav Meyrink das Golem-Phänomen ganz treffend: ‚„Wer kann sagen, dass er über den Golem etwas wisse?‘, antwortete Zwakh und zuckte die Achseln. ‚Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich wieder aufleben lässt. Und eine zeitlang spricht dann jeder von ihm, und die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche.‘“

Solche Sagen über Golems als künstliche Menschen, erschaffen von jüdischen Rabbinern, werden in vielen alten Quellen überliefert und in diesen Kreisen durchaus ernst genommen – auch dann, wenn es hier niemand zugeben möchte. So weist Rabbi Chaim Potok beispielsweise darauf hin, dass die ersten ausführlichen Golem-Legenden vermutlich im 12. bis 13. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich entstanden sind, denn aus dieser Zeit sind die ersten Schriften darüber bekannt, die erklären, wie die Juden solche Golems schufen. Rabbi Chaim Potok, der die Golems für reine Legende hält und selbst einen Roman („Am Anfang“) zu diesem Thema verfasste, vermutet die Entstehung der Legende aus der Sicht, den Golem als Helfer und Schutzschild gegen die Peiniger des jüdischen Volkes zu sehen, die seit Jahrtausenden das Judentum ausrotten wollten. Dann wäre der Golem eine Art Verkörperung der Hoffnung Gott näher zu kommen und dem Mysterium der Schöpfung beizuwohnen, denn: „Für die Juden symbolisiert der Golem nicht Furcht, sondern Freiheit.“

Ein Golem erhielt, einmal erweckt, der Legende nach ein eigenständiges Leben. Ließ man den Golem dann einfach gewähren, so gewann dieser immer mehr an Größe und Kraft und konnte jedem, auch seinem Schöpfer, sehr gefährlich werden. Nicht alle Golem-Sagen berichten auch über deren Erschaffung. Eine besonders ausführliche Schöpfungsgeschichte eines Golems ist uns über die Golem-Schöpfung des Rabbi Löw überliefert.

In Worms lebte einst ein Mann namens Bezalel, dem ein Sohn geboren wurde, der Juda Aria (Aria = Löwe) genannt wurde. Dieser wurde später Rabbiner in der Stadt Posen, war wegen seines Namens als Rabbi Löw bekannt, beherrschte viele Sprachen und war mit den meisten Wissenszweigen vertraut. Kurz nach Beginn seiner Tätigkeit als Rabbiner wurde er nach Prag berufen. Dort hatte er eines Nachts einen Traum, in dem ihm befohlen wurde einen Menschen aus Ton zu erschaffen. In der Sage wird dies so geschildert: „Da ward ihm in einem nächtlichen Gesicht der Bescheid: Mache ein Menschenbild aus Ton.“ Weiter heißt es in der Legende, dass der Meister, Rabbi Löw, daraufhin „seinen Eidam (Eidam = veraltete Bezeichnung für Schwiegersohn) wie seinen ältesten Schüler zu sich rief und ihnen die himmlische Antwort anvertraute.“ Anschließend bat er sie um Hilfe und Unterstützung bei seinem Schöpfungsvorhaben.

Es heißt in der Überlieferung weiter, dass die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft, die auch in der Alchemie eine große Rolle spielen, zur Erschaffung des Menschen notwendig waren. Diese Praxis bezieht sich dann auch auf die Schöpfung eines Golems. Sieben Tage brauchten Rabbi Löw und seine beiden Helfer, um sich auf dieses Schöpfungswerk vorzubereiten. Dann war es soweit. „Es war der zwanzigste Tag des Monats Adar (der Monat Adar geht etwa von Mitte Februar bis Mitte März) im Jahre fünftausenddreihundertvierzig und die vierte Stunde nach Mitternacht“, als sie in einer Lehmgrube am Ufer des außerhalb der Stadt gelegenen Stromes (gemeint ist die Elbe) mit ihrem geheimnisvollen Werk begannen.

