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Wirtschaft & Finanzen: Welt

Von Börsianern und anderen Primaten – Teil II

Ist der Kapitalismus noch zu retten?

Die so genannte Krise der Finanzmärkte ist in Wahrheit eine globale Krise des Kapitalismus. Der Einbruch bei den Profitraten zwingt zur Kapitalvernichtung.

Die Propheten des freien Marktes, die eben noch vor staatlicher Regulierung und anderem „sozialistischen Teufelszeug“ gewarnt hatten, entdeckten mit einem Mal die segensreiche Einrichtung des Nationalstaates. Urplötzlich war Schluss mit dem Mythos der für alle Eventualfälle gerüsteten Globalisierung.. Die Nationalökonomie durfte wieder ran. Die so genannten Wirtschaftsweisen, in deren Gutachten zuvor der Marktradikalismus fröhliche Urstände gefeiert hatte und die noch im Frühjahr 2008 ein stabiles Wachstum von 1,4 – 1,8 Prozent für dieses Jahr prognostiziert hatten, gefielen sich gar in der Rolle, die Politik anzufeuern, stärker auf staatliche Intervention zu setzen.

„Der finanzgetriebene Kapitalismus steckt in einer tiefen Krise, der US-Immobilienmarkt kollabiert in Raten, Milliarden werden abgeschrieben,“ schrieb Elmar Altvater am 20.3.2008 in der Wochenzeitung Freitag in einem Beitrag zum 125. Todestag von Karl Marx. In den folgenden Monaten konnten wir verfolgen, wie sich die Überproduktion (mangelnde Massenkaufkraft) und Überakkumulation (sinkende Profite) zu einer veritablen kapitalistischen Krise entwickelte. Laut Altvater, emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU-Berlin und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von attac, öffnet die Marxsche Theorie vom Gesetz des tendenziellen Fall der Profitrate den Weg zum Verständnis dessen, was wir heute erleben.

Kein Wirtschaftsboss, Banker, Ökonom, Politiker oder Wirtschaftsjournalist, der ernst genommen werden will, kann behaupten, er habe es nicht besser gewusst. Oder sollte das neoliberale Meinungskartell etwa an seine eigenen Prophezeiungen geglaubt haben? Sei es, wie es sei. Jedenfalls erinnern sich heute einige Politiker wieder an das Stabilitäts- und Haushaltsgesetz vom 8. Juni 1967. Dort wird eine antizyklische Etataufstellung und ein antizyklischer Haushaltsvollzug vorgeschrieben.

Schon Marx hatte im dritten Band des Kapitals in dem Kapitel über Geldkapital und wirkliches Kapital untersucht, was in einem Produktionssystem passiert, in dem der Produktionsprozess auf Krediten beruht und diese Kredite plötzlich nicht mehr fließen. Er kommt zu dem Schluss: „Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. (...) Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wechsel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen und platzen; ferner mit fremdem Kapital getriebne, aber verunglückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen können.“ 

Genau diese Situation ist eingetreten. Die Schwindelgeschäfte der Investmentbanker und Derivatehändler sind geplatzt, Autos stehen auf Halde und müssen mit Abwrackprämien an den Kunden gebracht werden. Und die Banken vergeben keine Kredite mehr mit den entsprechenden Folgen für den Produktionsprozess. Die Situation in den USA ist um ein Vielfaches dramatischer. Nur die gewaltigste Kapitalvernichtung der Geschichte, die nicht durch einen Krieg herbeigeführt wurde, ist hier noch in der Lage, die Profitraten nicht ins Bodenlose stürzen lassen.

Auch John Maynard Keynes hatte in seinem Hauptwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ bereits 1936 die Triebkräfte eines in hohem Maße instabilen Kapitalismus untersucht und den heute zu verzeichnenden massiven Einfluss der Finanzmärkte auf die Instabilität der Sachinvestitionen antizipiert. Die in der Folgezeit der damaligen großen Koalition durch die sich entwickelnde angebotsorientierte, neo-liberale Politik vorgetragene Kritik, die keynsianische Wirtschafts- und Finanzpolitik habe sich überlebt und sei endgültig in der Ölkrise der siebziger Jahre gescheitert, läuft ins Leere. Tatsächlich handelte es sich bei der Ölkrise um eine Angebotsverknappung, heute haben wir es jedoch mit einem Nachfragedefizit infolge mangelnder Kaufkraft zu tun.

Tatsächlich muss staatliche Nachfrage heute insbesondere neben der fehlenden Massenkaufkraft (siehe Automobilbranche) die in zunehmenden Maße ausfallende Auslandsnachfrage kompensieren. Insofern befindet sich die Regierung mit dem Investitionsprogramm für Bildung und Infrastruktur tendenziell auf dem richtigen Weg, zumal öffentliche Investitionen in weitaus höherem Maße die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft stimuliert als Steuergeschenke. Investitionen sind damit um ein vielfaches beschäftigungswirksamer als staatliche Einkommenstransfers an private Haushalte. Die Devise müsste allerdings lauten, Klotzen statt kleckern.

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Schlüsselwörter: Börse | Finazmarkt | Krise
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