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Wissenschaft: Umwelt & Naturschutz

Wirtschaftlicher Klimaschutz, nicht Wirtschaft gegen Klimaschutz

Erstveröffentlichung: www.readers-editon.de Autor: Gernot Wagner

Klimaschutz muss sich vor allem um die Verhinderung unwahrscheinlicher Katastrophen bemühen, darf dabei aber die Kosten nicht gänzlich aus den Augen verlieren und sollte ein Stückwerk an Regulierungen tunlichst vermeiden.

Ökonomen lassen sich nur ungern zu Katastrophendenken hinreißen. Das Problem der menschlich verursachten globalen Klimaveränderung ist dabei keine Ausnahme. Zu lange waren Wirtschaftswissenschaftler unter den konservativen Stimmen, die jeglicher Taten skeptisch gegenüber gestanden sind.

Die Argumentation bezog sich dabei hauptsächlich auf ein Gedankenspiel mit Zinssätzen. Hundert Euro mit fünf Prozent jährlichen Zinsen veranlagt, wachsen in hundert Jahren auf 13.000 Euro. Umgekehrt erscheinen hohe potentielle Schäden in hundert Jahren in heutigem Geld äußerst tragbar. Warum sollten wir uns um potentielle, zukünftige Schäden der Klimaveränderung sorgen, falls wir heute relativ kleine Summen sparen können, um uns gegen große Schäden in der Zukunft zu versichern?

Hohe Zinsen sind unmoralisch

Der „Stern Report über die Ökonomie des Klimawandels“ gibt darauf die bisher vollständigste Antwort. Im Auftrag der britischen Regierung hat Sir Nicholas Stern, ehemaliger Chef-Ökonom der Weltbank, im Herbst einen Bericht präsentiert, der für sofortige und teure Maßnahmen zur Verhinderung einer Klimakatastrophe plädiert. Trotz seiner sechshundert Seiten lässt sich die Antwort des Berichtes auf diese Frage in einer einzigen Idee zusammenfassen: ein möglichst geringer Zinssatz.

Der gesellschaftsweite Zinssatz besteht aus zwei Komponenten: zum einen aus dem zu erwartenden Wirtschaftswachstum, zum anderen aus einem Diskontsatz der unserer Ungeduld entspricht. Wir konsumieren lieber heute als morgen. Der Stern-Bericht verwendet das moralische Gebot, dass der Diskontsatz für zukünftige Generationen auf null gesetzt werden soll. Der Generation unserer Kinder und Enkel muss derselbe Wert zukommen wie unserer eigenen.

Ein entsprechend geringer Zinssatz für große zukünftige Schäden rechtfertigt sofortige teure Maßnahmen. Allerdings läuft die Debatte über angebrachte Zinssätze am eigentlichen Thema vorbei.

Unsicherheit ist schwerwiegender als Risiko

Im Wesentlichen geht es um den Unterschied zwischen Risiko und Unsicherheit. Pokerspieler begegnen Risiko. Die Rahmenbedingungen sind jedem Spieler bekannt. Das Risiko besteht darin, dass niemand genau weiß, welcher Spieler welche der zweiundfünfzig Karten zieht.

Beim Klimawandel dreht sich vieles um Unsicherheit. Niemand weiß, welches Szenario wir in hundert Jahren ziehen werden. Viel wichtiger jedoch ist, dass niemand weiß welche Szenarien zur Auswahl stehen – ob zweiundfünfzig oder zweihundertfünfzig – und wie groß deren Wahrscheinlichkeit ist.

Sorgen verursachen dabei nicht relativ kleine, stetige Temperaturanstiege, die Klimaforscher mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen können. Es geht vor allem um katastrophale Veränderungen, von denen wir weder die genauen Auswirkungen noch die Wahrscheinlichkeiten kennen: ein Ende des Golfstroms; eine Austrocknung des Regenwaldes; oder eine losgelöste westantarktische Eisdecke, die ins Meer rutscht und binnen Jahren den Meeresspiegel um fünf Meter erhöht und Amsterdam, London, New York und dutzende andere Städte versinken lässt.

Die Chancen eines jeden dieser Horrorszenarien sind – hoffentlich – gering. Nichtsdestotrotz liegt in ihnen die größte Gefahr des Klimawandels. Dabei ist eine Debatte um den richtigen Zinssatz zweitrangig. Katastrophale Ereignisse in hundert Jahren stellen auch in heutigem Geld Katastrophen dar, egal welcher Zinssatz für die Umrechnung verwendet wird.

Einfache Versicherungen sind hierzu ebenso unlänglich. Versicherungen sind Meister im Umgang mit Risiken; mit Unsicherheiten sind sie viel weniger versiert. Nicht zuletzt beinhalten viele Versicherungsverträge Klauseln für „höhere Gewalt.“ Die Chance eines Meteoriteneinschlages verglichen mit jener eines Einbruchs ist verschwindend klein. Trotzdem bezahlt Ihre Haushaltsversicherung für entwendete Wertgegenstände, nicht aber für Attacken aus dem All.