„Hier kneteten sie aus dem weichen Ton eine menschliche Figur“ in allen Details und machten sie drei Ellen hoch. Nun gibt uns diese Maßangabe leider nur eine ungenaue Beschreibung der tatsächlichen Größe, denn es ist zwischen zwei Arten des Größenmaßes „Elle“ zu unterscheiden: die kleine Elle und die große Elle. Ein Unterschied darin wurde hauptsächlich in Babylonien, Ägypten und Israel gemacht. Und beide Maße variieren. Nach heutiger Lehrmeinung umfasste die kleine Elle etwa 45 bis 49 Zentimeter und die große Elle etwa 52,2 bis 55 Zentimeter. Das würde bei drei Ellen einer Golem-Größe von mindestens 1,35 Metern bis maximal 1,65 Metern entsprechen. Dabei erscheint dann die große Elle am wahrscheinlichsten.

Nachdem das Formen der menschlichen Figur abgeschlossen war, wurde diese auf den Rücken gelegt und der Rabbi befahl seinem Schwiegersohn siebenmal im Kreise um sie herumzugehen und dabei eine von ihm zusammengestellte Formel zu sprechen. Als dies geschehen war, wurde die menschliche Figur aus Ton und Lehm „gleich einer glühenden Kohle rot“. Daraufhin musste nun auch der Schüler des Rabbi den halbfertigen Golem siebenmal umkreisen. Auch er sprach dabei eine von Rabbi Löw entwickelte Formel. „Da kühlte sich die Glut ab, der Körper wurde feucht und strömte Dämpfe aus, und siehe da, den Spitzen der Finger entsprossen Nägel, Haare bedeckten seinen Kopf, und der Körper der Figur und das Gesicht erschienen als die eines dreißigjährigen Mannes.“

Nun machte der Rabbi selbst sieben Runden um den Golem und alle drei sprachen dazu den Satz aus der Schöpfungsgeschichte: „Und Gott stieß ihm den lebendigen Odem in die Nase, und der Mensch ward zur lebendigen Seele.“

Danach befahl der Rabbi dem Golem: „Richte dich auf!“ Der Golem gehorchte und stand auf. Nun bekam er Kleidungsstücke, wie sie von den Synagogendienern getragen wurden, denn er war ja nackt. „Und der Rabbi sprach zu dem Menschen aus Ton: ‚Wisse, dass wir dich aus dem Staub der Erde geschaffen haben.‘“

Diese Golem-Sage wurde Gegenstand des berühmten deutschen Filmklassikers „Der Golem von Prag“, der als SW-Stummfilm 1920 entstand. Doch der Film hält sich nicht genau an die Legende und ihm zufolge schuf Rabbi Löw seinen Golem nicht mit Gottes Hilfe, sondern mit Hilfe des Teufels. Das aber ist nach Rabbi Chaim Potok völlig ausgeschlossen.

Eine sehr lange Zeit, so berichtet die Legende weiter, soll dieser Golem im Dienste des Rabbi Löw gestanden haben. Auf den Freitag folgt der Sabbat, an dem alle ruhen und jeder tun und lassen kann, was er will. Dies hatte auch für einen Golem zu gelten. So stellte Rabbi Löw seinen Golem freitags immer ruhig. Als er ihn jedoch an einem Freitag vergaß und die Gemeinde sich bereits in der Synagoge zum Gebet versammelt und schon den 92. Psalm gesprochen hatte, hörte sie den Golem toben. Das ganze Stadtviertel war in Gefahr. Da aber der Sabbat noch nicht angefangen hatte, konnte Rabbi Löw den Golem noch ruhig stellen. Danach ließ er den 92. Psalm ein zweites Mal singen. Dieser Brauch wurde bis heute beibehalten.

Nach diesem Ereignis hat Rabbi Löw seinen Golem nie wieder erweckt und ihn auf den Dachboden der Synagoge gebracht. Diese wurde einst an der Stelle erbaut, wo der Sage nach ein Engel einen Stein aus dem Tempel in Jerusalem vom Himmel zur Erde fallen ließ. Als Mahnmal der Unachtsamkeit von Rabbi Löw soll man der Legende nach noch heute auf dem Speicher der Prager Synagoge „des Golem scholl’ges Tongebein“ sehen können. Dieses Thema war in neuerer Zeit auch Gegenstand einer Folge der TV-Mystery-Serie „Akte X“, die ihre Themen aus den realen Fakten der so genannten Grenzwissenschaftsbereiche bezieht.

