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Aufstieg eines “Urlaubsflirts” zum Politikum

Erstveröffentlichung: www.readers-editon.de Autor: Murat Dikkaya

Ende einer Urlaubsliebelei? Foto pixelio.de
Ende einer Urlaubsliebelei? Foto pixelio.de
Kürzlich erschien in der Presse die Meldung über den in türkischer Untersuchungshaft sitzenden deutschen Marco Weiss aus Uelzen, Niedersachsen (SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung, DIE WELT). Die aktuelle Berichterstattung lässt auf den ersten Blick auch die Vermutung aufkommen, es handele sich um ein aktuelles Ereignis. Bei näherem Betrachten stellt sich jedoch heraus, dass der Deutsche bereits seit ca. 11 Wochen in Antalya in Untersuchungshaft sitzt. Um die schlechten hygienischen Bedingungen besonders zu betonen, ging die hiesige Presse dabei besonders auf die Haftbedingungen des Realschülers ein, der sich dort - je nach Berichterstattung - mit 29 bis 30 Mitgefangenen eine Zelle, eine Toilette und eine Dusche teilen muss. Dabei stellt sich die Frage, warum erst nach knapp mehr als 2 Monaten über diesen Fall berichtet wird.

Urlaubsliebelei oder sexueller Missbrauch

Hintergrund ist, dass die Uelzener Familie ihren Osterurlaub in der Türkei verbringen wollte. Dort lernte der Jugendliche ein junges Mädchen - die aus Manchester stammende Charlotte M. - kennen. Im Anschluss sei es dann in der Nacht zum 11. April 2007 angeblich zu einem intimen Kontakt zwischen dem Deutschen und der Engländerin gekommen, die sich dem 17-Jährigen gegenüber jedoch als 15-Jährige ausgab. Nach Aussage des nun in U-Haft Sitzenden, hätte es sich jedoch nur um einen normalen Urlaubsliebelei gehandelt, man habe lediglich geflirtet und gekuschelt. Diese Aussage wurde offensichtlich auch von der jungen Engländerin bestätigt. Die Mutter des Mädchens sah die Umstände jedoch anders und erstattete Anzeige. Der Vorwurf: Der 17-Jährige habe sich gegen den Willen der 13-Jährigen - wohl auch unter Gewalteinsatz - im Hotelzimmer an ihr sexuell vergreifen wollen. Nach türkischen Presseberichten habe sich ein weiteres jugendliches Paar in dem Hotelzimmer aufgehalten, das sich auf dem Balkon miteinander vergnügen wollte. Plötzliche Schreie aus dem Innenraum hätten sie sowie kurz darauf auch die Mutter aufgeschreckt, die ins Zimmer stürzte und damit angeblich Schlimmeres verhindert habe. Die anschließende Anzeige zog die Verhaftung des Deutschen nach sich. Gynäkologische Untersuchungen hätten daraufhin ergeben, dass sich Spermaspuren im Vaginalbereich des Mädchens befanden, das Jungfernhäutchen jedoch unbeschädigt war. Damit konnte ein vollzogener sexueller Akt ausgeschlossen worden. Dennoch liegt nach türkischer Rechtsprechung der Verdacht des sexuellen Missbrauchs vor, den die örtliche Justiz nun näher untersucht. Bei einer Verurteilung steht darauf eine Haftstrafe von bis zu 8 Jahren. Aus der deutschen Berichterstattung dagegen lassen sich die Details der genauren Umstände bezüglich des “intimeren Kontakts” nicht rekonstruieren. Die Verhandlung ist auf den 06. Juli 2007 festgesetzt. Zwischenzeitlich wandten sich die Eltern des Jungen an die Presse, um das öffentliche Interesse und damit eine eventuell positive Einflußnahme auf den Fall herbeizuführen. Dies erklärt auch, warum erst jetzt über diesen Fall berichtet wird. Der Appell der Eltern lautet, den 17-Jährigen freizulassen, da er völlig unschuldig und der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ungerechtfertigt sei. Vom Anwalt der Familie wurde verlautbart, der Junge befinde sich einem psychisch und physisch schlechten Zustand und wisse nicht wie um ihn geschehe. Auch die Bundesregierung, speziell in Person des für den Wahlkreis Celle-Uelzen verantwortlichen Bundestagsabgeordneten Peter Struck, verlangte nun die umgehende Freilassung des Deutschen, da die Haftbedingungen inakzeptabel seien. Dies lehnten die türkischen Richter jedoch auch gegen Zahlung einer Kaution ab, da angeblich Fluchtgefahr bestünde. Allerdings seien sich alle Beteiligten darüber einig, dass eine Zusammenlegung mit anderen jugendlichen Straftätern nicht in Frage kommt.

Verstimmung der deutsch-türkischen Beziehungen

Die Forderung der Bundesregierung, bis zum Verhandlungstermin Haftverschonung umzusetzen, wirbelte wiederum die türkische Presse (Hürriyet) auf, die der Bundesrebublik Deutschland nun Einmischung in die Souveränität der Türkei unterstellt. Tenor des Artikels aus der Hürriyet: Die Forderung der Bunderegierung sowie die “Hetzkampagne” der deutschen Medien seien eine “Beleidiung” für das türkische Justizsystem, da man nicht auf die gegen den Deutschen erhobenen Vorwürfe eingehen würde. Man würde ausschließlich ein “Schreckensbild” über die türkischen Gefängnisse zeichnen. Es sei bekannt, dass die Haftbedingungen in der Türkei schlecht seien, diese beträfen aber nicht nur den Deutschen, sondern alle in der Türkei einsitzenden Häftlinge, was der Forderung aus Deutschland ein “hässliches Aussehen” verleihe.

Wie auch immer der Fall nun ausgehen wird, fest steht, dass es zu einer Verstimmung in der deutsch-türkischen Beziehung gekommen ist. Darüber hinaus scheint dieser Fall auch zusätzlich die Diskussion um die EU-Beitrittsambitionen der Türkei anzuheizen. Aus einem SPIEGEL-Bericht ist zu lesen, dass die Kieler Strafrechtlerin und Kriminologin Monika Frommel ihrer Empörung darüber Ausdruck verleiht “wie die türkische Justiz einen jungen Mann kriminalisiert” und der “Terror überholter Moralvorstellungen” zeige, “dass die Türken in Europa noch nicht angekommen sind”. Dabei stellt sich die Frage, wie die Moralvorstellungen der 27 EU-Staaten auf einen Nenner gebracht, konkret aussehen. Bundesaußenminister Steinmeier beabsichtigt nun, sich persönlich bei seinem türkischen Amtskollegen für den jungen Deutschen einzusetzen. Ob dabei auch die EU-Beitrittsverhandlungen Erwähnung finden, bleibt abzuwarten. Spekulativ in diesem Zusammenhang auch nur die Vorhersage der Entwicklung, was wohl aus den britisch-türkischen Beziehungen geworden wäre, wenn die türkische Justiz diesem Fall nicht nachgegangen wäre und der 17-Jährige Deutsche sich nach einem vermuteten Mißbrauch der 13-Jährigen Engländerin auf freiem Fuß befände.

Erstveröffentlichung bei "Readers Edition" Autor Murat Dikkaya Grundlage für Zweitveröffentlichung Creative Commons-Lizenz

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Schlüsselwörter: Gefängnis | Urlaubsflirt | Antalya | Untersuchungshaft
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