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Sport: Sonstiges

Vom Doping-Sumpf zum Feuchtbiotop?

Erstveröffentlichung: www.readers-editon.de Autor: Josef Bordat

Deutschland erlebt in diesen Tagen sporthistorische Momente: Erstmals gibt eine Reihe von deutschen Top-Athleten zu, Konkurrenten, Medien und Zuschauer systematisch betrogen zu haben. Und das in einer populären Sportart, dem Radfahren, das mit der jährlichen Tour de France eine der größten Veranstaltungen des Sports zelebriert. Und in der es richtig was zu verdienen gibt. Nicht so wie im Gewichtheben. Geahnt hatte man es ja schon lange, doch nun weiß man’s und darf’s schreiben: So ganz ohne Doping wird wohl keiner auf der Pro-Tour in den Sattel steigen.

Die Welle der Doping-Geständnisse von A wie Aldag bis Z wie Zabel hat dabei etwas befreiendes, aber zugleich etwas bizarres. Schon wieder wähnt man sich als außenstehender und gleichwohl interessierter Beobachter der Szene als der betrogene Vollidiot, denn die ganze Veranstaltung endet in einem Patt, aus dem nur schwer ein Weg herausführt. Die Athleten geben zu, gedopt zu haben, aber unter dem immensen Druck der Funktionäre. Diese wiederum verweisen auf die Verantwortung der Athleten, die ihre Dopinggeschäfte zum Teil auf eigene Rechnung gemacht haben. Ja, sagen die Athleten, weil wir mussten. Nein, sagen die Funktionäre, weil ihr wolltet.

Und dann kommt jemand wie Tour-Direktor Prudhomme auf die geniale Idee, wie man alle schuldig sprechen kann, ohne im einzelnen Fall Konsequenzen ziehen zu müssen, wie man die moralisch fragwürdigste aller Begründungen („Die anderen machen es doch auch.“) zur Absolutionsformel erhebt: Indem man erklärt, es liege am „System“, wenn sich Fahrer dopen, weil Funktionäre das entweder wollen oder zumindest nichts wissen wollen. Fragt sich, wer dieses „System“ trägt. Na klar, wir alle! Und damit letztlich niemand. Der Mann denkt an die Zukunft, sprich: an die nächste Tour.

Dopen ist wie Wettrüsten

Das Dopingproblem weist erstaunlich strukturelle Parallelen zum Wettrüsten des Kalten Krieges auf: 1. Eigentlich will es keiner. Immer wieder betonten die geständigen Athleten, dass sie einem Zwang erlagen. Der Andere tut es, also muss ich es, um nicht „abgehängt“ zu werden, auch tun. 2. Es ist (selbst)zerstörerisch. Doping zerstört das Vertrauen, die moralische Integrität derer, die dopen und letztlich ihre Körper. Es frisst Ressourcen und sorgt für Abhängigkeiten. Am Ende verlieren alle, auch die „Sieger“. 3. Es eskaliert mit dem technischen Fortschritt. Amphetamin, EPO, Eigenblut, Gen-Doping. Die Generationenfolge liest sich wie die Chronologie stetig verbesserter Raketensysteme.

Ähnlich verhält es sich mit dem möglichen Lösungsszenario: Statt radikale Ansätze wie libertäre Legalisierung oder erbarmungslose Bekämpfung zu verfolgen, wird das realistischste wohl sein, auf kleine „Abrüstungsschritte“ zu setzen und in Verhandlungen mit allen Beteiligten zu vereinbaren. Denn einen Radsport ohne Doping zu fordern, gleicht der gescheiterten Radikal-Forderung „Frieden schaffen ohne Waffen.“. Immer weniger „Waffen“, das sollte der gangbare Weg sein, der zukünftig zu beschreiten sein wird. Und wer garantiert uns, dass keiner von diesem Weg abweicht? Niemand! Das galt und gilt auch für die Abrüstung.

Dabei gilt zu bedenken: Die Bundeswehr hat einen größeren Bedarf an Waffen als die Schweizer Garde, was schlicht damit zusammenhängt, dass sie andere Aufgaben wahrzunehmen hat. Wer die Tour de France mitfahren will, braucht andere unterstützende Mittel als der Radwanderer, die dem Tour-Fahrer auch zugestanden werden müssen. Wer für einen guten Job, und der des Radprofis ist ein solcher, ein kalkuliertes Risiko eingeht, in Absprache mit seinen Ärzten, gefährdet sich dabei nicht mehr und nicht weniger als jeder andere, der seine Gesundheit ein stückweit dem beruflichen Erfolg opfert – und wer könnte sich davon ausnehmen?

“Diese Heuchelei ist es, die die Jugend verdirbt, weil sie sie sehr genau durchschaut”

Selbstverständlich ist diese Position zu bestreiten: Ein „bisschen Doping“ – kann und darf es das geben? Haben nicht die Athleten eine Vorbildfunktion? Was ist mit der sportbegeisterten Jugend? Hierzu ist zu sagen, dass wie bei anderen Drogen auch, etwa beim Alkohol, es mehr auf den verantwortungsvollen Umgang als darauf ankommt, das Thema ganz aus der Öffentlichkeit zu verbannen, bei jeder Gelegenheit zu ächten oder am besten totzuschweigen, dann aber heimlich weiter zu saufen. Diese Heuchelei ist es, die die Jugend verdirbt, weil sie sie sehr genau durchschaut. Diese Heuchelei ist es auch, die die Preise nach oben treibt, weil das Illegale nun mal ein wenig mehr kostet.

Diese Heuchelei fördert den Missbrauch und die Fehldosierung, weil nicht offen über positive wie negative Ergebnisse und sinnvolle wie nicht sinnvolle Anwendungsmodi sich ausgetauscht werden kann. Damit steigt letztlich auch die Zahl derer, die unter den Spätfolgen des Dopings leiden. Aufklärung ist das Gebot der Stunde, über Möglichkeiten und Nebenwirkungen, Chancen und Risiken des Dopings. Dazu gehört – neben dem Verbot der schlimmsten Substanzen bzw. Methoden und harten straf- wie zivilrechtlichen Normen – auch eine Positiv-Liste, die zulässige Hilfsmittel deklariert und dem Bedarf der Szene einen Schritt entgegenkommt.

Die Alternativen zu diesem Programm lauten „Alibi“ und „Aufgabe“. Entweder („Alibi“): Alles läuft weiter wie bisher, d. h. es wird gedopt, es wird vertuscht, es wird erwischt, es wird geweint, oder („Aufgabe“): Der Beruf des Radfahrers wird illegal und die Pro-Tour eingestellt. Beides ist nicht wünschenswert.

Erstveröffentlichung bei "Readers Edition" Autor Josef Bordat Grundlage für Zweitveröffentlichung Creative Commons-Lizenz

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