Mehrere Generationen nach Rabbi Löw stieg Rabbi Hesekiel Landau auf den Dachboden der Synagoge und verbrachte dort eine lange Zeit. „Irgendetwas“, so vermutete 1998 der jüdische Prager Museumsdirektor, „muss dort oben geschehen sein, doch niemand weiß genau was. Als Rabbi Landau wieder herunterkam, gab er die strikte Anweisung, kein Jude in Prag dürfe jemals wieder dort hinauf gehen. Seitdem war auch tatsächlich niemand mehr dort oben.“ Noch heute gibt es Legenden, wonach der Golem des Rabbi Löw manchmal aus den Abgründen Prags auftaucht, um die Überlebenden des jüdischen Ghettos heimzusuchen. Auch will man ihn einer anderen Legende zu Folge manchmal weinend am Grab des Rabbi Löw gesehen haben.

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Schlüsselwörter: Klon-Technik | Gen-Technik | künstliche Menschen | Golem | Golems | Prag | Rabbi Löw | Schöpfungsgeschichte | Lasset uns Menschen machen
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Kommentare

am 24.02.2009 11:50:16 (193.103.148.xxx) Link Kommentar melden
Sehr spannend und interessant geschrieben !
trung
am 28.02.2009 12:16:55 (87.189.206.xxx) Link Kommentar melden
Solche guten Beiträge sind nach meinem Geschmack. Vieleicht gab es ja solch einen Golem mal wirklich. Beschäftigen Sie sich schon lange mit solchen interessanten Themen ?
lan
am 05.03.2009 12:13:40 (193.103.148.xxx) Link Kommentar melden
War der Golem also eine Art Android ?
Alex Mais
am 05.03.2009 14:16:16 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
@ trung

Ja, ich beschäftige mich seit den 70er Jahren mit Grenzwissenschaften. Seit Anfang der 80er speziell auch erstmals mit der Golem-Thematik...

@ lan

Es kommt darauf an, als was man die Bezeichnung Android interpretiert. Wenn es wirklich jemals Golems gegeben hat, könnte man sie im weiteren Sinne durchaus als Android bezeichnen. Allerdings ist die Bezeichnung Android eher für ein technisches "Wesen" angesehen - vielleicht eine Mischung aus biologisch/technischem. - Oder auch eine Art Roboter(?) Unter Berücksichtigung dessen, dass beide (Androis und Golem) künstlich erschaffene "Lebensformen" darstellen (oder darstellen sollen), haben sie schon Gemeinsamkeiten. Aber dennoch meint man mit dem Begriff Android in der Regel nicht Golem. Zumal der Golem ja in erster Linie eine Legendengestalt ist und wissenschaftlich gesehen nicht existiert haben soll...
lan
am 05.03.2009 14:18:38 (193.103.148.xxx) Link Kommentar melden
Die Möglichkeit eines Art Roboters könnte ich mir vorstellen. Ich las mal, das im Altertum es viele mechnische Kunstwerke gab. Das wäre doch auch eher begreifbar oder ?
Alex Mais
am 05.03.2009 14:38:09 (195.93.60.xxx) Link Kommentar melden
@ lan

Ja, diese Thematik ist "glaubwürdiger". Zu Roboter im Mittelalter und Altertum können sie in folgenden beiden Berichten nachlesen:

Der jahrhundertealte Traum vom mechanischen Menschen

Der Traum: Künstliche Intelligenz - Gab es sie bereits?

(Einfach die Titel anklicken)
lan
am 05.03.2009 14:40:46 (193.103.148.xxx) Link Kommentar melden
Der jahrhundertealte Traum vom mechanischen Menschen - das werde ich sofort lesen-super !

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