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Medien: Musik

Vereint im Brei - Eurovision Song Contest

Erstveröffentlichung: www.readers-editon.de Autor: TheRealBook

“Ukraine wickelt sich in Alufolie mit Maikäfer-Ant
“Ukraine wickelt sich in Alufolie mit Maikäfer-Ant
Das Festival der musikalischen Grauenhaftigkeiten - so nannte ich den Eurovision Song Contest immer, wenn er sich wie jedes Jahr in mächtiger Breite über die TV-Kanäle ergoss. Im Grunde hat sich an dieser stillosesten aller Musikaufdringlichkeiten nichts geändert, und so hält sich heute der Schreck über die Dichtmassigkeit des schlechten Geschmacks zwar in Grenzen, dennoch tut es einem in Aug und Ohr unsittlich weh, was die Piepser der europäischen und außereuropäischen Länder im gigantomanen Bühnen-Brimborium von sich geben. Viel Lärm um Mega-Nichts.

Zugegeben, ich tue mir - aus Gründen unverschämter Hämelust - sämtliche Musiksendungen an, sogar die diversen Stadel, und studiere dabei vor allem jene keckfrischen Harmonie-Apologeten, die Musik jedesmal in eine Darbietung des gelierten Grauens zu verwandeln vermögen. Darum ist das hier auch ein Gipfelwerk an subjektiver Betrachtung. Anders geht es nicht, denn alles andere wäre Lustlosigkeit.

Abgesehen von Deutschland, Frankreich, Spanien und GB fehlen diesmal viele EU-Kernländer. Sie haben ausgeklungen. An ihre Stelle im musikalischen Wettkampf ist nun ein ganzer Hops-Block post-kommunistischer Länder und Länderchen getreten, teilweise Musiknationen von großer Tradition wie Russland, Bulgarien und Rumänien, doch was sie in ihrer neo-europäischen oder quasi-europäischen Stimmung von sich geben, ist weniger als breit lächelnde Bittersüße. Eine neue Union von hypermodisch tuenden Junggenerationen, deren Klang-Ablass aus einem Massenbrei dann auch noch unterschiedlich bewertet werden will, fordert Zukunft. Euro und Vision.

Oft erstaunt hat mich daher die Fähigkeit von Jurien, überhaupt Unterschiede zum Zwecke einer Bewertung des breiigen Klangspektakels herauszuhören und dafür auch noch “gerechte” Punkte abgeben zu können. Eine Differenzier-Kunst der Supersensibilität. Doch geht es um Musik ? Eine Punkte-Orgie balkanophiler Nachbarschaftsbeglückung scheint das vordergründige Anliegen der Bewertungsaktivisten zu sein. Diesmal fällt alle Symphathie in den serbischen Topf, selbst wenn man sich bei aller Anstrengung an keine bleibende musikalische Kontrast-Äußerung erinnern will.

“Man ist vereint in einer Musik, die zwecks Gleichklanges konstruiert wurde, und auch so atmet. “

Den Serben folgt die Ukraine. Sofort wird man metalliger Objekte im Mars-Outfit eingedenk, die käferartig im Kreis gehupft sind. Keine Menschen mehr - und überhaupt : Keine Individuen.

Kaum ein Solo-Auftritt. Das Festival hat also vor allem der Auslöschung des Individuums gehuldigt. Gruppen von zwar verschieden gestylten, in ihrer Verschiedenheit jedoch ungemein gleich aussehenden Hopsern stärken eine sirenende Zentralgestalt, doch auch die Stimmqualitäten unterscheiden sich kaum in ihrer bleiernen Vergeblichkeit. Jedes Land klingt gleich im Nichtklang. Menschheitsverbreiung.

Man sieht Europa. All-Europa und seine Jugend. Hoffnungseuropa. What a wonderful show ! Jahaaa ! Früher schon habe ich mich gewundert über diese allzeit froh-sterile Jugend, die überall gleich aussieht. Europäer sein heißt : gleich aussehen und gleich tönen. Welches Demiurgentum ist da am Werk ? Alle lachen und hopsen ohne Kummer. Fähnchen schwingen im friedlichen Verband. Man ist vereint in einer Musik, die zwecks Gleichklanges konstruiert wurde, und auch so atmet. Breiern. Diätisch. Überfroh. Und wenn Musik zum Diät-Brei wird, steht es auch um die Geschlechter schlecht. Frauen jedoch sind immer Frauen und schön. Das singende Mannstum wiederum verfraut dramatisch, je frauenferner es innen fühlt. Da taucht auch schon der deutsche Punkte-Zirkusdirektor auf und verrät seine Gunst. 10 Punkte für die Türkei. Shake it ! Sekerim. Mein Zucker.

Das Punktevergabegesicht Deutschlands ist kein Mannsgesicht, sondern eine puppenhaft schillernde Schminkmaske. Faschingsprinz. Aber musikalisch hat Deutschland etwas Gutes hingelegt, vielleicht das beste und einzig erträgliche, weil es tatsächlich mit lebendiger Musik zu tun hatte. Der deutsche Cicero gab sich jazzy und produzierte somit ein völlig ungewohntes Klanggefühl, was von den Aliens auch total unbeantwortet blieb. Irdisches wird nicht mehr wahrgenommen. Feindesklang.

Jung-Europa huldigt berauscht der faschinghaften Künstlichkeit ohne Fleisch und Blut. Künstlichkeit ohne Kunst. Kunst herausgefiltert, obwohl niemals zuvor drin. Nicht einen einzigen kunstvollen Ton gehört ! Homöopathie ? Schade, dass die musikstarken Balkanesen sich so verplastiken lassen. Doch sie wollen europäischer als die sinnesmüden Europäer sein. Ukraine wickelt sich in Alufolie mit Maikäfer-Antennen, der Rest in Zellophan, Gummi oder Karnevalsglitter. Kein Wurtsbrotpapier der Echtzeit. Udo Jürgens hat aus-mercyt. Der Grieche konnte wenigstens tanzen.

Photo Quelle/ Copyright: Travis Church/ Kaptain Krispy Kreme, cc creative commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 (via flickr)

Erstveröffentlichung bei "Readers Edition" Autor TheRealBook Grundlage für Zweitveröffentlichung Creative Commons-Lizenz

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