Ein Einheitspreis für CO2

Bei der Wahl der Regulierung wirken Ökonomen oft einfallslos. Das Klimaproblem ist ein klassisches Marktversagen mit globalen Dimensionen. Einer Firma oder einem Haushalt kostet der CO2-Ausstoß nichts, die Gesellschaft hingegen trägt die Kosten des Klimawandels. Diese externen Kosten des Energieverbrauchs werden in den eigenen Entscheidungen nicht berücksichtigt. Die Antwort? Die privaten Kosten jenen der Gesellschaft angleichen. Dies lässt sich am unbürokratischsten, durchsichtigsten und fairsten durch eine einheitliche Steuer auf CO2 bewerkstelligen.

Die Transparenz dieser Steuer bedeutet leider auch oft ihren politischen Todesstoß. Die Kosten sind allzu offensichtlich. Viel leichter ist es, gratis Emissionszertifikate zu verteilen, erneuerbare Energie zu subventionieren und Glühbirnen zu verbieten. Solch ein Flickwerk an Regulierungen ist aber bestenfalls uneffizient und mitunter sogar kontraproduktiv. Eine nationale, europaweite und – in letzter Konsequenz – globale Steuer ist aus volkswirtschaftlicher Sicht jeder anderen Regulierung vorzuziehen.

Sofortige Maßnahmen ja, aber wirksam in zehn Jahren

Falls dieser Kommentar an die US-Regierung gerichtet wäre, hätte ich ihn nach diesem Abschnitt beendet. Präsident George W. Bush brachte erst in seiner diesjährigen Rede zur Lage der Nation das Wort „Klimaänderung“ über die Lippen. Während in Europa Politiker meist vom Ernst der Lage (zumindest laut offiziellen Reden) überzeugt sind, wird hierzulande allzu oft ein anderer Aspekt vergessen.

Klimawandel ist das Problem einer übervollen Badewanne, nicht eines laufenden Wasserhahnes. Selbst wenn wir über Nacht den Wasserhahn vollkommen zudrehen und jeglichen CO2-Ausstoß verhindern, ist das Problem noch lange nicht gelöst. Es wird Jahrhunderte dauern, bis das überflüssige CO2 aus der atmosphärischen Badewanne abfließt und auf den vorindustriellen Stand zurückkehrt. Temperaturen würden weiterhin ansteigen, Gletscher würden weiter schmelzen und die Chancen katastrophaler Klimaereignisse würden sich weiter vermehren.

Eines ist jedoch gewiss: eine solche nächtliche Aktion würde uns in eine äußerst schmerzliche Rezession katapultieren. Plötzliche Regulierungen würden viele Aspekte des täglichen Lebens schlagartig verteuern und viele Investitionen frühzeitig obsolet machen. Kraftwerke und Fabriken, aber auch Heizungsanlagen und Privatautos unterliegen einem natürlichen Investitionszyklus. Sie rentieren sich erst nach ein paar Jahren, verlieren zusehends an Wert und werden schließlich erneuert.

Vorhersagbarkeit spielt dabei eine enorm wichtige Rolle. Die Unsicherheit sich plötzlich wandelnder Gesetzeslagen und Bestimmungen verursacht nicht nur einiges an Kopfzerbrechen, sondern auch tatsächliche Kosten. Anders als bei möglichen Schäden in hundert Jahren lässt sich dieser Aspekt der Unsicherheit jedoch relativ leicht lösen.

Anstatt sofortiger radikaler Maßnahmen – wie etwa einer einheitlichen Steuer auf jeglichen CO2-Ausstoß – sollte die Politik eben diese Maßnahmen in Erwägung ziehen, baldmöglichst beschließen, aber sie erst in zehn Jahren greifbar machen. Dies ließe vielen Unternehmen und Haushalten genügend Zeit, Investitionsentscheidungen entsprechend anzupassen und würde die Kosten dieses fundamentalen Eingriffes in das tägliche Wirtschaftsleben signifikant verringern.

Das Prinzip verzögerter Regulierung wird in kleinerem Ausmaß fast immer praktiziert. Kaum ein Gesetz tritt am Tag nach dessen Verabschiedung im Parlament in Kraft. Das Jahrhundertproblem Klimaveränderung bietet jedoch eine einzigartige Möglichkeit, dieses Prinzip in noch größerem Ausmaß anzuwenden und würde so auch die Umsetzung einer weit greifenden Steuer erleichtern.

Soviel Zeit muss sein. Falls nicht, ist es für Emissionsverringerungen als Lösungsansatz ohnehin zu spät und wir sollten uns lieber auf die schöne neue Welt umstellen, in der Stabilität, Frieden und Freiheit eng mit dem veränderten Klima verknüpft sind.

Erstveröffentlichung bei "Readers Edition" Autor Gernot Wagner Grundlage für Zweitveröffentlichung Creative Commons-Lizenz

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